SEITE 17
Noch bevor
Dirk um die nächste Ecke des stickigen Höhlengangs biegen konnte, wusste er,
das dass sich dort befindliche siebeneckige Tor geöffnet sein musste.
Das verriet
ihn der warme Lichteinfall, der schwach das Höhlenstück vor ihm erhellte.
Entschlossen schritt er voran und stand schließlich zum zweiten male in der
geheimnisvollen kleinen Halle.
Was er
sah, überraschte ihn nicht. Wie er vermutet hatte waren nun alle sieben
Bilderrahmen erleuchtet.
In jedem
Rahmen war eins ihrer Portalsymbole abgebildet. Bedächtig schritt Dirk,
beginnend bei dem Bildnis seines Ohrrings, diese eigenartige Bildergalerie ab.
Nach dem
Bild von Kesses Rucksack folgte die Steinschleuder von
Niels, die von einer Hand, die zu einem Kind gehören mochte, gehalten wurde.
Das Bild danach zeigte ein Auge, vor dem leicht versetzt Martins Monokel
abgebildet war. Die Kette des Glases hing locker nach unten.
Dirk ging
langsam zum nächsten Bild, während die restlichen Kinder ihm andächtig und
schweigend folgten.
Niemand
bekam mit das sich das Tor hinter Kesse, die als letztes in die Halle
eingetreten war, erst langsam schloss und sich anschließend im nichts auflöste.
Dirk
verweilte nun vor dem fünften Bild, auf dem deutlich ein großer schwarzer Turm
abgebildet war. Über dem Turm war ein nächtlicher Himmel zuerkennen, an dem
neben unzähligen Sternen auch deutlich ein großer grün leuchtender sowie ein
kleinerer, blauer Kreis zu sehen war.
Die Turmspitze
selbst leuchtete etwas in einem hellen blauen Licht.
Mit
offenem Mund starte Dirk auf das Bild.
Sara hatte
sich neben ihn gedrängt und deutete auf eine Stelle unten am Turm, an der sie
wage die Umrisse eines großen Tores zu erkennen glaubte. Quer unter diesem Tor
war ein Schlüssel abgebildet. „Das ist er, mein Schlüssel und ich gehe jede
Wette ein, das dies dort der „Turm des Wissens“ sein
muss!“
„So wird
es sicher sein.“ murmelte Dirk leise vor sich hin und etwas lauter fragte er:
„Aber was haben diese beiden Kreise zu bedeuten?“
„Ein Mond
ist das jedenfalls nicht. Eher zwei Monde!“ meldete sich Dennis zu Wort.
Niels
kicherte und sagte dann: „Du bist gut im Rechnen Dennis aber ich denke, das
deine Feststellung nicht ganz zutrifft. Nicht Monde sind dort abgebildet,
sondern Planeten und Namen haben die auch, nämlich...“
„Warte
Martin!“ unterbrach ihn Dennis etwas fassungslos. „Willst du damit etwa sagen, das ANDERSWO ein Planet ist und die beiden Kreise dort auf
dem Bild die beiden anderen Welten sind, von denen Marvin in seinem Buch
berichtet hat?“
„Genau
das. Einer der beiden Planeten da heißt SONSTWO, der andere NIERGENDWO!“
Keiner
sprach ein Wort, zu sehr traf sie diese Erkenntnis.
Niels
musste recht haben. Es konnte gar nicht anders sein. Langsam ging Dirk zum
sechsten Bild hinüber. Auch hier gab es eine Besonderheit.
Übergroß
war der Kristall abgebildet, den Niels aus ihrer normalen Welt mitgebracht
hatte. Aber eindeutig gefunden hatte ihn Dennis, auch wenn dieser sich nicht
mehr daran erinnern konnte, wann und wo dies genau geschehen war.
Fest stand
nur, das Dennis etwa 2 Jahre alt gewesen sein musste,
als er diesen Kristall gefunden hatte.
Neben dem
Kristall waren etwas verkleinert, zwei Hände abgebildet. Eine Hand hielt eine Steinschleuder,
die andere schien diese grade zu spannen. Das Geschoss, das in dem halb
gespannten Gummi zu erkennen war, glich dem in groß abgebildeten Kristall bis
ins Detail.
