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7. Kapitel
Anderswo
Auf einem
hohen Berg mitten im verdunkelten „ANDERSWO“ stand einsam und bewegungslos eine
versteinerte Gestalt. Um sie herum heulte und tobte ein eisiger Wind.
Alles
Leben schien aus ihr gewichen zu sein aber das täuschte nur.
In ihr
loderte das Leben. Wütend und hilflos dazu verdammt, als versteinerte Statue
hier oben zu stehen und nichts mehr für die Rettung seiner Welt tun zu können.
Es war
Prinz Marvin der tatenlos mit angesehen hatte, wie unten im Tal die Hauptstadt
seiner Welt Stück für Stück von einer kalten, schwarzen Nacht verschlungen
worden war.
Aber was
war eigentlich passiert?
Wieder
gingen Marvin die vergangenen Ereignisse durch den Kopf, die ihn in seinem jetzigen
und hoffnungslosen Zustand versetzt hatten.
Er konnte
nicht einmal mehr sagen, wie lange er jetzt schon versteinert hier oben herum
stand.
Waren es
nur Stunden, Tage oder gar Wochen her, seit der steinige Ritter plötzlich
unverhofft vor ihm gestanden hatte?
Er wusste
es einfach nicht mehr. Irgendwie hatte er sein Zeitgefühl völlig verloren und
es schien so zu sein, als würde er als Steinfigur auch kein Zeitgefühl mehr
brauchen.
Zeit war
bedeutungslos für einen Stein. Einen Stein, der in seinem innersten lebte und
vor Wut und Zorn kochte. Zorn auf den steinigen Ritter, der unaufhaltsam seine
Grausige Herrschaft über seine Welt gebracht hatte.
Wie heiße
Lava, die im Begriff war sich einen Weg durch ihr glühendes Gefängnis zu
brechen, loderte in Marvin ein nie gekannter tiefer Hass.
Einen Hass
auf den unheimlichen Ritter in Schwarz, von dem er noch nicht einmal wusste,
woher er eigentlich gekommen war und was dieser überhaupt mit seinen Taten
beabsichtigte.
Doch
Marvin konnte sich nicht bewegen und das war einfach nur grausam für den jungen
Prinzen.
Jetzt
erinnerte er sich wieder daran, wie er auf den Berg gestiegen war um dem Orakel das Buch zurück zu bringen.
Er wusste
auch noch, das er etwas in dieses Buch geschrieben
hatte. Etwas was für die sieben unbekannten Retter wichtig sein konnte, wenn
sie es schafften, dieses Buch zu finden.
Aber er
wusste jetzt nicht mehr, was genau er geschrieben hatte.
Das Orakel
hatte Marvin vorgewarnt, hatte ihm gesagt, das der
steinige Ritter bald erscheinen würde und das es dann nur alleine in seiner
Hand liegen würde, ob die sieben Retter aus jener für ihn noch unbekannten Welt
jemals hier her nach „ANDERSWO“ gelangen konnten.
Er sollte,
so hatte das Orakel ihm mit geteilt, dem steinigen Ritter den „Beutel der
Symbole“ entreißen, damit sich das Orakel dann selbst auf die Reise zu den
Rettern machen konnte.
Wie er das
anstellen sollte hatte das Orakel ihm jedoch verschwiegen.
Dann hatte
er die dröhnenden Schritte gehört. Er hatte gespürt wie die Erde bebte, als der
steinige Ritter den Berg hinauf gekommen war.
Schließlich
hatte dieser mit seiner gigantischen Größe von fast drei Metern vor ihm
gestanden und mit scheppernder Stimme zu ihm gesagt: „Du kleiner lächerlicher
Zwerg, gib mir was mir gehört!“
Marvin war
vor Angst wie gelähmt gewesen und hatte zunächst nicht gewusst, was er denn dem
Ungetüm, das tatsächlich aus schwarzem Gestein zu bestehen schien, eigentlich
geben sollte.
Doch dann
hatte das Orakel zu ihm gesprochen. Diesmal erklang dessen beruhigende Stimme
direkt in seinem Kopf. „Er will das Buch und das „SEHENDE AUGE“, doch darfst du
ihm beides nicht geben! Sieh auf seine rechte Faust!“
Marvin tat
es und erkannte dann, einen kleinen, aus braunem Leder zu bestehendem Rucksack,
der dort wie ein Spielzeug in dem kalten Wind baumelte, der seit dem Erscheinen
des Ritters, eisig um den Berggipfel pfiff.
