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Benommen
rappelte der Junge sich wieder auf und noch bevor Sara ihn ganz auf die Beine
helfen konnte, plärrte Martin lauthals los: „Florizwo,
wo bist du! Komm zurück, das wollte ich nicht!“
Martin hatte
während er fiel in seinem Taschenlampenstrahl das glänzende schwarze Fell
seiner Ratte gesehen. Mit einem weiten Sprung aus der Gürteltasche heraus hatte
sich das Tier selbst gerettet, bevor Martin mit seinem Körper bäuchlings auf
den Pfad aufschlug und die Gürteltasche unter sich begrub.
„Sara
kniete nun neben ihm und sagte: „Beruhige dich, wir werden Florizwo
schon finden, bestimmt!“
„Beinahe
hätte ich ihn zerquetscht und...“ heulte Martin jetzt, doch Sara unterbrach
ihn. „Schon gut, ist ja nichts passiert. Bist du sonst in Ordnung?“
„Ich
glaube schon.“ schniefte er und stand nun vorsichtig auf.
Die
anderen hatten bereits damit begonnen die Umgebung des Pfades abzuleuchten,
doch von der Ratte fehlte zunächst jede Spur.
„Wenn hier
wenigstens Schnee liegen würde, dann könnten wir sie mit ihrem schwarzen Fell
besser entdecken!“ sagte Niels und Dennis antwortete: „Stimmt schon, aber ich
bin eigentlich ganz froh das hier kein Schnee liegt und das aus mehreren
Gründen. Denn...“
Dennis
unterbrach sich selbst, weil er glaubte etwas gehört zu haben. „Pssst, seid mal alle leise. Ich habe etwas gehört!“
Sofort
hielten alle inne und dann konnten sie es auch hören.
Es war ein
leises piepsen, das weiter unten vom Pfad leise zu ihnen herauf klang.
Martin
drängte sich an Dennis vorbei und sagte in einem Tonfall, der keinen
Widerspruch duldete: „Ich gehe voran und niemand überholt mich!“
Dann
trabte er los. Den Strahl seiner Taschenlampe richtete er auf den felsigen Pfad
und schwang ihn dabei immer hin und her.
Die anderen Kinder folgten ihm schweigend.
Plötzlich
blieb Martin stehen und flüsterte: „Da vorne ist er. Bleibt besser alle hier
stehen, sonst bekommt Florizwo Angst und rennt noch
weiter weg!“
Langsam
ging Martin auf seine Ratte zu und sprach beruhigend auf sie ein: „Da bist du
ja mein kleiner Ausreißer. Warte, gleich musst du nicht mehr frieren. Ja so ist
brav, bleib schön sitzen.“
Die Ratte
lauschte geduldig Martins Worten und blieb reglos sitzen.
Wieder
piepste sie und als Martin sich vor ihr nieder kniete um das Tier aufzunehmen,
drehte sich Florizwo um und erhob sich auf seine
Hinterbeine.
Mit der
rechten Vorderpfote machte er hektische Bewegungen, grade so als winkte er
jemanden zu oder wollte auf etwas zeigen.
Martin sah
nun genauer hin und dann sah er es. Rasch nahm er Florizwo
in seine Hände und verfrachtete das Tier in seine mit Heu ausgelegte
Gürteltasche. Gleichzeitig Pfiff er überrascht durch seine Zähne.
„Was ist?
Hast du sie endlich?“ drang von weiter oben Dirks Stimme ungeduldig an sein Ohr.
Rasch
drehte Martin sich um und winkte seine Freunde zu sich herunter. „Kommt her!
Ihr werdet nicht glauben was Florizwo hier gefunden
hat!“ rief er dabei aufgeregt.
Jemand hatte
am Rande des Pfades mit krakeliger Schrift etwas in den feinen grauen Staub
geschrieben.
Nur 9
Worte standen dort und laut las Martin die in Großbuchstaben verfasste
Nachricht vor: „FALLE RITTER, 1 AUGE BLIND, TURM NICHT, P MARVIN.“
Dennis
hatte wortlos sein Rätselbuch heraus geholt und sich dort die offensichtlich
mit großer Eile geschriebenen Worte notiert.
