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6. Kapitel
Dämmerwelt
Langsam
hob Sara den Schlüssel, ließ ihn aber dann gleich wieder sinken.
„Sollten
wir nicht erst einmal diesen Turm hier gründlich untersuchen bevor wir uns nach
draußen ins Unbekannte stürzen?“ fragte sie eindringlich ihre Gefährten.
Doch Dirk
sagte: „Wozu? Ich habe nichts Besonderes entdecken können auf dem Weg hier
herunter. Keine geheimnisvollen Schriften oder Zeichen an den Wänden. Ihr
etwa?“
„Bisher
noch nicht aber Marvin schrieb doch, das etwas an den
Wänden geschrieben stehen muss!“ sagte Dennis ratlos.
Martin
erklärte, das er auch durch das „Sehende Auge“ nichts
besonders entdeckt hatte.
Einzig und
alleine auffällig für alle war das leicht grünlich schimmernde Dämmerlicht, das
von überall gleichzeitig und gleichmäßig den ganzen Turm in diffuses Licht
hüllte. Doch konnte niemand von ihnen eine eindeutige Lichtquelle ausmachen.
Das Licht schien aus dem nichts heraus zu entstehen.
Jetzt
sagte Kesse: „Also ich bin dafür, das wir jetzt endlich durch diese Tür gehen
und dann werden wir schon weiter sehen!“
Alle
stimmten ihr zu und Sara steckte entschlossen den Schlüssel ins Schloss und
drehte ihn langsam herum. Sanft schwang die Tür geräuschlos nach außen auf und
die Kinder traten vorsichtig ins freie hinaus.
Eigentlich
hatten sie etwas anderes erwartet, doch was sie sahen war dennoch eine
Überraschung für alle.
Sie
standen wieder auf dem Burghof der Selnauer Burg, der
diesmal nicht vom Mondlicht beschienen wurde, sondern ebenso von diesem
fremdartig erscheinenden grünen Dämmerlicht erhellt wurde.
Der Himmel
über ihnen glich einer im dunklen liegenden Wiese, die sich schier endlos in
allen Himmelsrichtungen erstreckte.
Weder der
Mond, so wie sie ihn kannten, noch irgendein Sternenfunkeln war in diesem grün
zu entdecken.
Niemand
sprach ein Wort als sie sich weiter umsahen.
Die Zelte
von Theos Bande standen unverändert auf dem Burghof. Ebenso ihre Mopeds, deren
Chromteile gespenstisch in dem grünen Zwielicht funkelten.
Dennis war
an die Feuerstelle heran getreten und starte fasziniert in die Kohlenglut
hinein, die immer noch am glimmen war. Allerdings glühte die restliche
Grillkohle jetzt in einem dunklen grün.
„Heilige
Madonna, wo sind wir nur gelandet. Kommt her und schaut euch das mal hier an.
Unglaublich!“ rief er dann seinen Begleitern zu und deutete auf die
Feuerstelle.
Dirk, der
mutig in die beiden Zelte hinein geschaut hatte und dabei feststellte, das sich niemand mehr in diesen aufhielt, ging nun zu der um
die Feuerstelle versammelten Gruppe hinüber.
Dennis
hielt prüfend seine Hände über die grünliche Glut und pfiff dann überrascht
durch seine Zähne. „Unglaublich, diese Glut ist völlig kalt. Wie ist das nur
möglich?“
Niemand
wusste darauf eine Antwort.
Dirk
erkundigte sich jetzt: „Hast du mal auf deine Uhr geschaut Dennis?“
Das hatte
er noch nicht und holte es deshalb jetzt nach. „Völlig normal, wir haben jetzt
00.59 Uhr und es ist Sonntag, der 21.5.2001.“
Till, der
ebenfalls einen Blick auf seine Uhr geworfen hatte, betätigte dies.
„Also sind
wir nicht in einer Welt, die rückwärts läuft. Aber wo sind wir hier nur
gelandet? Ich meine, schaut euch nur mal den Himmel an. Das kann es doch gar
nicht geben, keine Wolken, keine Sterne und wo steckt bloß unser Mond?“ sagte
Kesse und gähnte dann herzhaft ihre ratlosen Begleiter an.
„Warte,
ich schaue mal in meinen Hosentaschen nach. Möglich das ich den Mond dort
finde!“ witzelte Dirk.
Der
einzige der darüber lachen konnte war Martin.