„Das ist
der „Beutel der Symbole“ und wenn Buch und Auge erst einmal darin sind, ist
„ANDERSWO“ für immer verloren.
Es sei
denn, es gelingt dir diesen Beutel in deinen Besitz zu bringen! Benutze deinen
Verstand und beeile dich!“ Dann war die Stimme des Orakels wieder verstummt und
er war wieder auf sich alleine gestellt gewesen.
Er hatte
zitternd das Buch in seinen Händen zugeschlagen und sich dann auf seine
wackligen Beine gestellt. Dabei hatte er immer noch das Gläserne Schreibgerät
in seiner Hand gehalten, das ihm das Orakel für seine Aufzeichnungen überlassen
hatte.
Die
schwarze Tinte in der Glasröhre war zwar alle, doch von der blauen Tintenfarbe
war noch reichlich vorhanden.
Ohne genau
zu wissen, warum er es sagte hatte Marvin leise geflüstert: „Du willst wirklich
nur dieses wertlose Auge und dieses Buch?“
„So ist es
du Wurm. Lege beides vor dir auf den Boden und ich nehme es mir dann! Und rede
gefälligst etwas lauter mit deinem neuen König, verstanden!“ hatte der Ritter
zornig gebrüllt.
Doch
Marvin, jetzt etwas sicherer geworden hatte noch leiserer geflüstert: „Ich kann
nicht lauter sprechen. Ich bin erkältet. Warum kniest du dich nicht zu mir
herunter? Dann kannst du mich besser verstehen!“
Der junge
Prinz hatte nicht damit gerechnet, das der mächtige
Gigant genau das tun würde.
Doch
dieser hatte sich tatsächlich zu ihm herunter gelassen und dann hatte Marvin
zum ersten male die Feurigen Augen des steinigen Ungeheuers fast genau vor
sich, als dieser immer noch recht laut gebrüllt hatte: „Spiele gefälligst keine
Spielchen mit mir, du Bürschchen. Lege endlich die Sachen auf die Erde verdammt
noch mal!“
An dieser
Stelle war sich Marvin ganz sicher gewesen, das ihm nichts passieren konnte,
solange er beides nicht heraus gab.
Er wusste
zwar nicht genau warum, doch machte ihn dieser Umstand etwas mutiger und so
hatte er gefragt: „Und dieses wichtige Schreibgerät hier, das magische Wunderkräfte
in sich birgt, möchtest du nicht haben?“
Dabei
hatte Marvin ihm den Gläsernen Schreibstift vor seinen riesigen, glühenden
Augen gehalten.
„Ich habe
alle sechs Portalsymbole hier in meinem Beutel. Mir fehlen nur noch das
„SEHENDE AUGE“ und dein Buch. Sonst nichts mehr du jämmerliches Menschlein!“
hatte der Ritter zornig, aber nicht mehr ganz so sicher, gebrüllt.
Marvin
hatte sein gegenüber noch mehr verunsichert, in dem er dann gesagt hatte: „Bist
du sicher?
Ich meine,
du bist zwar groß und stark, hast sicher auch Zauberkräfte, doch bist du auch
klug?
Kannst du
überhaupt bis sechs zählen? Ich an deiner Stelle würde jetzt ganz schnell in
den Beutel schauen und einmal nach sehen. Ich bin sicher, das du nur fünf
Symbole dort drinnen hast und das dir dieses Schreibgerät noch in deiner
Sammlung fehlt!“
Während Marvin sprach, war er einen Schritt näher an
den Unhold heran getreten und hatte mit dem Glasstift mutig vor dem Raubtier
ähnlichen Glutaugen des Ritters herumgefuchtelt.
Dieser
hatte dann, durch Marvins Rede tatsächlich verunsichert den Beutel vor sich auf
den Boden gestellt und dann damit begonnen, unbeholfen mit seinen riesigen
Fingern die Lederriemen der kleinen Taschen zu öffnen, von den Marvin sechs an
der Außenseite des Beutels zu erkennen glaubte.
Wieder war
er einen Schritt näher heran gekommen und jetzt stand er unmittelbar vor dem
steinigen Ritter. Er hatte instinktiv gewusst, das er nur einen Versuch hatte
um in den Besitz des Beutels zu gelangen und das er genau jetzt handeln musste,
was er dann auch tat.
Mit voller
Wucht hatte er den Glasstift in einer der beiden mächtigen Augen des Ritters
geschleudert. Das Glas zersprang beim Aufprall und die blaue Tinte ergoss sich
zischend und dampfend in das Auge.