Dann sagte
er: „Ich schlage vor, das wir so schnell wie möglich weiter hinunter gehen
sollten und später darüber diskutieren, was Marvin genau damit meint. Denn das
dort kann nur er geschrieben haben oder seit ihr da anderer Meinung!“
Alle
nickten zustimmend und nur 30 Minuten später standen sie am Fuß des Berges auf
einem mit weisem Kies belegten breiten Weg.
Am Rande
dieses Weges stand direkt gegenüber der Einmündung des Pfades, den sie grade
verlassen hatten, eine große etwa 1,50 hohe Steinplatte. Diese wirkte irgendwie
bedrohlich auf sie alle.
Das mochte
zum einen an ihrem Aussehen liegen. Denn irgendwie sah die Steinplatte einen
übergroßen Friedhofsgedenkstein sehr ähnlich.
Zum
anderen aber lag es aber an der geheimnisvollen Inschrift, die aus dem inneren
heraus in einem Teuflischen rot zu glühen schien.
Die Ränder
der Platte waren zackig, so als hätte jemand diesen Stein aus einem noch größeren
herausgerissen. Vorsichtig traten die Kinder näher heran und studierten die
Inschrift.
Ganz oben
zeigte ein dicker Pfeil nach links und darunter stand: TURM DES WISSENS. Dann
folgte ein merkwürdiges Zeichen und direkt darunter folgte ein Pfeil, der nach
rechts dem Weg hinunter wies.
Darunter
stand das Wort: WOSIEDA.
„Ein
Wegweiser, weiter nichts!“ sagte Kesse.
Doch ihre
Stimme verriet, das sie etwas verunsichert war.
Etwas
stimmte hier ganz und gar nicht und in ihren Kopf hämmerte immer wieder das
erste Wort von Marvins Nachricht im Staub, das FALLE
lautete.
Till, der
merkte das seine Schwester über irgend etwas grübelte, sagte: „Na los Kesse,
ich sehe doch das dich irgend etwas beschäftigt. Was ist es? Raus damit!“
„Also ich
weiß nicht so recht, aber...“ begann sie, unterbrach sich aber selbst und
schaute erst auf den Steinigen Wegweiser, dann den schmalen Bergpfad hinauf,
von dort wieder zurück zur Steinplatte und schließlich einmal Links und rechts
den Kiesweg entlang auf dem die Kinder ratlos herum standen und darauf
warteten, das Kesse endlich weiter sprach.
„Das hier
ist eine Falle! Genau jene Falle, vor der uns Marvin warnen wollte!“ Dabei
deutete sie auf die geheimnisvolle Steinplatte.
„Wie
kommst du nur darauf? Hier ist weit und breit nichts, was uns bedroht.
Zugegeben, der Wegweiser ist schon etwas abgefahren und passt irgendwie nicht
hier her, aber...“ meinte Dirk ernsthaft doch Kesse unterbrach ihn bevor er
fertig war.
„Genau das
ist es. An diese Stelle dort passt überhaupt kein Wegweiser, egal wie der
aussehen mag. Hier gehört einfach keiner hin, versteht ihr?“
„Ich
verstehe kein Wort!“ maulte Dirk, dem es gar nicht passte, das Kesse ihm grade
das Wort abgeschnitten hatte. Jetzt ging diese auf Dennis zu und sagte: „Das
Buch, hohle Marvins Buch aus deinem Gepäck heraus und schlage die Seite auf, wo
Marvin davon erzählt was mit jenen passiert, die zu dem Orakel auf den Berg
steigen!“
Dennis tat
dies und alle drängten sich nun um ihn herum, während er umständlich nach der
betreffenden Seite suchte.
Endlich
fand er die Stelle und las sie dann laut vor:
„Er rief
nun alle weisen Männer zusammen um eine Lösung gegen das drohende Unheil zu
finden, doch auch sie waren Ratlos. Einer schlug vor, das „Sehende Auge“
einfach zu verstecken, ein anderer meinte, das man dem
„Mann in Schwarz“ einfach täuschen müsste und ihm stattdessen irgendetwas
wertloses überreichen sollte.
Doch
mein Vater fand keinen der Vorschläge hilfreich und deshalb machte er selbst
den Vorschlag, den seine Berater bewusst nicht erwähnt hatten.
Er
wollte zum „Summenden Orakel“ gehen und dieses um Rat fragen.
Doch die
weisen Männer protestierten dagegen, glaubten sie doch zu wissen, das der König dann sterben müsste. So jedenfalls steht es an
den Wänden vom „Turm des Wissens“.