Grade
schaute er nach dem Wohlbefinden von Florizwo, den er
die ganze Zeit in der leicht geöffneten Gürteltasche mit sich herum getragen
hatte. Verschlafen schnupperte er an Martins Fingern, gähnte und rollte sich
dann wieder in der mit Heu ausgepolsterten Tasche zusammen.
Dann sagte
er: „Wenn ihr mich fragt bin ich genau so Müde wie Florizwo.
Lasst uns doch zu unserem Lager zurück gehen und dann erst einmal schlafen
gehen!“
„Ich bin
dafür. In diesem unheimlichen Licht können wir jetzt sowieso kaum etwas
unternehmen!“ unterstützte Sara diesen Vorschlag.
Till ging
zu seinem Mofa hinüber und schob es dann zu dem Tor. Dabei fragte er zu Kesse
gewandt: „Sag mal Schwesterchen, wo ist den euer Lagerplatz genau?“
Kesse
schnappte nach Luft, sagte aber freundlich: „Du hast doch nicht etwa vor in
deinem Zustand mit dieser Mühle da zu fahren?“
„Verstehe
nur Bahnhof. Man Kesse, ich habe eiskalte Füße. Hast du schon vergessen, das ich hier die ganze Zeit ohne Schuhe rumlaufe? Sie passen
mir doch nicht weil ich jünger geworden bin!“
„Eben
Till, du bist jetzt ungefähr zwölf Jahre alt und keine 14 mehr. Das bedeutet,
das du keinen Führerschein hast!“
„Habe ich
wohl! Und außerdem, wer sollte mich hier noch mitten in der Nacht danach fragen
wollen? Ich meine schau dich doch nur mal um. Glaubst du ernsthaft, das es in
dieser grünen Welt Polizisten gibt die mich anhalten werden? Ich glaube, das
die hier andere Probleme haben werden!“
Dabei
deutete Till zum Himmel hinauf.
Bevor die
beiden jetzt eine Endlose Debatte über diese Frage führen konnten, mischte sich
Sara ein. „Lass ihn einfach fahren du Herzloses Miststück! Denk an seine kalten
Füße!“
Kesse fuhr
herum und keifte: „Das mit dem Miststück nimmst du sofort zurück, sonst
werde...“
Diesmal
war es Martin, der die beiden Mädchen in ihren aufkommenden Streit unterbrach:
„OK, ich schaue mir diesen lächerlichen Streit nicht mehr länger mit an. Bleibt
ihr zwei Kampfhennen ruhig hier oben und reist euch gegenseitig die Haare aus.
Ich jedenfalls gehe jetzt!“ Und zu Dirk und Dennis sagte er: „Was ist, kommt
ihr mit mir?“
Beide
nickten und marschierten nun hinter Martin her.
Till hatte
inzwischen sein Moped die Steinstufen hinunter bugsiert und schwang sich nun
auf den Sattel. „Wartet mal, wo ist den euer Lagerplatz nun?“ rief er laut.
Dennis drehte sich um und sagte: „Fahre einfach runter zum Sportplatz und warte
dort auf uns. Wir treffen uns da in etwa 20 Minuten!“
Als sie
endlich bei ihren Zelten waren stellten sie beruhigt fest, das alles noch so
war, wie sie es vor knapp drei Stunden verlassen hatten.
Till zog
mit in Saras Zelt ein und bald darauf waren alle in einem tiefen Traumlosen
Schlaf gefallen.
Fast 9
Stunden später erwachte Dennis als erster und sah sich verwirrt in dem fast
dunklen Zelt um.
Er drückte
den Beleuchtungsknopf seiner Uhr und las die Uhrzeit ab.
„11.30
Uhr.“ murmelte er verschlafen vor sich hin und rieb sich dann die Augen. Dann
stieß er Dirk ziemlich grob in die Seite, doch schnarchte dieser weiter vor
sich hin. Jetzt schüttelte er ihn kräftig an den Schultern und endlich schlug
er seine Augen auf. „Was ist los?“ gähnte er etwas knautschig seinen Freund an.
„Siehst du
was?“ fragte dieser ihn Aufgeregt.
„Man, es
ist mitten in der Nacht und dunkel. Warum weckst du mich dann einfach!“ maulte
Dirk.
„Es ist
eben nicht mitten in der Nacht, sondern fast Mittag verdammt. Um genau zu sein,
es ist jetzt 11.35 Uhr!“ Dabei hatte Dennis erneut auf seine Uhr geblickt.
„Oh
verschone mich doch mit deinen dummen Scherzen, es ist einfach noch zu früh
dazu!“ brummte Dirk verdrießlich und drehte sich dann auf die andere Seite.