Jaulend
vor Schmerz hatte der steinige Ritter den Beutel losgelassen und war
aufgesprungen.
Marvin
hechtete auf den Beutel zu und steckte das Buch in einer der bereits geöffneten
Taschen. Er zog das „SEHENDE AUGE“ aus seiner Tasche und warf es zu dem Buch in
den Rucksack. Dann wirbelte er herum und sah auf das summende Orakel, dessen
geheimnisvolle rote Leuchtkraft sich noch verstärkt zu haben schien. Ohne
darüber nach zudenken warum er es tat, warf er den Beutel in die leuchtende
Kugel hinein, wo dieser sofort verschwand.
Während
der steinige Ritter vor Wut und Schmerz hinter Marvin herum taumelte,
verschwand auch das Orakel spurlos im nichts.
Danach
fehlte Marvin jede Erinnerung daran, was weiter geschah.
Er wusste
nicht, wie der Ritter ihn zu Stein verwandelt hatte. Aber als seine Erinnerungen
wieder einsetzten, hatte er sofort gespürt, das etwas
mit ihm nicht stimmte.
Jetzt
hoffte er nur noch, auf das baldige erscheinen der sieben vom Orakel
angekündigten Retter.
Aber
konnten die Fremden den Ritter wirklich besiegen? Er wusste es nicht.
***
Etwa zur
selben Zeit hatte Dirk seinen Freunden noch kurz mitgeteilt, dass es nichts
mehr in der Dämmerwelt für sie zu tun gab.
Das Orakel
hatte dem Jungen erklärt, das der „Turm des Wissens“ nur in „ANDERSWO“ zu
finden war und deshalb hatten die Kinder beschlossen, erst einmal zu ihrem
Lagerplatz zurück zu kehren.
Von dort
aus wollten sie dann zu der Höhle aufbrechen. Alle waren sich sicher von dort
aus nach „ANDERSWO“ gelangen zu können.
Doch bevor
sie los marschieren konnten, gerieten die Kinder in einen Streit.
Dabei ging
es darum, wie sie am schnellsten und einfachsten zu der Höhle gelangen konnten,
die fast 10 km von ihrem jetzigen Aufenthaltsort entfernt im Wald lag.
Sara löste
ihn aus, in dem sie sagte: „Ich schlage vor, das wir uns ein Fahrzeug besorgen
mit dem wir alle bequem zur Höhle fahren können!“
„Wie Bitte?“ entfuhr es Kesse, die für einen
Moment glaubte, sich verhört zu haben doch Sara sagte unbeirrt: „Es ist doch
so, das wir zu siebt sind und nur fünf von uns ein Fahrrad haben. Till hat sein
Mofa und Niels hat überhaupt kein Fahrzeug!“
„Das mag
schon sein Sara, aber wäre es da nicht besser, wenn wir uns dann noch zwei
Räder besorgen würden, statt eines Autos, was keiner von uns fahren kann!“
schrie Kesse sie aufgebracht an.
„Ich
dachte gar nicht an ein Auto, sondern an einen Traktor mit Anhänger!“ giftete
Sara Kesse an, die wütend aufgesprungen war und sich jetzt vor Sara aufbaute.
„Halt!“
rief Dirk jetzt laut.
„Bevor ihr
beide wieder einen Ringkampf veranstaltet, würde ich gerne mal von Sara wissen
warum wir einen Traktor brauchen sollten. Ach ja, viel wichtiger noch, wer soll
ihn denn überhaupt fahren? Ich jedenfalls kann das nicht!“
„Aber ich
kann es!“ fauchte Sara ungehalten.
„Das wäre
doch Diebstahl!“ mischte sich jetzt noch Martin ein und dann redeten alle wild
aufeinander ein, was natürlich nicht zu einem Ergebnis führen konnte.
Einzig
Till hatte bisher noch nichts zu diesem Thema gesagt und schließlich platzte
ihm der Kragen. Er stellte sich auf die Bank und brüllte, so laut er konnte
über die Köpfe der aufgebrachten Kinder hinweg: „Schluss jetzt mit diesem
Unsinn!“
Sein
energisches Auftreten brachte den gewünschten Erfolg und alle verstummten
sofort.
Till räusperte
sich und sagte dann: „Das ist schon viel besser! Setzt euch doch bitte alle
wieder hin und dann mache ich euch einen Vorschlag!“
Schweigend
setzten sich alle wieder auf ihre Plätzen und dann sagte Till: „So wie es
aussieht, sind wir hier geteilter Meinung. Aber wir kommen nicht weiter wenn
wir alle durcheinander herum schreien.
