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3. Kapitel

Rückwärts

 

 

 

Schnaufend schoben die drei ihre Fahrräder den mit Unkraut überwachsenen Pfad hinauf.

Oben auf dem Waldweg angelangt, warfen sie achtlos ihre Räder zu Boden und setzten sich dann auf die dort am Wegrand abgelagerten Baumstämme.

Dennis warf flüchtig einen Blick auf seine Uhr, auf der die in Digitalen Zahlen angezeigte Zeit stetig rückwärts lief und sagte dann: „Also last uns erst einmal etwas Essen. Ich habe Hunger wie ein Bär. Zeit haben wir jetzt doch genug!“ versuchte er witzig zu sein, doch niemand lachte.

„Gute Idee.“ fand Kesse und öffnete ihren Rucksack, über den Dirk Stunden zuvor noch seine Witze gemacht hatte.

Dirk hatte zwar keinen Hunger, aber er war durstig und so kramte er umständlich in seinem Rucksack herum und fand endlich seinen Fruchtsaft.

„Du scheinst für jedes unserer Probleme die passende Lösung in deinem Gepäck dabei zu haben.“ sagte Kesse mit vollem Mund und wies dabei auf Dirks überfüllten Rucksack. Dieser schwieg gedankenverloren und blies hin und wieder etwas Luft durch den Strohhalm in seinen Saft.

Psst, hört ihr das?“ zischte Kesse plötzlich in die friedliche stille hinein.

Abgesehen von Dirks gluckernden Geräuschen und dem stetigen Vogelgezwitscher, das sich irgendwie anders anhörte als sonst, konnten die Jungen jedoch nichts hören und deshalb sagte Dennis: „Klar doch. Dirk kocht Kaffee!“

Dabei musste er lachen. Zu gut konnte er sich daran erinnern, was Dirk am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien für eine Nummer in ihrem Klassenzimmer abgezogen hatte.

Frau Künstel, ihre Klassenlehrerin hatte ein gemeinsames Klassenfrühstück angesetzt und wie immer kochte sie sich aus diesem Anlass einen Kaffee auf ihrer Kaffeemaschine, die alles andere als neu war.

Die Kinder hatten die Tische zusammen gestellt und alle saßen gemütlich beisammen und aßen ihren selbst gebackenen Kuchen. Die Kaffeemaschine köchelte vor sich hin. Dabei waren Geräusche entstanden, die Frau Künstel überhaupt nicht leiden konnte. Besonders das blubbern am Ende des Brühvorgangs ging ihr mächtig auf die Nerven. Deshalb war sie rasch zu ihrer Maschine geeilt, die von Dirks Platz nur einen halben Meter weit entfernt auf der Fensterbank stand und stellte genervt die Maschine ab.

Protestierend erstarb daraufhin das röchelnde und kluckende Geräusch im Inneren des Gerätes und hörte schließlich ganz auf.

Dann lass Frau Künstel eine Geschichte vor und alle hatten andächtig gelauscht, als fünf Minuten später sich die Maschine erneut zu Wort gemeldet hatte.

Sie röchelte und gluckerte lautstark vor sich hin und Frau Künstel hatte über ihre Brillengläser hinweg, hinüber zur Fensterbank geblickt und missmutig ihren Kopf geschüttelt.

Dennis und andere Kinder, die in Dirks nähe saßen, mussten kichern, hatten sie doch mitbekommen, das Dirk diese Geräusche mit seinem Strohhalm und dem bis auf einem kleinen Rest geleerten Glas erzeugte.

Ihre Lehrerin war dann zur Maschine geeilt und hatte auf den Schalter gedrückt, worauf dieser Rot aufleuchtete, was aber nur bedeutete, das sie die Maschine wieder angestellt hatte. Schnell wiederholte sie den Vorgang und das Licht erlosch wieder.

Dirk hatte natürlich sofort aufgehört, als sich Frau Künstel auf dem Weg zur Fensterbank befunden hatte.

Dennis, der wie immer neben Dirk gesessen hatte, tuschelte ihm zu: „Los mach weiter!“

Dabei konnte er nur schwer ein Kichern unterdrücken. Aber Dirk wartete noch etwas und setzte dann erneut seine Luft durch den Strohhalm in Bewegung.