Doch
Dennis ließ nicht locker. Er griff nach dem Reisverschluss, der den Zelteingang
verschloss und riss ihn mit einem lauten ratsch nach oben. Was er draußen sah
war genau das, was er erwartet hatte.
Er drehte
sich zu Dirk um und zog ihm die Decke weck. „Schau mal da raus und dann sagst
du mir, was du dort sehen kannst!“ zischte er seinen Freund wütend an.
Endlich
rappelte sich Dirk hoch und schaute dann sprachlos aus dem Zelt heraus.
*
Till wurde
von einem metallischen Geräusch geweckt, was ziemlich nervend auf seine Ohren
eindrang.
Er tastete
im Zelt herum und fand dann endlich Martins Taschenlampe, der scheinbar noch
tief und fest schlafend neben ihn lag.
Er
leuchtete jetzt in die Richtung, aus der das immer noch anhaltende Geräusch
erklang und sah dann den Käfig von Florizwo am
Fußende von Martins Luftmatratze stehen.
Rot
blitzten ihn die Augen von der Ratte entgegen, die für einen kurzen Moment ihr
tun unterbrach und bewegungslos verharrte, bevor sie dann weiter an den
rostigen Gitterstäben ihrer Behausung herum nagte.
Till
schaltete die Taschenlampe wieder aus und legte sich mit geschlossenen Augen
auf den Rücken.
Jetzt
tauchten die Erinnerungen des gestrigen Tages wieder in seinen Gedanken auf,
die er gerne als Traum abgetan hätte. Doch es war kein Traum. Er war
tatsächlich für eine Weile Unsichtbar gewesen und zudem auch noch zwei Jahre
jünger geworden. Und alles nur, weil er an diesen merkwürdigen Ring gedreht
hatte.
Aber warum?
Mit der
Hand tastete er nach dem Ring, den er immer noch an seiner Halskette trug. Ein
warmes, wohliges Gefühl durchströmte seinen Körper, als er ihn berührte.
Er
lauschte in die irgendwie unnatürliche Stille hinein, die jetzt eintrat, weil Florizwo ganz offensichtlich genug von dem sinnlosen nagen
an seinen Gitterstäben hatte.
Es war
geradezu unheimlich, wie sich diese Stille jetzt auf seine Ohren legte. Nur die
Atemzüge von Sara und Martin drangen unnatürlich laut durch die diffuse
Dämmerung, die innerhalb des Zeltes herrschte.
Er zuckte
heftig zusammen, als er die Stimme von Dennis aus dem Nachbarzelt hörte. Er
lauschte dem Gespräch zwischen ihm und Dirk und dann kroch er langsam zum
Zeltausgang um ebenfalls das zu sehen, was Dennis dort draußen so zu
beunruhigen schien.
Dirk fand
endlich seine Worte wieder. „Aber das ist doch nicht möglich, wo ist den bloß
unsere Sonne hin?“
Dennis
wusste es nicht.
Gebannt
sah er in den Himmel hinauf, der noch genauso dunkelgrün und dennoch leicht
leuchtend über ihnen hing. Er zuckte leicht zusammen als Till sich aus dem
Nachbarzelt meldete: „Hallo ihr zwei!“
Dirk sah
hinüber und erkannte Tills wuscheligen blonden Haare, die aber durch das
grünliche Licht nicht mehr so blond wirkten.
„Sag mal
Till, was für eine Zeit sagt deine Uhr an?“ wollte er nun von ihm wissen.
Irgendwie
hatte er insgeheim die Hoffnung, das Dennis Uhr falsch
ging oder kaputt war. Doch wurde er enttäuscht. Denn Till sagte nach einem
kurzen Blick auf seine Uhr: „Es ist jetzt 11.36 auf meiner Uhr, also eigentlich
müsste es ja Hell sein!“
„Ist es
aber nicht! Last uns die anderen wecken. Ich denke es gibt vieles zu Bereden!“
entschied nun Dirk und keine zehn Minuten später saßen alle in einem Kreis
zusammen und aßen ihren restlichen Proviant.
Jedem war
klar, dass sie wieder einmal in eine andere Welt gelangt waren, die nur
scheinbar ihre eigene war. Außer der ewig anhaltenden grünen Dämmerung gab es
noch etwas, was sie alle beunruhigte. Es herrschte eine grade zu unnatürliche
Stille, die sich niemand erklären konnte.