„Das Bild
hier ist ganz eindeutig.“ meinte Dennis. „Mein Kristall und Niels Schleuder
gehören zusammen. Fragt sich nur, wer von uns beiden die Waffe abschießen
wird!“ Dabei sah er fragend zu Niels.
„Das weiß
ich auch nicht. Aber auf wem damit geschossen werden soll ist mir völlig klar!“
Alle
nickten mit den Köpfen und Dennis ergriff erneut das Wort.
„Ich
denke, das du es tun wirst Niels. Immerhin hast du
schon damit den garstigen Zwerg für immer ins Jenseits befördert und nichts
spricht dagegen, wenn du mit deiner Schleuder und meinem Kristall dem schwarzen
Ritter eine verpasst!“
Während er
sprach hatte Dennis den Kristall aus seiner Hosentasche gekramt und reichte ihn
nun Niels. Dieser schaute zwar etwas unsicher in die Runde, steckte ihn dann
aber wortlos in seine eigene Hosentasche. Es war sicher besser, Waffe und
Munition beisammen zu halten. Dennoch war sich Niels bewusst, das er nur einen einzigen Schuss haben würde und das dieser
auf jeden Fall sein Ziel treffen musste.
Traf er
nicht, konnte das ihr Ende bedeuten. Der Gedanke daran ließ ihn frösteln.
Kesse
schien seine Gedanken erraten zu haben, denn jetzt sagte sie: „Mach dir keine
Sorgen. Du wirst das schon schaffen, da bin ich mir ganz sicher. Und wenn
nicht, werden wir schon einen Weg finden wie wir dieses Monster erledigen
können. Wir sind ja alle bei dir!“
Inzwischen
waren die Kinder vor das letzte Bild getreten. Hier war wieder eine Hand
abgebildet, an deren Ringfinger ein Ring steckte. Jener Ring, den Till jetzt an
einer Kette um den Hals trug. „Vielleicht solltest du deinen Ring jetzt besser
auf deinen Finger stecken.“ schlug Dirk vor doch Till schüttelte energisch den
Kopf. „Auf gar keinen Fall werde ich das tun!“
„Und warum
nicht?“ fragte Sara in einen ungewollt scharfen Ton, doch Till überhörte das
und gab ihr bereitwillig Auskunft.
„Das hat
gleich zwei Gründe. Erstens sind nach meinen Verjüngungsprozess die Finger
meiner Hände viel zu schmal um diesen Ring sicher zu tragen, ohne das er sich
unbeabsichtigt dreht, oder noch schlimmer für mich, einfach verloren geht. Dann
könnte ich nicht mehr der Till werden, der ich schon einmal war!“
Till legte
eine kurze Pause ein und Kesse dachte im Stillen bei sich, das sie den alten
Till als Bruder gar nicht mehr haben mochte. Dieser jüngere Till hier gefiel
ihr einfach viel besser.
Till
schwieg immer noch und deshalb fragte nun Kesse: „Und zweitens?“
„Und
zweitens nützt es ohnehin niemanden aus der Gruppe wenn ich den Ring am Finger
trage.
Ihr wisst
doch, das dass Unsichtbar werden nicht in Sekunden
schnelle passiert. Im Falle eines plötzlichen Kampfes ist für eine Verwandlung
einfach keine Zeit mehr und sichtbar wäre ich dann ohnehin wertvoller für euch.
Es nutz wirklich niemanden, wenn der Ring, der möglicherweise noch mehr
Zauberkräfte in sich birgt, einfach verloren gehen würde!“
Das
leuchtete allen ein und damit war dieses Thema vom Tisch.
Alle
hatten inzwischen das Verschwinden der Tür bemerkt aber niemand regte sich
darüber sonderlich auf, da ohnehin keine Rückkehr durch diese Tür geplant war.
Jetzt
versammelten sie sich alle um den Sockel, der unverändert in der Mitte des
Raumes stand.
Dennis
nahm seinen Ball und bevor er diesen in die dafür vorgesehene Mulde ablegte,
sagte er:
„So
Freunde, es ist nun soweit. Gleich werden wir in ANDERSWO sein. Also macht euch
auf alles gefasst.“
„Warte
einen Augenblick!“ rief Dirk. Seht den Ball, er leuchtet wieder und...“
Da Dirk
verstummt war und seine Augen geschlossen hatte, wussten alle, das er auf die Stimme des Orakels lauschte, die er über
seinen Ohrring empfangen konnte.