Deshalb
wird jetzt jeder einzelne von euch seine Meinung zum Thema Traktor sagen und
zwar einer nach den andern. Niemand fällt dem anderem ins Wort und zum Schluss
werden wir dann abstimmen. Die Mehrheit entscheidet dann, was gemacht wird!“
Maulend
sagte Sara: „Also gibt es doch einen Anführer in unserer Gruppe. Muss ich wohl
verpennt haben!“
„So ein
Unsinn Sara!“ sagte Till im ruhigen Ton. „Wir haben keinen Anführer. Aber grade
sah es doch tatsächlich so aus, als würden wir einen Anführer brauchen können.
Eben
gerade noch habt ihr euch benommen, wie eine Horde Kindergarten Kinder, die
sich in einem Sandkasten um eine Sandschaufel streiten. Und ich bin sicher, das
ihr euch immer noch zanken würdet wenn ich nicht dazwischen gegangen wäre!“
Till
machte eine kleine Pause und da alle jetzt irgendwie verlegen zu Boden
blickten, sagte er: „OK, also fangen wir mal an. Sara, du beginnst am besten!“
Sara
kochte innerlich vor Wut. Sie hatte doch nur das Beste für die Gruppe gewollt
und deshalb den Vorschlag mit dem Traktor gemacht. Hätte sie geahnt, wie heftig
die Reaktion der anderen darauf sein würde, dann hätte sie lieber ihren Mund
gehalten.
Aber jetzt
wiederholte sie ihren Vorschlag erneut und fügte dann noch trotzig hinzu: „Ich
möchte euch nur noch versichern, das ich tatsächlich Traktor fahren kann und
zwar mit Anhänger!
Ich habe
es vor zwei Jahren von meinem Onkel gelernt und seit dem fahre ich regelmäßig
mit einem Traktor. Das ist hier im Dorf nichts Besonderes. Wenn Heu eingeholt
wird oder die Kartoffelernte im Gange ist, immer war ich dabei!“
Sara
schwieg jetzt und Till erteilte nun seiner Schwester Kesse das Wort.
„Eigentlich
wäre gegen eine Traktorfahrt ja nichts ein zuwenden, aber ich habe persönliche
Gründe diese abzulehnen!“
Sie sah zu
ihrem Bruder hinüber und als dieser nur zustimmend nickte, fuhr sie fort: „Till
und ich haben vor zwei Jahren unsere Mutter bei einem Verkehrsunfall verloren
und die Unfallverursacher waren zwei Jungs, die nicht viel älter waren als wir.
Beide hatten Autos gestohlen und beide hatten keinen Führerschein!“
Kesse sah
nun Sara direkt ins Gesicht und sagte dann: „Es hat nichts mit dir zu tun,
glaub mir, aber egal ob du fahren kannst oder nicht, du hast nun einmal keinen
Führerschein. Auch wenn ein Traktor nur langsam fahren kann und uns mit
Sicherheit niemand in dieser Dämmerwelt entgegen kommen wird, egal ob mit einem
Auto, Laster oder sonst ein anderes Fahrzeug, niemals werde ich mit jemandem fahren,
der keinen Führerschein hat!“
Till
bewunderte seine Schwester, die hier grade offen vor einer großen Gruppe über
den Tot ihrer Mutter gesprochen hatte, auch wenn sie die schlimmen Einzelheiten
des Unfalls weggelassen hatte. Deshalb sagte er: „Ich schließe mich meiner
Schwester an und bin aus den gleichen Gründen gegen eine Traktorfahrt!“ Er
machte eine kurze Pause und sagte dann: „OK, Martin du bist jetzt an der
Reihe!“
Doch bevor
sich Martin zum Thema äußern konnte, meldete sich Sara nochmals zu Wort.
„Ich
glaube, wir brauchen nicht mehr weiter zu Diskutieren. Ich ziehe meinen
Vorschlag hiermit zurück. Es tut mir leid mit eurer Mutter und...“
„Es muss
dir nicht leid tun Sara!“ unterbrach sie Kesse etwas unsanft. Sara sah sie nur
an und sagte dann schließlich: „OK, ich habe einen neuen Vorschlag!“
„Und?“
wollte Niels wissen.
„Komisch,
das du das grade fragst, aber ich wollte dir Vorschlagen, das du das Fahrrad
meiner Schwester Svenja nehmen könntest. Da muss nur der Sattel etwas runter
und schon hättest du ein Fahrzeug!“
„Prima
Idee, aber was ist mit Till?“ wollte Niels wissen. Dabei richtete sich seine
Frage an die Allgemeinheit und Till selbst gab die Antwort darauf.