Dennis
sagte jetzt: „Irgendwas hört man immer, die Autos von der Schnellstraße, ein
Hund der bellt, irgendwelche Geräusche halt. Aber hier ist nichts, einfach
nichts als Stille!“
„Aber
heute ist Sonntag, da ist doch ohnehin nicht viel betrieb auf den Straßen.“
versuchte Sara eine Erklärung zu finden doch wusste sie innerlich, das selbst
für einen Sonntag diese Ruhe recht unnatürlich und unheimlich war.
„Ich
schlage vor, das wir ins Dorf gehen und uns mal etwas
umschauen. Dann werden wir sicher klüger sein!“ schlug Dennis vor und Dirk
sagte: „Genau. Irgendetwas muss hier zu finden sein, möglicherweise ein
Portalsymbol oder unser siebter Mann!“
„Was macht
dich da so sicher, das es ein Junge sein wird?“ erkundigte Sara bei ihm, doch
Dirk wusste darauf keine Antwort und schwieg deshalb.
Till
fühlte sich bei dieser Besprechung reichlich unwohl, da niemand Anstalten
machte ihn über die bisherigen Ereignisse zu unterrichten. Schließlich meldete
er sich etwas ärgerlich zu Wort: „Ich glaube, das ihr mir jetzt mal endlich
erklären solltet, worum es hier eigentlich geht! Außer, das ich jünger geworden
bin und mich mit diesem Ring hier unsichtbar machen kann, weiß ich nämlich
nichts! Ihr redet von einem „Steinigen Ritter“, einer Welt, die ANDERSWO heißt
und noch mehr irres Zeug, wo von ich eigentlich
überhaupt nichts verstehen kann. Also, wenn ich ein Mitglied Eurer Rächer Bande
oder wie immer ihr euch auch nennen mögt, sein sollte, muss ich auch wissen was
hier abgeht. Oder sieht das hier jemand anders!“
Alle sahen
zu Till, der nun abwartend in die Runde blickte.
Dennis
sagte schließlich: „Sorry, tut uns leid. Du hast recht. Klar erzählen wir dir,
was wir wissen. Es ist zwar nicht viel, aber immer hin wirst du dann wissen,
worum es hier geht!“
„OK, dann
höre mir mal gut zu!“ sagte Dirk und fasste dann ihre bisherigen Erlebnisse
kurz zusammen.
Mit
ungläubigen staunen lauschte Till seinen Worten und als Dirk endlich fertig
war, holte er tief Luft und sagte: „Es ist einfach unglaublich. Wenn ich nicht
mit eigenen Augen die Vorgänge gestern Nacht auf dem Turm gesehen hätte, würde
ich euch alle miteinander für verrückt erklären.
Oder bin
ich es, der möglicherweise verrückt geworden ist? Immerhin bin ich...“
Sara
unterbrach ihn. „Nun ich glaube das du nicht verrückt bist. Aber du solltest
uns jetzt mal besser von deinem Ring erzählen. Wo hast du ihn eigentlich her?“
„Ich habe
ihn gefunden. Vor etwa drei Wochen war ich mit Theo oben an der Grillhütte.
Als wir
zurück fuhren, haben wir im Straßengraben jede Menge Unrat entdeckt, der in
Plastiksäcken verpackt dort von jemand hinein geworfen worden war. Eigentlich
wären wir vorbei gefahren, wenn ich nicht plötzlich dieses funkeln zwischen den
Mülltüten gesehen hätte. Na ja, ich stieg ab und da lag er einfach so zwischen
den stinkenden Abfallsäcken herum!“
„Hast du
da irgend etwas gemerkt oder gespürt, dass es ein besonderer Ring ist?“ wollte
seine Schwester von ihm wissen.
„Nein,
überhaupt nichts. Ich fand nur, dass er sehr wertvoll aussah und steckte mir ihn
an die Hand. Da war nichts, keine wärme, kein friedliches Gefühl der Ruhe
und...“
„Was? Was
war da nicht?“ entfuhr es Dirk etwas irritiert.
Jetzt
erzählte Till, was er seit gestern mit diesem Ring erlebt hatte, bis hin zu
ihrem zusammen treffen auf dem schmalen Wald Pfad.
Die Sache
mit Theo und Svenja verschwieg er allerdings. Er hielt es nicht für besonders
wichtig, eher mehr als nur peinlich. Doch Sara verschonte ihn nicht, denn jetzt
sagte sie in einem gewollt mitleidigen Tonfall: „Sag mal Till, den Ring hast du
doch meiner großen Schwester geschenkt. Wie kommt es, das du ihn jetzt wieder
hast?“
Till
schwieg und blickte verlegen zu Boden.