Frau Künstel sprang erzürnt von ihrem Platz auf, knallte das Buch auf den Tisch und rauschte erbost zur Kaffeemaschine hinüber. Energisch zog sie den Stecker aus der Steckdose und nahm zur Sicherheit gleich die Kaffeekanne von der Wärmeplatte herunter und mit zu ihrem Platz.

Natürlich mussten aller Kinder laut lachen, den inzwischen hatte auch der letzte erkannt, das Dirk hier am Werke war.

Es dauerte eine ganze Weile, bis wieder Ruhe herrschte und Frau Künstel ihre Geschichte weiter Vorlesen konnte. Doch niemand hatte mehr zugehört. Alle hofften, das Dirk noch einen drauf setzten würde und Dirk enttäuschte ihre Erwartungen nicht.

Keine fünf Minuten später blies er erneut seine Backen auf und hatte damit das Klassenzimmer zum brodeln gebracht. Die Stunde war gelaufen und alles bog sich vor Lachen. Nur Frau Künstel war alles andere als begeistert gewesen.

 

„Ne, das meinte ich nicht, hört doch nur!“ sagte Kesse energisch.

Alle lauschten nun und Kesse hatte recht. Jemand oder etwas schnaufte von unten den Waldweg herauf.

Noch konnten sie nicht sehen, wer da kam, weil der Weg eine starke Biegung machte in der die Kinder von ihrer Stelle aus keinem Einblick hatten. Aber deutlich konnte man hören, das dieser jemand ziemlich schnell unterwegs war.

„Hört sich an wie ein Jogger.“ meinte Dennis.

„Sicher ein Anfänger, so wie der schnauft!“ witzelte Dirk. Er Beschloss für sich, dem Unbekannten eine dumme Frage zu stellen, nur um diesen aus seinem Laufrhythmus zu bringen.

Doch als die Kinder den Unbekannten endlich sehen konnten, hatte Dirk sein Vorhaben sofort wieder vergessen. Denn das was sie sahen war einfach unglaublich. Ungläubig sahen die Kinder auf den Jogger, dessen Gesicht sie erst erkennen konnten, als dieser an ihnen vorbei schnaufte.

Der Mann sah eigentlich nicht außergewöhnlich aus. Er trug kurze Shorts, ein blaues T-Shirt und rote Schweißbänder an den Armen.

Ungewöhnlich war nur die Art und Weise, wie er lief. Er lief nämlich rückwärts den Waldweg hinauf und das in einem zügigen Trab. Eigentlich hätte der Mann über die Fahrräder stolpern müssen, die immer noch mitten auf dem Weg lagen, doch er sprang einfach geschickt über diese hinweg, gerade so, als hätte er sie dort liegen sehen. Das aber war nicht möglich, denn der Läufer hatte sich nicht ein einziges Mal umgedreht.

Der Mann winkte ihnen kurz zu und war bald darauf in der nächsten Kurve verschwunden.

„Was zum Teufel war denn das für eine verrückte Nummer!“ entfuhr es Dennis verblüfft und Dirk musste kräftig husten, weil er sich, durch den ungewöhnlichen Auftritt des Joggers ausgelöst, irgendwie an seinem Saft verschluckt hatte. Dabei tränten seine Augen heftig und als er die Tränen wegwischte und zur Kurve hinauf sah, in der gerade der Läufer verschwunden war, wurde er Zeuge einer weiteren irrsinnigen Begebenheit, die der erst eben gerade Erlebten Situation, im nichts nach stand.

Aus dem Gestrüpp am linken Wegrand tauchte das Hinterteil eines Rehs auf, das dann mit zwei mächtigen setzen, rückwärts springend, in einem auf der anderen Seite des Weges befindlichen dichten Gestrüpp einfach verschwand.

„Ich glaube, wir sind im falschen Film!“ stammelte Dirk irgendwie fasziniert von den Ereignissen und Kesse fügte hinzu: „Einen Film der rückwärts läuft. Man, das ist voll verrückt!“

Die drei Freunde sahen sich jetzt genauer um und um so mehr sie sahen um so sicherer wurde ihre Vermutung, das die Zeit hier rückwärts lief.