„Ich
denke, ich werde mit meinem Mofa fahren allerdings mit meinem Anhänger! Da
passt einiges an Gepäck hinein und davon werden wir sicherlich reichlich mit
uns rumschleppen müssen, nachdem wir uns erst einmal neu ausgerüstet haben
werden!“
„Weshalb
sollten wir das tun?“ erkundigte sich Sara.
Dirk hatte
sofort erkannt, was Till mit der neuen Ausrüstung gemeint hatte. Deshalb
erklärte er: „Wir brauchen zunächst einmal viel Proviant. Natürlich können wir
nicht wissen, ob wir in „ANDERSWO“ Nahrungsmittel finden werden. Möglich, das
alles dort zu Stein geworden ist und ehrlich gesagt habe ich keinen Bock auf
eine Steindiät. Davon bekommt man sicherlich Verstopfungen und das wäre Übel
für meine Verdauung. Und wenn ich an meine Zähne denke, dann...“
„Schon gut
Dirk!“ unterbrach ihn Dennis. „Was brauchen wir noch?“
„Wir
müssen uns Winterklamotten besorgen. Handschuhe, Jacken, festes Schuhwerk, kurz
all das was wir in einer kalten Jahreszeit so tragen.
Wir wissen
aus Marvins Buch, das es in „ANDERSWO“ ziemlich kalt sein muss. Jedenfalls
überall dort, wo unser steiniger Felsklotz sein zerstörerisches Werk schon
getan hat. Ich bin mir sicher, das „ANDERSWO“ einer
Winterlandschaft gleichen wird wenn wir dort ankommen werden!“
„Damit
hast du sicher recht!“ sagte Dennis, dem der Gedanke an einer Winterlandschaft
und der damit verbundenen Kälte überhaupt nicht behagte.
Martin
fragte jetzt: „Und was machen wir mit den Zelten?“
„Die
werden wir dort sicherlich nicht brauchen, hoffe ich jedenfalls!“ gab ihm Dirk
selbstsicher zur Antwort. Wenigstens glaubte er, das
sie nicht länger als einen Tag in „ANDERSWO“ verbringen würden. Und sollte es
doch länger dauern, mussten sie sich dort halt ein festes Nachtquartier suchen.
Sie
konnten ihre Fahrräder nicht mit in die Höhle nehmen. Dazu waren der
Höhleneingang und das später nach unten führendem Loch, was zum Portal führte,
einfach zu klein. Dieser Umstand wiederum bedeutete, das sie alle nur dass
nötigste an Gepäck mit sich führen konnten und das war sicherlich reichlich.
Für eine Campingausrüstung war also gar kein Platz mehr.
Wenig
später war die ganze Gruppe unterwegs.
Sechs
Fahrräder und ein brummendes Moped verließen das Dorf. Zügig fuhren sie
hinunter in die 4 Kilometer entfernte Stadt, in der alle Gruppenmitglieder,
außer Sara, zuhause waren.
Dirk hatte
einen Fahrplan erarbeitet, weil jeder von ihnen zunächst einmal zu sich in die
Elterliche Wohnung fahren musste, um sich dort mit warmen Anziehsachen, die für
ihr weiteres Vorhaben nötig waren, auszurüsten. Auch an Proviant wurde gedacht,
Batterien, Feuerzeuge und der gleichen mehr.
Am Ende
war Tills Mofa Anhänger schwer beladen und Martin, dessen Haus die letzte
Station auf Dirks Fahrplan gewesen war, seufzte beim Anblick des Gepäckberges.
„Wie zum Geier sollen wir das alles tragen, wenn wir erst einmal in der Höhle
sind?“
„Na halb
und halb halt!“ witzelte Dirk, doch niemand lachte und Kesse schnaubte: „Ich
verstehe nur Bahnhof. Redest du hier von Hackfleisch?“
Dirk
verdrehte verächtlich die Augen, so wie er es eigentlich nur dann tat, wenn er
es mit Mädchen zu tun hatte, von denen er glaubte, das
sie irgendwie dumm seien.
Doch
inzwischen hatte er durch Kesse und Sara gelernt, das Mädchen doch ganz anders
sein können, hatte sogar Freundschaft mit ihnen geschlossen. Ein Umstand, der
etwa noch vor einer Woche undenkbar für ihn gewesen wäre. An Dennis wütend
aufblitzenden Augen erkannte er seinen Fehler und er beeilte sich, den Schaden
zu begrenzen.