Nach etwa
fünf Minuten wurde Niels langsam ungeduldig und meinte: „Diesmal wird es ein
Ferngespräch, das Dirk dort führt!“
„Ist schon
gut möglich. Wer weiß, wo sich das Orakel gerade aufhält. Gut möglich, das es Millionen von Lichtjahren entfernt ist. Auf den
Planeten ANDERSWO zum Beispiel“. gab ihn Till eine Antwort.
Dirk
verzog grade sein Gesicht, so als würde er sich vor etwas ekeln, hielt aber
seine Augen weiter geschlossen. Erst nach weiteren 7 Minuten wurden sie
geöffnet und sahen dann seine Gefährten etwas benommen an. Endlich begann er zu
erzählen.
„Marvin
lebt und wird vom steinigen Ritter im „Turm des Wissens“ gefangen gehalten, in
einem Kerker, den der Ritter extra nur für Marvin tief unter den Turm bauen
lies. Aber das ist noch nicht das schlimmste, er...“
Dirk
unterbrach sich selbst und verzog erneut sein Gesicht. so dass es wieder Ekel
und Abscheu ausdrückte bevor er weiter sprach.
„Wir haben
es gleich mit zwei schweren Aufgaben zu tun.
Zum einen
müssen wir den Ritter besiegen und zum anderen Marvin befreien. Wie das Orakel sagte,
kann es uns bei diesen schweren Aufgaben nicht mehr helfen. Fragt mich nicht
warum, aber es ist so!
Eigentlich
sollte es nicht so schwer sein, Marvin zu finden. Der Turm ist ja nicht grade
das kleinste Bauwerk aber...“
Wieder
verzog Dirk angewidert sein Gesicht. Ungeduldig forderte Dennis: „Weiter, was
ist dort in dem Turm, was dich so ekelt?“
„Es
sind..., es sind Kreaturen, die der Ritter aus seiner Welt mitgebracht hat und
an denen kommen wir sicher nicht vorbei!“
Dirk
blickte Sara direkt ins Gesicht und sagte dann zu ihr: „Du und Martin, ihr
beide habt so ein Vieh schon einmal gesehen. - In den Schuppen hinter deinem
Haus. Aber diesmal ist es nicht ein Spinnenmonster, nein - diesmal sind es
Hunderte!“
Entsetzen
machte sich unter den Kindern breit, hatte doch jeder noch Saras Beschreibung
von dem Untier im Schuppen vor Augen.
„Aber es
kommt noch dicker“. erzählte Dirk nun weiter.
„Marvin
ist wie alle anderen Bewohner von ANDERSWO in Stein verwandelt worden. Nur wir
oder der Ritter selbst könnten diesen Zauber wieder aufheben, wie das Orakel
sagt.
Unsere
Aufgabe wird sein, Marvin zu befreien und mit ihm zusammen den Ritter zu finden
um ihn dann gefangen zu nehmen!“
Diese
Information schlug ein wie eine Bombe und alle redeten wild durcheinander, bis
Dirk sich wieder Gehör verschaffte.
„Wartet,
ich war noch nicht fertig. Der Hammer kommt jetzt erst. Wir sieben sollen den
Ritter nicht töten! Wir sollen ihn von einem Fluch befreien. Einem Fluch, den
jemand ausgesprochen hat, der noch viel mächtiger sein soll, als unser
Steinritter es selber ist.
Aber das
wirklich aller schwerste an der Geschichte ist, das der Ritter selbst nicht
weiß, das er mit einem Zauberfluch belegt ist.
Er hält
sich für den größten und lebt in dem Wahn, alles erobern zu müssen, was ihm in
die Quere kommt.
Wer
versucht ihn daran zu hindern, wird auf immer und ewig in Stein verwandelt. Wir
sind im Moment seine größten Feinde und er wird nichts unversucht lassen uns zu
vernichten. Das meine Freunde ist es, was uns in ANDERSWO erwarten wird!“
Schweigend
schaute Dirk seine Gefährten an, die sich inzwischen alle auf dem aus schwarzem
Marmor zu bestehenden Boden niedergelassen hatten.