Sie sahen einen Tannenzapfen, der sich plötzlich vom Boden erhob und wie von Geisterhand getragen wieder zu seinem Ursprünglichen Platz an einem Tannenzweig zurück flog.

Eine Nacktschnecke kroch rückwärts auf dem Baumstamm herum, auf dem die Kinder saßen und etliche Waldameisen, die dort geschäftig herum wuselten, hatten ebenfalls den Rückwärtsgang eingelegt.

Plötzlich sprang Dennis auf und plärrte dann in der Sprache von einem etwa 2 Jährigen Kleinkind: „Hilfe, ich schrumpfen, ich jünger werden!“ Dabei verdrehte er die Augen und seine Freunde mussten laut lachen, wurden aber sofort wieder ernst.

Schlagartig wurde ihnen Bewusst, das sie sich nicht mehr in ihrer eigenen Zeit aufhielten, ja möglicherweise sich in einer anderen Welt befanden, aus der eine Rückkehr vielleicht nicht mehr möglich war.

 

 

***

 

 

Zur gleichen Zeit, nur 6 Kilometer von unserem ratlosen Trio entfernt, saß in einem Gartenhäuschen ein zehnjähriger Jähriger Junge und schluchzte leise vor sich hin.

Auf seiner Schulter hockte eine pechschwarze Ratte, die behutsam an seinem Braun gelocktem Haar herum knabberte, während über dessen verschmutzten Wangen weitere Tränen flossen.

In seinen Händen hielt er ein kleines, in schwarzes Leder eingebundenes Buch. Mit goldenen Buchstaben war ein Wort in das Leder eingeprägt worden, was er jedoch nicht verstand, weil es irgendwie keinen Sinn für ihn ergab.

Ein weiteres, tiefes seufzen durchzog bebend seinen Körper und verwirrt überdachte der Junge seine Situation, in der er sich jetzt befand.

 

Noch vor drei Stunden war sein Leben irgendwie völlig normal verlaufen, soweit man von Normalität überhaupt sprechen konnte. Denn die letzten zwei Wochen, waren für den Jungen, der Martin hieß, alles andere als normal verlaufen.

Begonnen hatte die Veränderung damit, das seine Mutter beim Gardienen aufhängen so schwer von einer Leiter gestürzt war, das sie mit mehreren Knochenbrüchen in ein Krankenhaus eingeliefert worden war.

Martin hatte sich noch in der Grundschule aufgehalten, als das Unglück passierte.

Nach der ersten großen Pause hatte ihn dann sein Klassenlehrer bei Seite genommen und ihn behutsam von dem Unfall berichtet, den seine Mutter gehabt hatte. Der Lehrer überbrachte ihn aber noch eine zweite Nachricht und diese traf ihn fast noch mehr, als das eigentliche Unglück.

Da Martins Mutter wohl länger in der Klinik bleiben musste und niemand sonst in ihrem Haushalt lebte, der sich um Martin hätte kümmern können, sollte diese Aufgabe so lange seine Tante Berta übernehmen.

Ausgerechnet seine Tante Berta, die er überhaupt nicht ausstehen konnte.

Martin hatte angewidert die Augen verdreht und sein Lehrer hatte gleich an eine nahende Ohnmacht gedacht, doch blieb diese zum Glück aus und so sagte er: „Kopf hoch Junge, das wird schon wieder. In 8 Wochen ist deine Mama bestimmt wieder auf den Beinen!“ Dabei hatte er ihn bekräftigten auf seine Schultern geklopft.

In diesem Moment war seine Tante laut rufend auf dem Schulhof gestürmt: „Huhu, Martin Schätzchen, oh mein armer Hase, du schnuckeliges Tigerchen! Warte Tantchen wird dich knuddeln!“

Und obwohl sich kaum noch einer auf dem Schulhof auf gehalten hatte, wurde Martins Kopf feuerrot vor Scham.

Er hasste diese Liebkosenden Worte. Schließlich war er kein Baby mehr, aber mehr noch hasste er es, wie seine Tante ihn begrabschte und ihn mit ihren Körpermaßen förmlich zu erdrücken drohte, wenn sie ihn Begrüßte.

Und das, was sie liebevoll knuddeln nannte, war für den Jungen einfach nur der reinste Horror.