„Entschuldige
Kesse, dumme Angewohnheit von mir. Es war wirklich nicht so gemeint wie das
eben aussah!“
„Schon OK,
also war das nun ein dummer Witz, als du eben von halb und halb gesprochen
hattest?“ Dabei lächelte Kesse ihn freundlich an.
„Eigentlich
nicht!“ erklärte nun Dirk. „Von unserer Ausrüstung werden wir tatsächlich nur
die Hälfte in unseren Rucksäcken tragen müssen. Die andere Hälfte, nämlich die
ganzen Winterklamotten tragen wir doch direkt am Körper. Wir ziehen das Zeug
an, bevor wir in die Höhle einsteigen. Unsere Sommerkleidung lassen wir
natürlich zurück. Versteht ihr jetzt was ich mit halb und halb meinte?“
Alle
verstanden es und endlich machte sich die Gruppe auf den Weg zur Höhle.
Till
tuckerte mit seinem Mofa voraus und wartete dann immer an der nächsten
Abzweigung auf den Rest der Gruppe. Auch in dieser grünen Dämmerwelt hatte sich
nichts an den Weg geändert, der sich immer noch überwiegend bergauf durch den
Wald schlängelte.
Drückend
lastete die unnatürliche Stille auf die Kinderschar und das dumpfe Dämmerlicht
tat ihr übriges. Schließlich stimmte Dirk ein Lied an, was alle kannten und vor
einiger Zeit die Hitparaden angeführt hatten. Je näher sie der Höhle kamen,
desto lauter wurde ihr Gesang, der am Ende nur noch einem Grölen glich.
Doch es
half ihnen allen, ihre Angst vor dem Unbekannten in den Griff zu bekommen, was
immer auch in der Höhle oder in „ANDERSWO“ selbst auf sie warten mochte.
Ein Zurück
gab es nicht mehr.
***
Marvin
schreckte aus seinen Gedanken auf, als er das leichte beben unter seinen
versteinerten Stiefelsohlen verspürte. Etwas näherte sich ihn und er war sich
sicher, das es nicht seine Retter waren.
Zur
Bewegungslosigkeit verdammt konnte er nur starr geradeaus über das weite Tal
blicken. Aber was neben oder gar hinter ihm vor sich ging, blieb seinen
Blickwinkel verborgen.
Doch taub
war Marvin nicht. Deshalb geriet er fast in Panik, als er jetzt die dröhnenden
Schritte hörte, die dann abrupt hinter ihm zum Stillstand kamen.
Donnernd
erklang nun direkt über Marvin die böse klingende Stimme des steinigen Ritters,
als dieser sagte: „Na du verlorener Prinz, deine Zeit ist nun gekommen!“
Marvin hätte
vor Angst geschrien, wenn er es nur gekonnt hätte. Doch seine zu Stein
erstarrten Lippen bewegten sich nicht.
Der Unhold
trat nun in sein Blickfeld und baute sich vor ihn auf.
Verächtlich
und mit einem spöttischen grinsen auf seinen riesigen wulstigen Lippen brüllte
er zu Marvin hinunter: „Wir zwei werden nun eine kleine Reise antreten, eine
Reise, die sicher deine letzte sein wird in dieser Welt, die jetzt mir gehört.
Mir ganz alleine!“
Bei seinen
Worten hob er seine gigantische rechte Hand und deutete mit seinen mächtigen
Zeigefinger auf den immer noch versteinerten Marvin.
Zuckend
entlud sich nun ein grellroter Blitz aus dem Finger und schlug knisternd,
begleitet von einem mächtigen
Donnerschlag in den wehrlosen Prinzen ein.
Die Wucht
schleuderte ihn rückwärts zu Boden. Noch bevor er richtig verstanden hatte, was
eigentlich passierte, brüllte der Steingigant: „Auf die Füße mit dir du
Möchtegern Prinzlein. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Deine unbekannten
Freunde sind auf den Weg hierher um mich zu vernichten, doch es wird ihnen
nicht gelingen!“
Marvin war
immer noch etwas benommen, spürte aber jetzt, das er
sich wieder bewegen konnte. Er versuchte aufzustehen, doch versagten beim
ersten Versuch seine Beinmuskeln und so plumpste er hilflos erneut zu Boden.