„Na, fällt
bei euch jetzt der Groschen?“
Doch an
den Minen ihrer Freunde erkannte das Mädchen, das dem nicht so war und deshalb
erklärte sie jetzt: „Es ist doch ganz einfach. Jeder, der hier in „ANDERSWO“
lebt, wird wissen wo der TURM des WISSENS zu finden ist. Auch wo die Hauptstadt
liegt, die wie ich jetzt glaube WOSIEDA heißt, wird jedermann hier wissen.
Und dass
jeder, der zu dem Orakel auf dem Berg steigt sterben muss, wird sicher auch
jeden Bewohner hier bekannt sein.
Niemand
wird also im normalen Fall von diesem Berg wieder herunter kommen. Es sei denn,
das tote in dieser Welt noch laufen können.
Und selbst
wenn jemand tatsächlich lebend wieder herunter kommt, so wie Marvins Vater,
einen Wegweiser wird er sicher nicht brauchen. Es sei denn dieser jemand ist
Strohdumm und das möchte ich einfach mal ausschließen.
Wenn
überhaupt hier ein Schild hingehört, doch dann sicher nur ein Warnschild,
worauf etwa steht, das dieser Berg ein Tabu ist.
Versteht ihr jetzt?“
Jetzt
verstanden alle.
Dirk löste
sich aus der Gruppe und ging schweigend zu der Steinplatte hinüber. Er zog
seine schwarzen Wohlhandschuhe aus und näherte dann seine rechte Hand
vorsichtig der glühenden Inschrift. Doch seine Vermutung, die Schrift könnte irgendwie heiß sein, traf nicht zu.
Enttäuscht
rief er: „Kalt, einfach Eiskalt!“
Dennis
hatte Marvins Buch wieder verstaut und sagte dann nachdenklich: „Also besteht
die Falle des Ritters darin, das er uns mit diesem Schild in eine falsche
Richtung locken will.
Weg von
Marvin und seinem Gefängnis und hin zu dem Ritter, der uns sicher aus einem
Hinterhalt angreifen will!“
„Genau so
ist es! Dafür spricht auch Marvins Staubnachricht. Dort heißt es doch, TURM
NICHT. Damit meint er sicher, das die Falle nicht beim TURM des WISSENS sein
wird!“ stellte Sara nüchtern fest.
„Das
bedeutet, das wir rechts entlang gehen werden, jene Richtung die unser
Wegweiser mit „WOSIEDA“ anzeigt.“ sagte Dennis.
„OK,
stimmt ihr alle Dennis Vorschlag zu?“ wollte Till jetzt wissen.
Alle waren
sich einig, das nur der rechte Weg zum Turm des WISSENS führen konnte und so
marschierte die Gruppe mit knirschenden schritten den Kiesweg entlang, der sich
scheinbar endlos durch ANDERSWO zu erstrecken schien.
Irgendwie
hatten sie sich ANDERSWO als eine Eisige Winterlandschaft vorgestellt, doch zur
Überraschung aller war dem nicht so.
Zwar war
es hier kalt und bestimmt hätten sie mit ihrer leichten Sommerbekleidung, die
sie noch vor wenigen Stunden getragen hatten, jämmerlich gefroren aber Dirk
hatte anhand eines Thermometers, das er aus seinen unermesslichen
Ausrüstungsgegenständen hervor gezaubert hatte, eine Temperatur von +2 Grad
fest gestellt. Wenigstens war es hier im Tal so. Oben auf dem Orakelberg mochte
es durch den Unheimlichen Wind kälter gewesen sein.
Noch immer
konnten sie ohne Licht nicht weiter als zwanzig Meter weit sehen, doch was sie
sahen war alles andere als erfreulich.
Während
sie marschierten, veränderte sich langsam die Landschaft links und rechts ihres
Weges.
Nach dem
sie den Orakelberg hinter sich gelassen hatten, machte dieser einen düsteren
Wald Platz, dessen unbekannten Bäume ebenso aus Stein zu sein schienen, wie die
Obstbäume auf der ebenfalls zu Stein erstarten Wiese auf der anderen Seite des
Kieswegs.