Hinzu kamen noch ihre feuchten Küsse, die sich wie lauwarme Waschlappen anfühlten.

Entsetzt wich er nun vor ihr zurück und suchte Schutz hinter dem Rücken seines Lehrers.

Dieser starrte fasziniert auf die Korpulente große Frau, die schnaufend vor ihnen halt gemacht hatte.

„Mein Gott, mein Bussieberle hat einen Schock!“ fauchte sie den Lehrer wütend an, der nicht wusste, was er sagen sollte.

Irgendwie hatte er Mitleid mit dem Jungen, doch konnte er nichts für ihn tun. Und so fügte sich Martin seinem Schicksal und folgte ihr dann nur wiederwillig zu ihrem Auto.

In ihrer hätscheligen Sprache bombardierte sie den Jungen mit ihrem Plan, zunächst zu ihm nach Hause zu fahren, um dort die notwendigsten Sachen, die er für die nächsten Wochen so brauchte, zusammen zupacken.

„Und was ist mit Florizwo?“ hatte Martin den Redefluss seiner Tante unterbrochen, als sie an einer roten Ampel anhalten musste.

Flori was? Du meinst doch nicht dieses widerliche kleine Monster!“ schrie sie entsetzt auf. „Dieses Vieh kommt nicht in mein Haus! Bei Gott, das schwöre ich dir!“ schnaufte sie weiter.

Martin kochte vor Wut, löste den Sicherheitsgurt und war dann aus dem immer noch stehenden Auto gesprungen.

„Aber mein Hasielein!“ kreischte sie hinter ihm her. Der Junge drehte sich zu dem Auto herum, aus dem nun mühsam seine Tante ihre Körpermaße zwängte.

„Wenn Florizwo nicht mit darf wird er Verhungern!“ weinte Martin lauthals aus sich heraus. „Außerdem ist Florizwo kein Monster und auch kein Vieh, sondern eine Ratte! Das Monster bist du!“

Inzwischen hatte die Ampel auf Grün geschaltet und die ersten Wagen hinter ihnen begannen mit einem nervigen Hupkonzert.

Tante Berta war mächtig ins Schwitzen geraten und lenkte dann ein, in dem sie sagte: „Das ist sicher der Schock mein Mausilein! OK, du kannst deine…, äh deine Ratte mitnehmen. Aber ins Haus kommt sie mir trotzdem nicht. Ich denke im Gartenhäuschen ist dein Florizwo doch gut untergebracht, oder?“

„He sie da, geht das heute hier noch mal weiter?“ rief ein junger Mann, der direkt hinter Bertas Auto stand und eben mit ansehen musste, wie die Ampel wieder auf rot geschaltet hatte.

Erbost hatte Martins Tante sich zu dem Störenfried umgedreht, denn nichts hasste sie mehr, als wenn sie in wichtigen Gesprächen unterbrochen wurde. Und das war ein wichtiges Pädagogisches Gespräch, wie sie glaubte und deshalb fauchte sie, in dem sie sich drohend auf den Jungen Autofahrer zu bewegte „Hören sie, sie Milchzwerg! Das hier geht sich überhaupt nichts an, verstanden!“

Hastig stieg der junge Mann in seinen Wagen und schloss die Tür. Berta blickte zu ihren Neffen und sagte dann etwas versöhnlicher: „Versprochen, Florizwo kann im Gartenhäuschen wohnen!“

Und so geschah es dann auch.

Als Martin dann zwei Tage später seine Mutter besuchen konnte, hatte er erfahren, dass sie mindestens 6 Wochen in der Klinik bleiben musste.

Neben einem komplizierten Beinbruch hatte sie sich auch noch den Arm gebrochen und wie sie so im Bett gelegen hatte, wirkte sie irgendwie hilflos auf den Jungen. Er musste seiner Mutter versprechen, nett zu Tante Berta zu sein, was er schluckend zur Kenntnis genommen hatte.

Und so versuchte er das Beste aus seiner Situation zu machen. Er war froh, wenn er morgens in die Schule gehen konnte und er schaffte es sogar seine Tante davon zu überzeugen, das er an den Wochenenden auch mal bei seinem Freund Niels schlafen könnte. So verschaffte er sich soviel Freiraum wie möglich und erging so, wenigstens zeitweise, den Überfall artigen Knuddel Aktionen seiner Tante.