Der Ritter
kommentierte das mit einem boshaften Gelächter und sagte dann: „Hast du gehört,
was ich grade sagte?“
Marvin
nickte nur und wehrend er erneut versuchte auf die Beine zu kommen, die sich
irgendwie völlig taub anfühlten, teilte ihn der schwarze Ritter seine finsteren
Pläne mit.
„Ich werde
dich in den „Turm des Wissens“ bringen und dort in den tiefsten Kerker werfen,
den du dir vorstellen kannst.
Deine
Freunde werden dich suchen und der falschen Spur folgen, die ich für sie noch
vorbereiten werde. Und dann werde ich alle 7 mit einem Schlag aus dem
Hinterhalt vernichten! – Na Marvin, wie gefällt dir das?“ Wieder lachte der
Ritter boshaft in die eisige Kälte hinein.
Marvin
hatte es inzwischen geschafft. Zitternd stand er nun auf seinen immer noch
wackeligen Beinen und überlegte nun fieberhaft, wie er entkommen konnte.
Er musste
die 7 Fremden Retter irgendwie vor dem geplanten Hinterhalt des bösen Ritters
warnen. Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, riss ihn die Stimme seines
Peinigers aus seinen Gedanken. „Wenn ich die sieben Portalsymbole erst einmal
wieder habe, werde ich endgültig der Herrscher über alle sieben Welten sein und
du Marvin wirst versteinert neben meinem Thron stehen, für immer und ewig!“
Wieder
brach der Unhold in ein gemeines Gelächter aus, während Marvins Gedanken nun
Purzelbäume schlugen. Er war verwirrt, hatte er doch bis heute nur drei Welten
gekannt. Doch jetzt sprach das Monster von gleich sieben Welten. Zwar hatte er
„ANDERSWO“ bis heute niemals verlassen, aber sein Vater war oft über die
Portale nach „SONSTWO“ oder „NIERGENDWO“ gereist. Nie hatte er von weiteren
Welten gesprochen. Marvin fragte sich, wie diese anderen Welten wohl heißen
mochten.
„Hey
Marvin, bewege dich endlich den Berg hinunter oder soll ich dir noch das
fliegen bei bringen?“ donnerte über ihn der Ritter ungeduldig.
Er schien
es tatsächlich eilig zu haben und da Marvin nicht von diesem Widerling den
steilen Berg hinunter geworfen werden wollte, setzte er sich mühsam in
Bewegung.
***
Wie
Indianer bei einem Kriegsrat saßen unsere sieben Gefährten nicht weit von dem
Höhleneingang entfernt in einem Kreis beisammen und berieten ein letztes Mal
ihr weiteres Vorgehen.
Alle
hatten inzwischen ihre dicken Wintersachen angezogen und wie Dirk es voraus
gesagt hatte, war von ihrem gigantischen Gepäckberg tatsächlich nicht mehr viel
übrig geblieben.
Dennis
ergriff nun das Wort: „Eigentlich können wir überhaupt nicht viel beraten, da
wir nicht wissen was uns tatsächlich in der Höhle dort unten erwarten wird.“
Dabei
machte er mit seinem Kopf, auf dem nun eine gelbblaue Mütze saß, eine wage
Bewegung Richtung Höhleneingang.
„So ist
es!“ Pflichttete ihm Dirk jetz bei und sagte dann:
„Dort unten wird uns sicher keine Gefahr drohen, aber wenn wir erst einmal durch
das Portal gegangen sind, was sicherlich jetzt in dem geheimnisvollen Höhlenraum auf uns warten wird, können und
müssen wir einfach mit allem rechnen. Das steht einfach mal fest!“
Till
räusperte sich etwas um damit zu bekunden, das er auch etwas zusagen hatte.
Alle Augen sahen ihn nun an, als er eindringlich zu der Gruppe sprach.
„Egal, was
uns auf der anderen Seite des Portals erwarten wird, mag es auch noch so
unheimlich sein, eins dürfen wir niemals vergessen.
Wir sieben
müssen an uns glauben. Daran das es einen Sinn hat, das wir, von wem auch immer
dazu ausgesucht worden sind, gegen diesen Unheimlichen Steinklotz anzutreten.