Dass es
Obstbäume waren hatte Niels heraus gefunden, der sich neugierig einer der
Steinfrüchte von einem Zweig gebrochen hatte. Lachend hatte er dann die einem
Apfel ähnelten Frucht Dirk zugeworfen und mit den Worten kommentiert: „Da hast
du gar nicht mal so falsch gelegen, als du damals von einer Steindiät gesprochen
hast!“
Zum Glück
hatten sie reichlich Proviant in ihrem Gepäck dabei und nach etwa zwei Stunden
legten sie eine kleine Rast ein, um sich etwas zu stärken.
Kauend
sagte Dennis: „Seht mal, da vor uns. Sieht aus wie eine Schlucht, durch die
unser Weg als nächstes führt!“
Kesse die
neben ihm auf dem kühlen Kies saß, zückte ihre Taschenlampe und leuchtete nach
vorne.
Tatsächlich
türmten sich dort links und rechts des Weges Meterhohe Felswände auf, die
schwarz und bedrohlich auf die Kindergruppe zu warten schienen.
„Eigentlich
hätte genau dort unsere Steinschlagmumie einen perfekten Hinterhalt für uns
legen können. Sind wir erst mal in dieser Gasse, wäre es ihm ein leichtes
gewesen uns mit einer Steinlawine von irgendwo dort oben zu zerschmettern!“ meinte
Till.
„Vielleicht
wartet er tatsächlich dort auf uns!“ flüsterte Sara nun etwas unsicher, doch
Dirk schüttelte energisch seinen Kopf, während er gleichzeitig versuchte etwas
aus seiner Limo Flasche zutrinken.
Dabei
verschluckte er sich heftig und nach einem kräftigen Husten, der als schauriges
Echo von den vor ihn liegenden Felswänden zurück geworfen wurde, sagte er mit
Tränen in den Augen: „Das halte ich für ausgeschlossen! Wisst ihr was ich
glaube?“
Niemand Antwortete
und deshalb fuhr Dirk fort: „Ich denke, das wir unverwundbar sind.
Na ja
nicht direkt, aber im übertragenen Sinne schon. Der Ritter kann uns nichts tun,
solange wir diese Symbole bei uns tragen. Würde er mit Steinen nach uns werfen
oder uns mit einer ganzen Steinlawine verschütten, könnten diese zerstört
werden.
Denkt nur
mal an Martins Monokel. Es ist aus Glas und wenn es erst einmal zerbrochen ist,
wäre es wertlos für den Ritter. Deshalb glaube ich kaum, das er es so versuchen
wird!“
„Aber das
unser Steinfreund etwas dumm in der Birne zu sein scheint, ist dir schon klar,
oder?“ fragte Dennis seinen Freund.
Darauf
wusste Dirk keine Antwort und selbst wenn er eine gehabt hätte, seine Antwort
währe ungehört geblieben. Denn in diesem Augenblick ertönte aus den Tiefen der
schmalen Felsgasse heraus, ein Ohrenbetäubender Lärm.
Dem Klang
nach hörte sich der Lärm ähnlich wie das tuten eines Nebelhorns an. Aber
irgendwie wirkte es zugleich fremd und bedrohlich auf die Kinder. Geschockt
sprangen sie auf und suchten hektisch ihre Sachen zusammen.
„Los rüber
in den Wald da, wir müssen hier weg!“ kreischte Sara gehetzt und Kopf los
verschwand sie als erste zwischen den grauen Steinstämmen.
Der Rest
jagte ihr nach, ohne genau zu wissen, wo vor sie eigentlich genau davon
rannten. Doch keine zwanzig Minuten später wussten sie es.
Martin war
es gelungen, Sara einzuholen und sie aufzuhalten, bevor sie noch weiter in den
Wald hinein flüchten konnte. Er packte ihre Hände und führte diese zu seinem
Monokel, das über seiner Jacke an der Kette baumelte.
Sofort
beruhigte sich das Mädchen wieder etwas und als die anderen bei ihnen
eintrafen, fassten sich alle Wortlos bei den Händen und augenblicklich
verschwand die unergründliche Angst, die das unheimliche Horn oder was immer es
auch war, in ihnen ausgelöst hatte.
Sie
duckten sich hinter den Stämmen und sahen gebannt auf den Kiesweg, auf dem sich
mit immer lauter werdenden, stampfenden Geräuschen etwas näherte, das den Boden
unter ihnen heftig erzittern lies.