Dirk
setzte sich zu ihnen und es sah tatsächlich so aus, als würde diese bunt
gemischte Kinderschar, die dazu aus erkoren waren eine Welt zu retten, die
jenseits ihres Vorstellungsvermögens irgendwo zwischen SONSTWO und ANDERSWO in
den Weiten des Weltraums zu finden war, niemals ihr Ziel erreichen sollte.
***
Während
die Retter von Marvin niedergeschlagen über ihre Situation nachdachten, war
Marvin grade am Anfang des steinigen Pfades angelangt, der von der Bergspitze
hinunter ins Tal führte.
Seine
Beine fühlten sich immer noch taub an, so als hätten sie Jahrhunderte
geschlafen. Doch langsam konnte er besser gehen. Grade machte er den nächsten
Schritt, als ihn etwas heftig zusammen zucken lies.
Direkt in
seinem Kopf erklang wispernd die Stimme des Orakels, die wie durch Watte und
aus weiter Ferne zu ihm sprach. Deutlich vernahm der junge Prinz, was es sagte.
„Habe
keine Angst Marvin. Deine Retter sind schon unterwegs nach ANDERSWO und werden
dich finden!“
Dann
verstummte das Orakel wieder und Marvin rief laut und unbedacht: „Aber...“
Entsetzt
verstummte er sofort wieder. Zum einem, weil er über seine eigene Stimme
erschrak, die sich wie ein verrostetes Türscharnier anhörte und zum anderen
hatte er den schwarzen Ritter nur unnötig auf sich aufmerksam gemacht. Das war
in seiner jetzigen Situation weit mehr als nur gefährlich, wie er sogleich
erfahren sollte.
Scheppernd
meldete sich der Gigant hinter ihm zu Wort. „Aber?“ brüllte er los. „Was meinst
du damit, du unwürdiger Prinz!“
Um Zeit zu
gewinnen drehte sich Marvin wie in Zeitlupe zu dem über ihm aufragendem Steinungetüm
herum und sah hinauf zu dessen Gesicht, das er nur undeutlich in der
zwielichtigen Dunkelheit die hier herrschte, erkennen konnte.
„Aber...,
aber warum tust du das alles, ich...“
Schnaubend
unterbrach der Ritter Marvins gestammelten Worte und bellte: „Das, mein
widerliches Prinzlein, geht dich überhaupt nichts an. Aber was dich betrifft
kann ich dir sagen, das es einfach nur Rache an dir
ist. Rache für das, was du mir angetan hast!“
„Aber ich
habe dir doch überhaupt nichts getan!“ krächzte Marvin unbeholfen.
Das hätte
er besser nicht gesagt, den der schwarze Ritter heulte vor Wut laut auf und
trat zornig mit seinen Steinstiefeln auf die Erde, so das der ganze Berg zu
beben begann.
Entsetzt
wich Marvin ein paar Schritte zurück und wäre beinahe den steilen Berghang
hinunter gestürzt, doch konnte er sich in letzter Sekunde wieder ins
Gleichgewicht bringen.
Krachend
lies der Ritter sich vor Marvin auf seine Knie fallen und fauchte ihn dann
seinen stinkenden, irgendwie nach Schwefel richtenden Atem ins Gesicht, als er
gefährlich zischte:
„Sieh her,
schau mir gefälligst in meine Augen. Sieh es dir genau an und dann wage es
nicht noch einmal zu behaupten, das du mir nichts angetan hast!“
Marvin
blickte jetzt ängstlich in die Essteller großen Augen
des Ritters und dann sah er es. Nur noch das rechte Auge glühte in einem
unnatürlichen dunklen rot, einer Farbe, die wohl nur in der Hölle existieren
konnte. Das linke Auge jedoch blickte stumpf und farblos ins Leere. Es war
erblindet.
Augenblicklich
fiel Marvin das gläserne Schreibgerät wieder ein, mit dem er nach Anweisungen
des Orakels die Seiten des Buches beschrieben hatte.
Dann war
der Ritter auf dem Berg erschienen und Marvin hatte ihm das Schreibgerät, das
noch mit reichlich blauer Tinte gefüllt war in das linke Auge geworfen, wo es
sofort zerbrach und dem Ritter erhebliche Schmerzen bereitet hatte. Das er
davon erblinden würde hatte Marvin nicht bedacht. Und selbst wenn er es gewusst
hätte, ihm wäre es egal gewesen.