Doch dann passierte etwas, wofür er keine vernünftige Erklärung hatte.

 

*

 

Er saß, wie schon so oft mit seiner Ratte im Garten, als diese plötzlich von seinem Schultern sprang und dann mit nur wenigen Sprüngen in ein dichtes Brombergestrüb einfach verschwand.

„Hey, Florizwo, komm sofort wieder zurück!“ rief Martin aufgeregt, doch die Ratte tat ihm nicht den Gefallen, sondern arbeitete sich weiter in das Dornengewirr hinein.

Er wollte seinem vierbeinigen Freund folgen, doch die Dornenranken stachen ihn erbarmungslos in seine Arme und Hände, als er versuchte einen Weg durch sie hindurch zu finden und so brach er sein Vorhaben ab.

Dann fiel ihm ein, das im Gartenhäuschen eine große Heckenschere an der Wand hing und mit dieser bewaffnet nahm er nun erneut die Verfolgung auf.

Er kam nur langsam voran und immer wieder griffen einzelne Dornenzweige nach ihm, grade so, als wollten sie den Jungen festhalten und ihn so an seinem Vorhaben hindern.

Nach etwa sieben Metern sah er vor sich mehrere vermoderte Holzbohlen liegen, die schützend über einem Loch im Boden lagen.

Vorsichtig trat er näher heran und rief: „Florizwo, wo steckst du! Na komm schon her!“

Er kniete sich vor der abgedeckten Öffnung nieder und zog eines der verfaulten Holzbohlen beiseite. Dabei brachen andere einfach in sich zusammen und stürzten in das Loch, was sich nun als eine Art Kanalschacht entpuppte. Staunend sah Martin in den aus Beton gegossenen Schacht hinab, in dem er deutlich die angebrachten Metallgriffe erkennen konnte, die aber irgendwie nicht grade vertrauenerweckend rostig aus der Betonwand heraus schauten.

Florizwo! Bist du da unten?“ Er lauschte in das Loch hinein und er glaubte ein leises piepen zuhören, was von unten herauf ertönte. Sicher war er sich aber nicht. Fest stand nur, wenn seine Ratte dorthinunter gefallen war, würde sie ohne seine Hilfe nicht wieder herauf gelangen können. Deshalb entschloss er sich kurzer Hand in den Schacht abzusteigen.

Grade wollte er sich über den Rand schwingen, als ein widerlicher Gestank in seiner Nase ihn würgend zögern lies. Dieser Geruch und auch ein leises entferntes Gluckern vom Boden des Schachtes, veranlassten Martin nun dazu, sich zunächst einmal andere Schuhe, hier dachte er an Gummistiefeln, und außerdem noch eine Taschenlampe zu Besorgen. Denn mit Licht konnte er dort unten mit Sicherheit nicht rechnen.

Rasch kehrte er über seinen frei geschnittenen Pfad aus dem dichten Gestrüpp zurück und lief dann ins Haus um sich auszurüsten. Tante Berta war immer noch in der Stadt um einzukaufen was alles nur vereinfachte.

Er band sich noch eine Gürteltasche um, in der er Florizwo sicher transportieren konnte, wenn er ihn den fand.

 

15 Minuten später stand er unten im Schacht und leuchtete in die nur 1,50 Meter durchmessende Röhre, die sich vor ihm öffnete.

Auf dem Boden befand sich eine knöcheltiefe, braune matschige Masse, die aber zum Glück doch nicht aus den Abwasserrohren von Tante Betas Haus zu stammen schienen. Der Gestank sprach aber eine andere Sprache und so folgte der Junge, mit der aufsteigenden Übelkeit kämpfend, einer kleinen Spur im Matsch, die zweifellos von seiner Ratte stammten musste.

„Dich werde ich erst mal gründlich baden müssen, wenn ich dich habe!“ sprach er leise zu sich selbst und lauter rief er erneut nach seinem vierbeinigen Freund.

Nach etwa 10 Metern sah er plötzlich vor sich eine Wand, wie er sie noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte.