Plötzlich schrie
Niels so unverhofft laut auf, das erneut alle zusammen
zuckten.
Rasch
drückte Kesse ihm eine Hand auf dem Mund. Dabei zischte sie: „Spinnst du jetzt
total? Mit deinem Geplärr wirst du noch die Bäume aus ihren steinigen zustand
erwecken! Schlimmer noch, du verrätst noch unser Versteck. Was ist los mit
dir?“
„Mein
Rucksack! Er liegt noch auf dem Kiesweg!“ stotterte Niels entsetzt, als Kesse
ihre Hand wieder von Niels Mund herunter genommen hatte.
Diese
Nachricht traf die Gruppe noch schlimmer, als der eben noch von Niels
ausgestoßene Entsetzensschrei.
„Nein, das
kann nicht sein. Sag, das dies nicht wahr ist Niels. Deine Schleuder, die ist
doch nicht in deinem Rucksack, oder?“ fragte Sara unsicher, die spürte wie sich
in ihr erneut langsam Angst und Panik breit zu machen drohte.
Niels
nickte nur stumm mit seinem Kopf. Zu mehr war er nicht fähig.
Er wusste,
dass er einen Fehler gemacht hatte. Als er sich auf den Weg gesetzt hatte um
sich auszuruhen, hatte seine Schleuder in seinen Hosenbund unangenehm auf sein
Bein gedrückt. Deshalb hatte er die Waffe kurzerhand herausgezogen und sie dann
samt dem Kristall in seinem Rucksack verstaut.
Inzwischen
war das rhythmische Gestampfte näher heran gekommen und noch lauter an
geschwollen.
Es hörte
sich an, als marschierten Hunderte von Soldaten auf sie zu.
Soldaten
die nicht in diese Welt gehörten und von denen die Kinder aus Marvins Buch
wussten, das diese alles platt machen konnten was sich ihnen in den Weg stellen
würde.
In Till
hämmerten seine Gedanken wild herum, erkannte er doch den Ernst der Lage, in
der sie sich alle grade befanden.
Auch wenn
diese unheimliche Truppe, die da auf sie zu stampfte, den Rucksack nicht
entdecken würde, der da einsam auf dem Kiesweg lag, so würden sie diesen auf
jeden Fall mit ihren Steinstiefeln bis zur Unkenntlichkeit zerstampfen.
Und das
bedeutete, das dabei auch Niels Steinschleuder und der
dazu gehörige Kristall für immer zerstört werden würden.
Damit wäre
ihre Mission, nämlich die Befreiung von Prinz Marvin und seiner Welt ANDERSWO,
nicht mehr möglich.
Noch
während Till diese Gedanken durch den Kopf schossen, begann er instinktiv zu
handeln.
Er riss
sich die Kette mit dem Ring über seinen Kopf und steckte sich diesen rasch auf
den Ringfinger ohne ihn von der Kette zu lösen. Dazu hatte einfach keine Zeit
mehr.
Ohne auf
die überraschten Ausrufe seiner Freunde zu achten, spurtete er los. Vorbei an
den Säulenartigen Steinbäumen und direkt auf den Kiesweg zu.
***
Marvin wäre
am liebsten in Ohnmacht gefallen, aber diese Gnade wurde ihn nicht erteilt.
Und so
musste er hilflos mit an sehen, wie sich ein Monster nach den anderen durch die
kleine Türklappe zwängte und sich dann langsam auf ihn zu bewegte.
Deutlich
konnte der Junge die feurig klimmenden Augen erkennen, die jedes dieser auf
zwölf Beinen laufender und Handteller großen Spinnentiere auf den
tentakelartigen auswüchsen am Kopf rotieren ließen.
Schlimmer
noch waren diese wetzenden Geräusche die dadurch entstanden, das diese
Kreaturen, die direkt aus der Hölle zu kommen schienen, unterhalb ihrer Augen
zwei Kiefer aufeinander rieben, die mit unzähligen Nadelartigen spitzen Zähnen
bestückt waren.
Das aller
schlimmste war aber die absolute Hilflosigkeit, in der sich Marvin befand.
Er konnte
nicht weglaufen und sich nicht verteidigen.
Er hätte
alles dafür gegeben, wenn er wenigstens hätte schreien können. Aber auch das
war in seinem zustand nicht möglich.