Innerlich
freute sich Marvin über den nachträglichen Erfolg seiner Aktion, zeigte es ihm
doch, das dieses Scheusal durchaus verwundbar war.
Doch jetzt
tat er das einzig richtige, wie er glaubte. Er schwieg und senkte demütig
seinen Kopf um den Ritter nicht weiter zu reizen. Er war sich sicher, das jedes weitere Wort sein sofortiges Ende bedeutet hätte.
Schwerfällig
erhob sich der steinige Gigant und sagte dann: „Also los Marvin, marschiere
endlich los. Ich habe schon genug Zeit wegen dir verplempert und muss noch eine
Überraschung für deine lieblichen Freunde vorbereiten!“
Mit dem
boshaften Lachen des Ritters im Rücken, stolperte Marvin nun den Pfad hinunter.
Fieberhaft
überlegte er dabei, wie er seine Retter vor dem gemeinen Hinterhalt, den der
irre Steinklotz hinter ihm plante, warnen konnte.
Er fühlte
sich absolut hilflos, hätte sich am liebsten umgedreht und den Ritter zum Kampf
aufgefordert, doch dazu war er nicht in der Lage.
Erneut
stolperte Marvin über seine Füße und noch im Fallen hatte er eine Idee.
Er würde
den Rettern eine Nachricht hinterlassen, hier an Ort und Stelle.
Mit einem
lauten Aufschrei schlug er der Länge nach auf dem steinigen Pfad auf. Da er
glaubte nur diese eine Chance zu haben jammerte er noch etwas lauter und begann
gleichzeitig mit dem Finger etwas in den Staub am Rande des Pfades zu kritzeln.
„Auf die
Beine mit dir du jämmerlicher Waschlappen!“ polterte der riesige Ritter von
oben auf ihn hinab.
„Mein
Bein, aua warte!“ kreischte Marvin laut und schrieb hastig weiter. Er wusste
nicht, ob diese Nachricht im kalten Staub jemals von den sieben Rettern
entdeckt werden würde. Und selbst wenn, ob sie das geschriebene auch entziffern
konnten.
Schließlich
war es ziemlich dunkel und er selbst konnte nicht sehen, was er schrieb.
Stöhnend
rappelte er sich nun auf und humpelte übertrieben langsam weiter den steilen
Berg hinunter.
Auf der
breiten Hauptstraße am Fuße des Berges wurden sie bereits erwartet.
Marvin
konnte die unheimlichen Gestalten schon vom weiten erkennen, deren dunklen
Körperumrisse sich nur schemenhaft von der mit weisem Kies belegten Straße
abhoben.
Bewegungslos
standen sie dort in einer Reihe und noch bevor Marvin sie zählen konnte,
zischte über ihn ein grellroter Blitz in die Richtung der versteinerten
Gestalten, wo er sich krachend entlud.
Sofort kam
Bewegung in die Truppe und laut erteilte der Ritter ein paar Befehle in einer
abgehakten Sprache, die Marvin nicht verstehen konnte.
Jetzt
lösten sich vier der versteinerten Soldaten aus der Reihe und umringten ihn.
Entsetzt
stellte Marvin fest, das sie alle aus schwarzen Stein
bestanden und jeder von ihnen einen ebenso schwarzen Helm trug, der ihre Köpfe
vollkommend verdeckte.
Nur durch
einen schmalen Sehschlitz konnte man die Augen erkennen. Augen, die in dem
gleichen unheimlichen rot glühten, das er schon von ihren Anführer her kannte.
Unsanft
drückte einer der Soldaten ihn auf die Straße und sagte mit einer mechanisch,
blechender Stimme zu ihm: „Sitzen bleiben!“
Marvin war
froh sich etwas auszuruhen, hatte er doch heftige Schmerzen in seinen Beinen.
Seine
Sinne waren jedoch hellwach. Er fragte sich, was der Ritter wohl im Schilde
führte. Warum dieser Aufenthalt hier?
Hatte der
Ritter nicht davon gesprochen ihn zum „Turm des Wissens“ zu bringen? Worauf
wartete er dann noch. Wollte das Scheusal hier seinen Hinterhalt für die Retter
aufbauen?
Diese und
andere Gedanken hämmerten in Marvins Kopf wild durcheinander herum, während er
durch die Beine seiner Bewacher hinweg die Szenerie aufmerksam beobachtete.