Bevor Sara
weiter sticheln konnte mischte sich Kesse ein. „Sara, ich glaube das es nicht
wichtig für uns ist. Du kannst ja deine Schwester danach fragen, wenn du sie
das nächste Mal wieder siehst!“
Sara
schluckte und wollte grade etwas sagen, doch Martin hielt sie davon ab. Wusste
er doch, das es erneut zu einem Streit zwischen den
Mädchen kommen würde.
Deshalb
sagte er: „OK ich schlage vor, das wir alle jetzt ins Dorf gehen und uns dort
einmal umschauen.
Dann
sollten wir wieder zur Burg hinauf marschieren. Der Turm geht mir nicht aus dem
Kopf und ich glaube, das wir dort etwas finden werden was uns weiter helfen könnte.
Was meint ihr?“
Alle
fanden den Vorschlag gut und so machten sich die sechs Kinder auf den Weg.
Florizwo saß wie immer in Martins
Gürteltasche.
Sie hatten
beschlossen lieber zu Fuß zu gehen. Auch wenn Till laut protestiert hatte.
Schließlich musste er Barfuß laufen. Doch Sara hatte zur Überraschung aller
Till angeboten, ihm Schuhe von ihr zu geben, wenn sie an ihrem Haus vorbei
kämen.
„Und wenn
Svenja mich sieht?“ hatte er unsicher gefragt. Doch Sara hatte nur trocken
geantwortet: „Dann stelle ich dich ihr einfach als deinen jüngeren Bruder vor,
das klappt bestimmt. Aber sie wird dich schon nicht sehen. Ich gehe erst rein,
wenn ihr euch alle am Haus vorbei geschlichen habt. Gans einfach!“
Jetzt
liefen sie nebeneinander auf der Straße in das Dorf hinein.
Gleich
links stand ein großer Bauernhof, doch nichts war zu hören. Keine Kuh die
muhte, kein Schwein was grunzte. Auch die Hühner mussten ihre Sprache verloren
zu haben. Selbst von den beiden Schäferhunden, von denen Sara wusste, das diese immer bellten, wenn sich fremde näherten, war
nichts zu hören.
„Wartet,
ich glaube das sollten wir uns mal aus der Nähe anschauen!“ flüsterte Dennis
den anderen zu. Vorsichtig schlichen die sechs zu den Ställen hinüber und
schauten dann in ein offen stehendes Tor.
Trotz des
hier herrschenden schummrigen Lichtes erkannten alle, das der Stall völlig leer
war. Auch in den angrenzenden Schweinestall rührte sich kein Lebenszeichen.
„Die Kühe
könnten auf der Weide sein und die Schweine beim Metzger in der Fleischtheke!“
sagte Dirk lachend. „Alle? Ich meine der Bauer Huber hat über 40 Schweine!
Nein, hier stimmt etwas ganz und gar nicht!“ entgegnete ihm Sara.
„Ich gehe
jetzt zum Wohnhaus und schelle mal!“ sagte Martin.
„Wozu?
Willst du nur guten Tag sagen und dann verschwinden?“ wollte Dennis wissen.
„Nein, ich
frage wenn einer da ist, ob sie mir frische Eier verkaufen können. Und so ganz
nebenbei erwähne ich einfach mal das Wetter. Mal sehen, ob ich so etwas über
unseren grünen Himmel erfahren kann!“
Doch
niemand schien im Haus zu sein. Auch das klopfen an den unteren Scheiben lockte
niemanden aus dem inneren des Hauses heraus.
Schließlich
gaben sie es auf und gingen weiter in das schweigende Dorf hinein. Keine
Menschenseele zeigte sich auf der Straße. Nirgends bellte ein Hund, kein Auto
oder Traktor bewegte sich. Hier war nichts, nur die verlassenen Häuser, die
gespenstisch in dem grünen Dämmerlicht auf die Rückkehr ihrer Bewohner zu
warten schienen.
„Vielleicht
sind sie alle in der Kirche, heute ist ja immerhin Sonntag und...“ versuchte
Kesse eine Erklärung, doch Sara schnitt ihr erbost das Wort ab. „Ach, und da
haben sie gleich alle ihre Kühe, Schweine, Hühner und Schafe mitgenommen um sie Taufen zu lassen? Hör
schon auf damit. Wir sind ganz offensichtlich die einzigen Lebewesen hier im
Dorf, ja möglicherweise auf der ganzen Welt!“
„Ich
fürchte, Sara hat recht!“ sagte Martin leise, der angesichts dieser Vorstellung
doch etwas aus der Fassung geriet.