Inzwischen
schätzte er, das sich etwa fünfzig dieser Ungeheuer in
seinem Gefängnis versammelt hatten und erst jetzt fiel ihm auf, das sie sich in
zweier Reihen um ihn herum zu formieren schienen.
Genau
konnte er dies freilich nicht erkennen, da er seinen Kopf nicht bewegen konnte.
Aber er glaubte es zu hören.
Noch immer
drangen weitere dieser, alle mit einem dichten schwarzen, borstenartigen Fell
bedeckten Ungeheuer durch die Türe und reihten sich in die Reihen der schon
anwesenden Artgenossen ein.
Marvin
beruhigte sich etwas, da er jetzt erkannte, das ihm
keine Unmittelbare Gefahr zu drohen schien.
Er fragte
sich allerdings, was dieser Gespenstische Aufmarsch zu bedeuten hatte.
Waren das
seine Wächter?
Seine
Gedanken wurden noch etwas ruhiger und dann wurde ihm schlagartig Bewusst, das es tatsächlich Wächter waren. Aber diese sollten nicht
ihn daran hindern zu fliehen, was er ohne hin nicht in seinen versteinerten
Zustand gekonnt hätte.
Nein,
diese Insektenwächter hatten nur einen Zweck. Sie sollten das Eindringen der
sieben Retter verhindern. Wie zur Bestätigung drehte sich nun jede einzelne
Wächterspinne der hinteren Reihe um 90 Grad herum, so das
alle nun mit ihren mörderischen Gebiss in Richtung Türe blickten.
Der Rest
schaute weiter boshaft zu Marvin hinüber und dem Prinzen erschien es so, als
würden ihre gefährlichen Mäuler zu einem lautlosen, höhnischen Gelächter
anstimmen.
Marvin
glaubte, das die sieben Retter sich schon in ANDERSWO aufhielten, aber seine
Hoffnung, das diese auch Erfolg gegen den Steinigen Ritter und seinen
Unheimlichen Gefolge haben konnten, sank jedoch angesichts dieser Kreaturen
fast bis ins bodenlose.
***
Till
hatte noch während er lief erkannt, das er hier in
ANDERSWO fast augenblicklich unsichtbar geworden war.
Noch im
Laufen war es ihm gelungen seine vollständige Oberbekleidung auszuziehen und
hinter einen der Bäume zu werfen. Wissend, das man immer noch seinen
Unterkörper sehen konnte, sprang er aus dem Wald heraus und stolperte dann über
den fast 40 cm tiefen Graben, der den Kiesweg zu beiden Seiten säumte.
Der
Länge nach klatschte Till auf den kalten weisen Kies und sah sich gehetzt um.
Der
Rucksack von Niels lag vier Meter weiter in Richtung der Schlucht, aus der Till
jetzt schwach sich auf und ab bewegende rote Lichter glühen sah, die ihn
entfernt an den Tanz von Glühwürmchen erinnerten.
Auf allen
vieren krabbelte Till auf den Sack zu, packte ihn und rollte sich dann
blitzschnell in den Graben hinein, über den er grade noch innerlich geflucht
hatte, als er über diesen gestolpert war.
Jetzt
konnte dieser Graben seine Rettung bedeuten, den zum aufstehen und zur Flucht
war keine Zeit mehr. Auf den Bauch blieb er liegen. Er schaffte es noch, Niels
Rucksack unter seiner schwarzen Hose, die er jetzt noch trug, zu verfrachten
und hoffte dann inständig nicht entdeckt zu werden.
In diesem
Moment marschierten die ersten Soldaten mit ihren schweren Steinstiefeln
stampfend an den vor Kälte zitternden Till vorbei. Angst verspürte er kaum, da
sein Ring wieder diese beruhigende Kraft durch seinen Körper fließen lies.
Er wollte
seine Augen schließen, doch konnte er seinen Blick nicht von diesem Schauspiel
abwenden.
Wie ein
Hypnotisiertes Kaninchen beobachtete er die Kolonne, die in Fünferreihen zum
Greifen nahe an ihm vorbei stampfte.
Er
erkannte, dass es sich bei den roten Lichtern nicht um Glühwürmchen, sondern um
die Augenpaare der Soldaten handelte, die glühend und gefährlich aus den
schmalen Schlitzen ihrer schwarzen Helme heraus funkelten.