Der
Steinritter stampfte nun in das Gelände auf der anderen Straßenseite und war
nur wenig später in der Dunkelheit verschwunden.
Früher war
dort eine große Wiese mit vielen Obstbäumen gewesen Jetzt gab es dort nur eine
Steinwüste.
Wie
Skelette ragten die versteinerten Bäume in den trüb schwarzen Himmel hinein,
die nun keine Früchte mehr trugen.
Vorsichtig
spähte Marvin nach links, in jene Richtung wo sein zuhause war. Doch konnte er
die Hauptstadt mit seinem prächtigen Königspalast nirgends entdecken. Dort, wo
sonst Tausende von Lichtern brannten, herrschte nun absolute Finsternis.
Sein Blick
schweifte nun nach rechts, mit der wagen Hoffnung, wenigstens
die Spitze vom „Turm des Wissens“ ausmachen zu können. Doch auch hier
wurde er enttäuscht.
Von dem
immer im hellen Blau strahlendem Kristall auf der Turmspitze war nichts mehr zu
sehen. Hatte der Ritter es zerstört?
Jetzt
vernahm Marvin die dröhnenden Schritte des Ritters und kurze Zeit später
erschien der Gigant aus der Dunkelheit. Er trug etwas in seinen mächtigen
Händen und nun stellte er seine Last am Straßenrand ab.
Marvin
verrenkte seinen Hals um erkennen zu können, was der Ritter mitgebracht hatte.
Doch vorläufig sollte dies für ihn ein Geheimnis bleiben, denn unverhofft
raubte ein Blitz aus dem Finger des Steingiganten Marvins Bewusstsein. Das letzte
was er hören konnte war ein höhnisches und gemeines Lachen.
Als der
junge Prinz wieder zu sich kam wurde er von einem flackernden Licht geblendet.
Instinktiv
versuchte er seine Augen zu schließen doch das ging nicht. Schlagartig wurde
ihm Bewusst, das er erneut von dem Ritter versteinert worden war.
Langsam
gewöhnten sich seine Augen an die ungewohnte Lichtquelle, in der er nach einer
Weile eine von insgesamt zwei Fackeln erkennen konnte, die seine Umgebung in
ein gespenstisches Licht tauchten.
Wieder
konnte er nur starr geradeaus blicken und so sah er nur, das
beide Fackeln links und rechts von einem Tor befestigt waren, das sich direkt
vor ihm und etwa 4 Meter entfernt in einem groben Mauerwerk befand.
Mehr
brauchte Marvin nicht zu sehen, um zu wissen, das
dieser Ort das vom Ritter bereits angekündigte Gefängnis sein musste, was sich
zweifellos unter dem „Turm des Wissens“ befinden musste.
Wieder
schossen seine Gedanken unkontrolliert durch seinen Kopf.
Begleitet
wurden diese durch einen ungebändigten Hass auf den schwarzen Steinritter, von
dem er zu wissen glaubte, das dieser in einem Hinterhalt auf die sieben Retter
lauerte, um sie zu vernichten.
Plötzlich
riss ihn ein schleifendes Geräusch aus seinen Gedanken. Gebannt blickte er auf
das Tor, in dem sich jetzt im unteren Teil eine kleine Klappe geöffnet hatte.
Entsetzen
und Panik krochen durch Marvins versteinerten Körper, als er sah, was durch
diese Öffnung hindurch auf ihn zu gekrabbelt kam.
***
Dennis
Ball begann nun wieder intensiver zu leuchten und Dirk erhob sich mit den
Worten: „Es wird Zeit, wir müssen los. Ein Zurück gibt es für uns nicht mehr!“
Schwerfällig
erhoben sich nun alle Kinder und dann stellten sie sich um den Sockel herum
auf.
„Fast euch
bei den Händen und lasst auf keinen Fall los, egal was passieren wird!“ sagte
Dirk.
„Hat das
unser Orakel zu dir gesagt?“ fragte Dennis seinen Freund, der direkt neben ihm
stand.
Dirk warf
ihn einen vernichtenden Blick zu und sagte etwas ungehalten: „Ja verdammt, das
hat es. Jetzt lege endlich deinen Ball in die Sockelmulde und reiche mir danach
gleich deine Hand!“
Widerspruchslos
legte Dennis den Ball ab und ergriff sofort die Hand von Dirk. Seine andere
reichte er Kesse, die ebenso nervös und ängstlich war, wie der Rest der Gruppe.