„Cool, nie
wieder Schule, keine Ärzte mehr, die einem Spritzen in den Hintern jagen und
alles gehört nun uns. Man ist das abgefahren!“ freute sich Dirk, dem das ganze
irgendwie gefiel.
„So, da
vorne wohne ich, wartet am besten einfach hier. Ich springe rasch rein und
suche für Till ein paar passende Schuhe raus!“ rief Sara plötzlich und
verschwand schnell in der Dämmerung.
„Wir
sollten sie nicht alleine lassen, kommt folgt mir!“ sagte Martin entschieden.
„Du hast
recht. Hier sollte wirklich niemand von uns alleine unterwegs sein. Los hinter
her!“ gab Dirk ihm recht und so folgten sie Martin bis Saras Haus.
Die
Haustüre stand weit offen und aus dem inneren konnten alle Saras leise vor sich
hin Fluchen hören.
„Warum
macht die denn kein Licht?“ flüsterte Kesse.
Inzwischen hatten alle in der Gruppe aufgehört laut zu sprechen.
Man Kesse,
sieh dich doch mal um hier, siehst du da irgendwo in den Häusern ein Licht
brennen?
Ich denke
mal, das es überall hier kein Strom mehr gibt. Keine
Menschen, kein Strom. Ist doch nur logisch, oder?“ hielt Dirk ihr einen kleinen
Vortrag, den Dennis jetzt unterbrach, als er seinem Freud heftig anstieß. „Sieh
mal da oben, das Fenster!“ Dabei deutete er zu einem sich im ersten Stock
befindliches, kleines Fenster hinauf.
Deutlich
konnten sie dort jetzt ein unruhig hin und herspringendes Licht erkennen, was
schemenhaft durch die sich davor befindlichen Gardienen zu sehen war.
„Sie
hat eine Taschenlampe gefunden.“ flüsterte Kesse.
Alle
starten wie Hypnotisiert hinauf und so bemerkte niemand, wie Sara leise aus dem
Haus geschlichen kam und dann verärgert und ziemlich laut rief: „Spinnt ihr?
Ihr solltet doch...“
Weiter
kam sie nicht mehr, denn ein Schrei des Entsetzens war die einstimmige Antwort
der geschockten Gruppe.
„Bist du
morsch im Gebälk Sara!“ kreischte Kesse, deren Beine weich wie Gummi geworden
waren.
„Warum
schleichst du dich hier wie eine Katze rum und...“
Kesses Stimme erstarb nun völlig. Dirk, dem
der Schreck ebenfalls im Gesicht geschrieben stand, stotterte: „Sara, Sara...,
Sag warst du eben alleine im Haus?“
„Was soll
die blöde Frage, klar niemand da. Meine Schwester, meine Oma und selbst meine
Fische, alle sind verschwunden!“
„Aber, wer
ist dann das dort oben? flüsterte Dirk mit zittriger Stimme und deutete dann zu
dem geschlossenen Fenster hinauf.
Sara
schüttelte nur den Kopf und überreichte Till wortlos ein paar Sportschuhe,
während sie gleichzeitig nach oben sah.
Doch das
Fenster war dunkel. Grade wollte sie etwas sagen, als erneut das flackern eines
Lichtes hinter den Vorhängen aufblitzte.
Ohne das es einer Verständigung bedarf, entschlossen sie sich
alle für die Flucht und hetzten die Straße hinauf. Erst nach der nächsten Kurve
hielten sie schnaufend an. Nach Luft ringend sagte Sara schließlich: „Das
Fenster, das war mein Zimmer. Ich war gerade noch in den Raum, aber da war aber
niemand. Zumindest habe ich niemanden dort bemerkt!“
„Wir
sollten zurück gehen und heraus finden, wer sich bei euch im Haus
herumschleicht.“ murmelte Martin leise zu Sara gewandt.
Doch diese
schüttelte nur ihren Kopf und sagte dabei: „Nein, ich will es gar nicht
wissen!“
Sie machte
eine kurze Pause und meinte dann: „Wenn ihr aber unbedingt dorthin zurück
müsst, nur zu. Ich werde euch bestimmt nicht aufhalten!“
Dennis
hatte eigentlich auch wenig Interesse daran zu Saras Haus umzukehren, doch ihm
war auch klar geworden, das dieser Unbekannte, der
sich in dem Haus herum trieb, möglicherweise wichtig für alle sein konnte.
Wer immer
es auch war, was hatte er dort zu suchen?