Es gab
große und kleine Soldaten. Folglich konnte es sich bei diesen Soldaten
tatsächlich um die Verzauberten Einwohner von ANDERSWO handeln, so wie Marvin
es in seinem Buch beschrieben hatte.
Dieser
Eindruck verstärkte sich noch, als er die versteinerten Pferde erblickte, die
schwere Karren hinter sich herzogen.
Till hob
seinen Kopf jetzt weiter hoch um besser sehen zu können und konnte dann die
Fracht auf den Pferdegespannen erkennen, die ohne Kutscher ihren Weg zu finden
schienen.
Deutlich
sah er die großen leeren Käfige, die ganz offensichtlich aus einem silbrig
schimmernden Metall bestanden.
Hinter
diesen Fuhrwerken marschierten noch einmal etwa 50 Soldaten an den im Graben
kauernden Jungen vorbei und dann war der Spuk auch schon zu Ende.
Sicherheitshalber
wartete Till noch zwei Minuten, bevor er sich mit klappernden Zähnen erhob und
sich dann dem Wald zuwandte, in den seine Freunde versteckt auf seine Rückkehr
warteten.
Erneut
drehte Till seinen Ring und fast Augenblicklich wurde er wieder sichtbar.
Die
dröhnenden Schritte entfernten sich immer weiter und erleichtert wollte Till zu
seinen Freunden gehen.
Doch das
musste er nicht mehr. Angeführt von Kesse brachen diese jetzt wie ein Rudel
Wölfe aus dem Wald heraus und umringten Till neugierig. Dabei überschütteten
sie ihn mit Fragen, die er teilweise nicht verstand, weil alle wild
durcheinander redeten. Schließlich rief er laut: „He Leute, ich friere wie ein
Schneider! Hat jemand meinen Pullover und Jacke mitgebracht?“
„Sicher
Brüderchen, hier hast du dein Zeug. Doch sag, was war auf diesen Karren, das da
so silbrig glänzte. Waren es Waffen?“ wollte Kesse aufgeregt wissen.
„Ihr habt
es nicht gesehen?“ erkundigte sich Till.
„Nein, wir
waren zu weit weg. Aber das es Pferdegespanne waren, ich glaube sieben an der
Zahl, das haben wir grade noch so erahnen können!“ antwortete Dirk.
„Sieben
Fuhrwerke?“ entfuhr es Till überrascht.
Vor
Aufregung hatte er die Gespanne natürlich nicht gezählt und als Dennis die Zahl
betätigte sagte Till etwas gedehnt: „Ich will euch ja nicht beunruhigen, aber
diese Fracht eben war wohl eindeutig für uns bestimmt!“
„Was war
es Till, spann uns nicht länger auf die Folter!“ rief Kesse etwas ungehalten,
doch Till zog sich grade seine Jacke an und erst als er den Reißverschluss mit
einem lauten Ratsch nach oben zog, sagte er: „Es waren Käfige, verdammt große
Käfige sogar und ganz bestimmt werden es keine Tiere sein, die dort eingesperrt
werden sollen!“
Mehr
brauchte Till nicht zu sagen, dachten doch alle das gleiche.
Schweigend
setzten sie nun ihren Weg fort und waren bald darauf von den hohen, glatten
Felsenwänden umgeben. Wenn ihnen hier irgendetwas Feindliches entgegen kommen
sollte, war eine Flucht nur nach hinten möglich, denn nirgends waren
irgendwelche Versteckmöglichkeiten zu sehen.
Selbst die
Gräben, die sich bislang links und rechts der Strecke entlang gezogen hatten,
waren verschwunden. In ihnen wäre aber ohnehin keine ausreichende Deckung für
den Fall eines Angriffs, von wem auch immer dieser sein mochte, für sie alle
gewesen.
Langsam
stieg ihr Weg jetzt aufwärts und wurde kurviger, so das
sie in diesen engen Kurven teilweise nur noch zehn Meter weit schauen konnten.
Dirk brach
das anhaltende Schweigen in dem er sagte:
„Ich komme
mir vor, wie auf einer Kugelbahn. Was ist, wenn jetzt plötzlich eine riesige
Steinkugel um die Ecke gerollt kommt und dann einfach um fällt, bevor sie uns
überrollen kann?“
Dennis
erkannte als erster diesen eigentümlichen Witz und gackerte lauthals los. Sein
Gelächter wurde als schauriges Echo von den Felswänden zurück geworfen und
Niels fragte irritiert: „Was ist so komisch, ich verstehe nicht!“
Lachend
erklärte Dennis während sie weiter gingen: „Man, eine Kugel die umfällt, irre.