Doch als sich der Kreis geschlossen hatte, fühlten sie wieder dieses behagliche
Gefühl von Stärke und Sicherheit, das alle augenblicklich beruhigte.
Gebannt
starrten sie auf den Ball in der Mitte des Sockels, der immer stärker zu leuchten
begann. Gleichzeitig ertönte aus allen Richtungen der kleinen Halle ein
summendes Geräusch, das durch eine immer stärker werdende Vibration des Bodens
unter ihren Füßen begleitet wurde.
Schließlich
begannen die Wände hinter ihnen sich zu drehen, erst langsam und dann immer
schneller. Die Konturen der sieben Bilderrahmen wurden unscharf, verwischten
dann zu einem Wirbel aus bunten Lichtstreifen und schillerten dann in allen
Regenbogenfarben.
Dennis
verspürte Übelkeit in sich aufsteigen und schloss rasch seine Augen.
Trotzdem
verspürte er weiter ein schwindelerregendes Gefühl, was er so noch nie erlebt
hatte. Plötzlich wurde sein Magen in die Rippen gedrückt und er glaubte, das
sich so Astronauten fühlen mussten, wenn ihre Rakete abhob und sie mit einem
vielfachen an ihrem eigenen Gewicht in ihre Sitze presste.
Dennis
hörte Dirks Stimme wie aus weiter Ferne sagen: „Houston, wir haben ein Problem,
wo sind die Kotztüten?“ Dann herrschte Stille,
totenstille.
Aber nicht
lange, denn jetzt hörte Dennis ein heulendes Geräusch, das ihn sofort an einem
Herbststurm erinnerte. Langsam schlug er seine Augen auf und sah direkt vor
sich seinen Ball auf dem Sockel liegen. Doch dieser Sockel stand nicht in der
Höhle, sondern auf einem hohen Berg.
Einen
Berg, den Marvin in seinem Buch beschrieben hatte und der sich in mitten einer
Welt befand, die den Namen ANDERSWO trug.
Was allen
sofort auffiel war diese merkwürdige Dunkelheit, die eigentlich keine richtige
war.
Der Himmel
über ihnen war auf dem ersten Blick pechschwarz und nirgends waren Sterne
zusehen. Dennoch konnten sie alles in ihrer Umgebung, was nicht weiter als
zwanzig Meter entfernt war recht gut erkennen.
„Seht in
den Himmel!“ rief Martin aufgeregt. „Dort, könnt ihr es sehen?“
Alle Köpfe
ruckten nach oben und Sara sagte dann: „Ich sehe überhaupt nichts, was soll
dort sein?“
„Da war
grade etwas, genau dort!“ beharrte Martin und alle Blicke folgten nun Martins
ausgestrecktem Arm hinauf in die unheimliche Finsternis. Doch nichts war zu
sehen.
„Da war
ein grüner leuchtender Kreis. Ich schwöre es euch, grade eben noch. Ich bin
ganz sicher!“ rief Martin immer noch aufgeregt.
„Warum
wirfst du nicht einfach mal einen Blick durch dein Monokel? Möglich, das du es
dann wieder siehst, was immer es auch war!“ schlug Niels vor.
Martin
schlug sich mit der Hand vor die Stirn und zog dann das „AUGE der WAHRHEIT“ aus
seiner dicken Winterjacke hervor. Er setzte es an sein Auge und sagte dann nur
ein Wort: „Irre!“
Jetzt
hielten es die anderen nicht mehr aus und alle wollten sehen, was Martin sah.
Nur wiederwillig reichte er das „AUGE der WAHRHEIT“ an seine Gefährten weiter.
Was sie
sahen, erinnerte alle irgendwie an eine Sonnenfinsternis, auch wenn keiner von ihnen
bisher selbst eine erlebt hatte. Auch war das, was sie dort oben sahen mit
Sicherheit keine Sonne.
Es war ein
riesiger schmaler und in einem grellen grün leuchtender Kreis, der wie eine
runde Neonreklame fast senkrecht über ihnen hing.
Alle
wussten, das dies nur der grüne Planet sein konnte,
dem sie bereits von dem Bild in der Höhle her kannten. Nur dieses mal wurde der
Planet, der vielleicht SONSTWO heißen mochte, von einem unbekannten und
irgendwie bedrohlichen „Etwas“ verdeckt, was schwärzer als schwarz zu sein
schien und den Kindern einen eisigen Schauer über ihre Rücken laufen lies.