Ihn zu besiegen und ihn für immer aus „ANDERSWO“ zu vertreiben ist unsere
Aufgabe!“
Till
machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: „Ich bin sicher, das wir es
schaffen werden, wenn der Steinritter nicht unsere Schwachstelle heraus findet,
die...“
Weiter kam
Till nicht mehr da Sara wie von der Tarantel gestochen aufsprang und wütend
fauchte: „Ich kann es einfach nicht ertragen, wie geschwollen du daher laberst
Till. Wie konnte sich meine Schwester nur in so einen Spinner verknallen!“
Till blieb
ungerührt von Saras Wutanfall im Schneidersitz sitzen und sagte nur: „Das ist
sie, unsere Schwachstelle!“
Sara
schnappte nach Luft und da niemand sonst etwas sagte setzte sie sich vor Wut
schnaubend wieder in das Laub zurück und maulte: „Ich, immer wieder ich. Hört
das denn niemals auf.“
Sie
verbarg ihr Gesicht in ihren Händen und fing leise an zu schluchzen.
Martin,
der neben ihr saß legte einen Arm um ihre Schulter und sagte: „Till meint dich
nicht damit, wenn er von einer Schwachstelle spricht. Er meint uns alle,
verstehst du nicht?“
Sara
schüttelte nur ohne aufzusehen den Kopf und Niels, der auch nicht verstanden
hatte was Till mit der Schwachstelle meinte, fragte ihn direkt: „Was genau ist
denn nun unsere Schwachstelle?“
„Ich
wollte es ja gerade erklären, doch da wurde ich von Sara unterbrochen und genau
das ist doch der Punkt. Nur wenn wir uns einig sind und wir bedingungslos
zusammen halten, werden wir dieses Abenteuer heil überstehen können. Nicht
aber, wenn wir uns streiten!“
Dirks Mine
erhellte sich, glaubte er doch zu verstehen worauf Till hinaus wollte. Deshalb
sagte er: „Ich verstehe was er meint. Nur gemeinsam sind wir stark. Tanzt einer
aus der Reihe, sind wir schwach und angreifbar. Jeder von uns besitzt ein
Portalsymbol, aber fehlt nur eins davon, etwa Saras Schlüssel, sind wir alle
verloren!“
Sara sah
nun mit geröteten Augen auf und fragte schniefend zu Till gewandt: „Ist das
war, was Dirk gesagt hat?“
Till
nickte und sagte: „Natürlich ist es so. Ich meine jeden von uns aus der Gruppe,
mich eingeschlossen. Nicht nur dich alleine Sara. Es war halt gerade ein gutes
Beispiel mit dir. Tut mir leid, wenn du das in den falschen Hals bekommen
hast!“
Dennis
erhob sich nun und sagte: „Also sind wir uns jetzt einig. Keinen Streit mehr
zwischen uns, wenigstens so lange nicht, wie unser Aufenthalt in „ANDERSWO“
dauern wird. Ich meine wir müssen uns ja nicht gleich lieben, aber
zusammenreißen können wir uns sicherlich!“
Dirk, der
sich ebenfalls erhoben hatte kicherte und flüsterte Dennis ins Ohr: „Genau mein
Freund, du sagst es. Es reicht ja, das du schon in Kesse verliebt bist und...“
Dennis
wurde rot und unterbrach Dirks Sticheleien mit einem kräftigen Stoß in dessen
Seite, so das dieser fast auf Niels gestürzt wäre, der
sich nun ebenfalls erhob.
Jetzt
standen alle Kinder im Kreis und ohne das es jemand
sagen musste, fassten sie sich bei den Händen. Als der Kreis geschlossen wurde
durchströmte sie alle ein Gefühl der Sicherheit und in diesem Moment wusste
jeder einzelne von ihnen, das sie tatsächlich nur gemeinsam den Kampf gegen das
Böse gewinnen konnten.
„Also,
worauf warten wir noch. Lasst uns gehen, damit der Steinritter nicht so lange
auf sein Ende warten muss!“ rief Dirk laut in die sie umgebende Stille des
Waldes hinein. Dann schwang es seinen Rucksack über seine Schultern und mit
gezückter Taschenlampe marschierte er ohne ein weiteres Wort zu verlieren auf
den Höhleneingang zu. Einer nach dem andern folgte ihn und dann stiegen sie in
die Höhle ein.
Dennis
stellte erleichtert fest, das die Höhle nicht
eingestürzt war wie es nach ihrem ersten Besuch den Anschein gehabt hatte.
Das
unheimliche Beben, das sie damals begleitete, als er mit Kesse und Dirk
fluchtartig die Höhle verlassen hatten war folgenlos
geblieben. Wenigstens im oberen Teil der Höhle. Das Loch im felsigen Boden sah
unverändert aus und Dirk sprang ohne zu zögern nach unten, wusste er doch, das
diesmal keine fetten Spinnen in der Dunkelheit auf ihn lauerten würden.
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