Eine Kugel kann doch nicht umfallen, verstehst du?“
Jetzt
musste Niels auch grinsen, lachen konnte er aber trotzdem nicht richtig.
Ebenso
wenig wie der Rest der Gruppe. Zu ernst fanden sie den Gedanken, das
tatsächlich eine Steinkugel auf sie zu rasen konnte, diese aber nicht um fiel,
wie Dirk grade noch gewitzelt hatte, sondern sie einfach platt walzen würde.
Nur wenig
später hörten alle ein leises Geräusch, das niemand so recht ein ordnen konnte.
„Klingt
wie das rauschen eines Baches!“ meinte Martin und wehrend sie den weiterhin
ansteigenden kurvigen Kiesweg nach oben folgten, nahm das unbekannte Rauschen
an Stärke zu und Niels sagte: „Könnte wirklich so was wie ein Bach sein,
vielleicht sogar ein Fluss!“
Jetzt
duckten sich die Felswände links und rechts ihres Weges immer tiefer und als
sie um die nächste Biegung bogen, waren sie völlig verschwunden.
Unverhofft
standen sie nun an einem steilen Abgrund, der von einer etwa drei Meter breiten
Steinbrücke überspannt wurde.
Das
unbekannte rauschen war jetzt zu einem lauten tosen an geschwollen, das
eindeutig aus der unergründlichen tiefe der Schlucht zu ihnen hinauf drang.
„Wie tief
es da wohl hinunter geht?“ fragte Sara und Kesse gab ihr zur Antwort: „Ich will
es gar nicht erst wissen. Wer da runter purzelt wird sicher lange unterwegs
sein und uns ganz sicher nicht mehr davon berichten können. Das überlebt
bestimmt keiner!“
Die
Lichtkegel ihrer Taschenlampen tasteten nun die Brücke ab und was sie jetzt
feststellten war einfach nur unheimlich.
Es war
nicht die Tatsache, das diese Brücke über keinerlei
Geländer verfügte.
Auch nicht
die in violetten Farbtönen schimmernden groben Steinplatten, mit denen die
Brücke gepflastert war und wenig vertrauenerweckend auf sie alle wirkten, waren
die Ursache dafür.
Nein das
alles war es nicht. Es war vielmehr etwas, was sie nicht sahen.
Dennis
hatte das Bauwerk von der Seite her beleuchtet und dann überrascht
aufgeschrien.
Fassungslos
sah er, das sich sein Lichtkegel ins nichts hinein fraß.
Dort wo
man normalerweise Stützpfeiler, oder wenigstens dickes Mauerwerk erwartet
hätte, befand sich einfach nichts.
Die Kinder
stellten fest, das die Steinplatten der Brücke, wenn
man jetzt überhaupt von einer solchen noch sprechen konnte, von oben beleuchtet
völlig sichtbar waren. Von der Seite betrachtet jedoch unsichtbar wurden.
„Wahnsinn,
was ist das nur für eine verrückte Technik, vollkommend verrückt ist das. So
etwas gibt es doch gar nicht!“ entfuhr es Martin.
„Bei uns
zuhause sicher nicht aber anderswo schon!“ gab Dirk trocken seinen Kommentar
ab.
„OK, das
reicht. Bis hier her und keinen Schritt weiter!“ kreischte Sara plötzlich los.
„Niemals gehe ich über eine Brücke, die es nicht geben kann!“
„Hey Sara,
beruhige dich doch!“ rief Dirk selbstsicher. „Sieh her!“
Mit weit
auf gerissenen Augen musste das Mädchen entsetzt mit an sehen, wie Dirk die
Brücke betrat und gute zehn Meter auf ihr entlang schritt, bevor er sich wieder
umdrehte und laut schrie, weil seine Worte sonst in den lauten tosen, das von
tief unterhalb der Brücke zu ihm herauf tönte, verschluckt worden wären:
„Siehst du, es ist eine Brücke!“
Alle
beleuchteten das Bauwerk erneut von der Seite, doch alles was sie sahen war
Dirk, der im nichts zu schweben schien als er jetzt zu dem Brückenanfang zurück
kehrte.
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