Ausgerechnet
in Saras Zimmer. Und warum hatte sich dieser Fremde vor Sara Versteckt, als
diese in ihrem Zimmer war? Hatte er Angst?
Das alles
waren Fragen, die geradezu nach einer Antwort schrien und deshalb gab Dennis
sich jetzt einen Ruck und sagte entschieden: „Martin hat recht. Wir sollten
heraus bekommen, wer oder was sich dort im Haus herum schleicht!“
„Aber es
könnte Theo sein oder der „Schwarze Ritter“ selbst. Man Dennis, es könnten
beide sein, die dort auf uns warten und uns dann...“ stammelte Sara jetzt recht
ängstlich und lies dabei offen, was die beiden mit ihnen anstellen würden, wenn
es sich dabei tatsächlich um Theo und ihren bösen Gegenspieler handeln sollte.
Grade
wollte Dennis sie beruhigen, als Dirk an Kesse herantrat und ihren Rucksack
rasch öffnete. Dabei zischte er: „Seit mal eben still bitte, unser Ball hat
auch etwas zu sagen!“
Er griff
hinein und holte den jetzt nur sehr schwach rot leuchtenden Ball heraus und
legte ihn vorsichtig zu seinen Füssen auf die Straße nieder. Dabei ging er in
die Hocke und legte seinen Kopf etwas schief, als er andächtig mit halb
geschlossenen Augen einem offensichtlich längeren Vortrag lauschte.
Alle waren
sich inzwischen darüber einig geworden, das der Ball ein Symbolischer Körper
von dem geheimnisvollen Orakel sein musste, von dem Prinz Marvin in seinem Buch
geschrieben hatte.
Noch immer
war es Dirk, der als einziger über seinem Ohrring die Stimme des Orakels hören
konnte.
Till, der
sich jetzt, wie alle anderen auch, ebenfalls einfach auf die Straße gesetzt
hatte, dachte an die seltsame innere Stimme die zu ihm gesprochen hatte, als er
den Ring am Finger getragen hatte.
Gehörte
diese Stimme auch diesem Orakel? Hastig nahm er seine Kette vom Hals und
steckte sich dann den Ring, ohne ihn vorher von der Kette zu lösen, schnell auf
seinem Ringfinger. Dabei vermied er es, ihn in irgendeiner Richtung zu drehen.
Wollte er doch vermeiden, das er erneut unkontrollierbar Unsichtbar, ja
möglicherweise nochmals jünger zu
werden.
Er
lauschte in sich hinein, jedoch konnte er keine Stimme wahr nehmen. Nur das
schon bekannte Gefühl der inneren Ruhe durchströmte erneut seinen Körper.
Dirk riss
ihn aus seinen Gedanken, als er sagte: „Ich kann ihn kaum verstehen, es ist wie
bei einer schlechten Funkverbindung, ein rauschen und knacken und..., wartet
mal. Jetzt wird es besser!“
Wieder
lauschte er angestrengt und alle konnten in dem fahlen, grünen Dämmerlicht
erkennen, wie sich über Dirks Gesichtszüge jetzt ein unglaubliches Staunen
breit machte.
Schließlich
erlosch das schwach pulsirdene Rotlicht im Inneren des Balls und Dirk, der als
einziger noch in der Hocke da gesessen hatte ließ sich sprachlos auf seinen
Hintern fallen.
„Was ist,
was hat das Orakel dir geflüstert, raus mit der Sprache!“ forderte Dennis, der
vor Neugier fast zu platzen schien.
Auch die
anderen wurden ungeduldig, doch Dirk hob abwehrend die Hand.
„Wartet,
ich brauche noch ein Weilchen. Die schlechte Verbindung eben und das was er
gesagt hat, ich muss es erst einmal selber auf die Reihe kriegen, OK?“
Seine
Gefährten schwiegen. Was sollten sie auch sonst tun. Etwas in der Nachricht
musste Dirk ziemlich aus der Fassung gebracht haben und das war sicher nicht
die schlechte Verbindung, die er mit dem Orakel gehabt hatte. Also warteten sie
geduldig ab, bis er endlich zu sprechen begann. Seine ersten Worte richtete er
direkt an Dennis.
„Sag mal,
sitzt du eigentlich gut? Und wenn ja, rate ich dir nur besser sitzen zu
bleiben, nicht das du uns noch Ohnmächtig wirst!“
„Sag mal,
hast du jetzt Grünspannfieber von dieser Dämmerung bekommen oder was hast du
für Probleme?“ erwiderte er nur, weil ihm nichts Besseres einfallen wollte.