Alle
dachten dasselbe, doch niemand sprach es aus.
Konnte
dieses unbekannte Ding dort oben, was den grünen Planeten hinter sich verbarg,
womöglich die Heimat von dem schwarzen Steinritter sein?
Till, der
seit ihrer Ankunft auf diesen Berg noch kein einziges Wort gesprochen hatte,
meldete sich jetzt zu Wort. „Egal was dies dort oben auch sein mag, Marvin wird
uns schon etwas dazu sagen können. Vorausgesetzt wir finden ihn!“
„Du hast
recht, das ist unsere erste Aufgabe!“ stimmte Dennis ihm zu. „Aber wo fangen
wir nur an?“
Fragend
sah er in die Runde.
„Wir
nehmen erst mal unsere Taschenlampen und suchen alles um diesen Sockel herum
genau ab. Möglich das wir so irgend einen Hinweis
finden können. Eine Nachricht von Marvin oder ähnliches!“ schlug Kesse vor und
so geschah es auch dann.
Niels
entdeckte als erster den Pfad, der ins Tal hinunter führte und wenig später
ließ ein überraschter Aufschrei von Kesse alle zusammen laufen.
„Seht euch
das an!“ sagte sie und leuchtete auf den nackten Felsboden direkt zu ihren
Füßen.
Alle
gingen in die Hocke um besser sehen zu können.
Winzige
Glasscherben lagen dort verteilt herum, kaum erkennbar aber ein silbrig
schimmernder Gegenstand dazwischen reflektierte das Licht ihrer Taschenlampen
unübersehbar.
Dirk nahm
vorsichtig diesen Gegenstand auf und untersuchte ihn gründlich. Dann sagte er:
„Ich denke, das dieses Teil hier einer der beiden Spitzen von Marvins gläsernen
Schreibstift gewesen sein könnte. Das bedeutet, das Marvin tatsächlich hier
gewesen ist!“
Dennis
fragte überrascht: „Hast du etwa daran gezweifelt?“
Dirk
schüttelte rasch den Kopf. „Nein, natürlich nicht. Ich frage mich nur, wenn der
Stift herunter gefallen ist und dadurch zerbrach, wo ist dann die zweite
Spitze?“
Niemand
wusste darauf eine Antwort.
Dennis
erhob sich, ging dann zu dem Sockel hinüber und nahm seinen Ball aus der Mulde
heraus. Dann drehte er sich zu den anderen um und sagte: „Lasst uns jetzt von
hier oben verschwinden und hinunter ins Tal gehen. Dort sehen wir dann weiter!“
Angeführt
von Till ging die kleine Gruppe nun den kleinen Steinigen Pfad hinunter, den
Niels entdeckt hatte. Aus Marvins Buch konnten sie schließen, das dieser auf
einer Straße enden würde, die wenigstens in einer Richtung in die Hauptstadt
von ANDERSWO führen musste.
Schon nach
wenigen Metern lies der heulende eisige Wind, der auf dem Gipfel oben beständig
um ihre Ohren gepfiffen hatte nach und hörte schließlich ganz auf.
Nur noch
ihre eigenen Schritte waren zu hören.
Martin,
der genau in der Mitte von der kleinen Gruppe marschierte spürte, das seine Ratte in der Gürteltasche heftig herum wuselte.
Deshalb öffnete er, ohne dabei anzuhalten, den Reisverschluss ein Stückchen um Florizwo zu beruhigen. Das Tier steckte sofort seinen Kopf
nach draußen und sah sich neugierig um.
„Hallo Florizwo, na was ist denn mit dir los?“ fragte Martin und
streichelte mit seinen Wollhandschuhen über den kleinen Kopf des Tieres.
„Achte
lieber auf den Weg!“ mahnte Sara, die direkt hinter Martin her lief. Doch da
passierte es schon.
Martin
stolperte über einen Stein und stürzte mit einem entsetzten Aufschrei der Länge
nach zu Boden. Beinahe hätte er noch Niels mit sich gerissen, der vor ihm her
gelaufen war und sich durch Martins Schrei geschockt zu ihm herum gedreht
hatte.
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