Doch
irgendwie spürte Dennis, das sein Freund diesmal keine
Scherze machte.
„Weißt du,
der Fremde da im Haus, vor dem brauchen wir eigentlich keine Angst zu haben.
Den kennen wir nämlich alle hier und ich glaube, das
ich ihn sogar schon recht lange kenne. Länger als alle anderen in unserer
Gruppe, ausgenommen natürlich du selbst vielleicht, Dennis!“
„Wer ist
es verdammt! Spanne uns doch nicht so auf die Folter!“ sagte Dennis nun
ziemlich heftig zu seinem Freund.
Der Rest
nickte eifrig zustimmend und alle Augen hingen nun gebannt an Dirks Lippen, der
die Spannung sichtlich genoss, die er innerhalb weniger Minuten aufgebaut hatte.
Aber etwas
musste er noch tun, bevor er die Katze aus dem Sack lies, nur um ganz sicher zu
gehen. Deshalb schoss seine rechte Hand plötzlich und völlig unerwartet für
Dennis auf diesen zu und packte ihn so heftig an seiner Schulter, das dieser überrascht aufschrie.
Bevor nun
Dennis etwas sagen konnte, sagte Dirk: „Tut mir leid, aber ich wollte nur
sicher gehen, das du hier bist und nicht irgend ein Geist oder gar ein
Hologramm, so wie unser schwarzer Kuttenheini gestern auf dem Turm oben...!“
„Schon gut,
wer ist in dem Haus!“ unterbrach ihn Dennis barsch.
„Du bist
in dem Haus Dennis!“
Jede
Antwort hätte er erwartet, nur nicht diese.
Sie traf
ihn wie eine Ohrfeige mitten ins Gesicht und hätte er gestanden, so wäre er
unweigerlich in sich zusammen gesagt. In sofern war er Dirk irgendwie dankbar,
das er ihn vorgewarnt hatte. So fiel ihm nur sprachlos die Kinnlade herunter
und mit offenem Mund und weit geöffneten Augen schnappte er nach Luft.
Kesse, der
es nicht gerade fiel besser ging, fand endlich als erste ihre Sprache wieder.
Beruhigend legte sie Dennis einen Arm auf seine Schulter und sagte dann ernst
zu Dirk gewandt: „War das jetzt alles?“
„Leider
noch nicht ganz!“ antwortete er trocken. „Da ist noch etwas, etwas was uns
ziemlich große Probleme bereiten könnte. Wenn ich unseren Orakelball richtig
verstanden habe, ist unser Fremdling im Haus zwar Dennis, doch er ist nicht so,
wie er, ich meine nicht so, wie wir ihn jetzt kennen!“ sagte Dirk nun irgendwie
hilflos.
„Wie bin
ich denn, sag schon Dirk. Bin ich ein Monster, ein Geist oder...“ brach es nun
aus Dennis heraus.
„Nein,
keine Sorge. Das bist du nicht. Aber du bist höchstens zwei Jahre alt und was
noch viel schlimmer ist, du hast ein Portalsymbol mit dem du grade
herumspielst.
Es ist ein
Stein oder Kristall und dieses Teil hat dich, oder besser gesagt, dein Jüngers
ich, hier her gebracht. Direkt in Saras Haus, in diese Dämmerwelt hinein!“
Er machte
eine kurze Pause und sagte dann: „Wir haben uns doch alle gefragt, was für ein
Portalsymbol du wohl finden würdest. Ich glaube, diese Frage ist damit nun
beantwortet. Du hast es schon lange gefunden, vor Jahren schon und damals warst
du grade mal zwei Jahre alt!“
„Aber...!“
Mehr brachte Dennis nicht heraus.
Dirk hatte
nun wirklich einige Probleme, denn wie sollte er seinen Begleitern erklären,
was ihm das Orakel versucht hatte zu sagen.
Fest stand
für ihn nur, das der kleine Dennis wieder dahin zurück musste, von wo er her
gekommen war und das so schnell wie möglich.
Doch hatte
das Orakel auch eine Warnung ausgesprochen.
Der zwei
jährige Dennis in Saras Haus durfte auf keinen Fall den fast zwölf jährigen
Dennis sehen, geschweige denn hören.
Der Junge
durfte überhaupt niemanden aus ihrer Gruppe sehen. Dennoch mussten sie ihn
zurück schicken und zwar mit Hilfe des Portalsymbols, was er bei sich hatte und
dessen Funktion den kleinen Jungen natürlich nicht klar sein konnte.
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