Sie war völlig weiß und stand in einem schwarzen, siebeneckigen Rahmen eingebettet mitten in dem Rohr. Direkt davor saß auf ihren Hinterpfoten sitzend sein kleiner Ausreißer, der sich andächtig sein Fell putzte.

„Da bist du ja!“ rief Martin freudig und eilte auf seine Ratte zu, deren Augen Rot aufblitzen, als sie vom Schein seiner Taschenlampe getroffen wurden.

Doch bevor der Junge sie erreicht hatte öffnete sich völlig lautlos die Wand vor ihm, in dem sie langsam, einem Fahrstuhl gleich, nach unten in der Röhre verschwand.

Martin war so überrascht, das er sein Gleichgewicht verlor und rücklings in die braune, leise vor sich hin stinkende Matsche viel.

Sofort verspürte er ein ungutes Gefühl in seinem Magen, was ihm ankündigte, das er sich gleich von seinem aus Toast und Eiern bestandenem Frühstück trennen würde, in dem er es einfach nur heraus kotzte.

Doch er behielt würgend seinen Mageninhalt bei sich, rappelte sich wieder auf und sah mit tränenden Augen grade noch, wie Florizwo durch die entstandene Öffnung vor ihm huschte.

Martin folgte ihn vorsichtig und war sehr erstaunt, als er sich im Keller von Tante Bertas Haus wieder fand.

Er erkannte die zwei vergitterten Fenster, durch deren Scheiben sich mühsam etwas Sonnenlicht quälte, weil das Fensterglas seit einer Ewigkeit nicht mehr geputzt worden war.

An der Wand standen Regale, in denen sich etliche Gläser mit eingemachten befanden und in einer Ecke stand die Große Kartoffelkiste, aus der er erst gestern einen Eimer mit Kartoffeln nach oben gebracht hatte.

Alles schien wie immer und doch fühlte er, das etwas nicht stimmte.

Sein Blick fiel auf den mit einfachen Kacheln ausgelegten Boden und dann stutzte er. Florizwo saß auf einer Kachel und schien den Jungen mit seinen fast weisen Pfötchen zu zuwinken. Aber das war es nicht, was ihn erstaunte. Es war die Kachel selbst, auf dem seine kleine Ratte nun saß.

Im Gegensatz zu allen anderen Kacheln am Boden, die eine Rostbraune Farbe trugen und rechteckig leicht versetzt verlegt worden waren, war diese völlig weis und mit einem schwarzen siebeneckigen Rahmen umgeben.

„Wie diese komische Wand!“ murmelte Martin vor sich hin und blickte sich rasch um, damit er einen Vergleich anstellen konnte.

Aber er sah nur eine mit Kalk weis getünchte Kellerwand in der es kein Loch zusehen gab, geschweige den einen schwarzen siebeneckigen Rahmen.

Fassungslos ließ sich der Junge auf seinen Hintern fallen und starte mit offenem Mund die Kellerwand an, durch die er erst vor fünf Minuten gekrabbelt war.

Schließlich fand er seine Gedanken wieder, nicht zuletzt wegen der unangenehmen Nässe in seiner Hose, die durch den schleimigen Matsch, in den er gefallen war, durch seine Kleidung gedrückt wurde.

Da Florizwo immer noch abwartend auf der merkwürdigen Kachel saß, nahm ihn Martin behutsam auf und verstaute das Tier in seiner Gürteltasche. Dabei bemerkte er, das die Kachel locker war und so hob er sie an und fand dann in einer kleinen Vertiefung darunter, das kleine schwarze, in Leder gebundenes Buch.

Dann stieg er langsam, fast wie ein Schlafwandler die Kellertreppe hinauf, ging über den Flur zur Küche und von dort durch die Hintertür hinaus in den Garten, wo er sich dann in der Gartenlaube verkroch und schließlich hemmungslos zu weinen begann.

 

***

 

Inzwischen waren Kesse und die Jungen auf ihre Räder gestiegen und hatten die Rückfahrt angetreten.

Da es nur bergab ging kamen sie schnell voran, hielten aber immer wieder an, weil es weitere unglaubliche Dinge zu bestaunen gab. So sahen sie auf einer Weide mehrere Kühe, die offensichtlich friedlich grasten. Doch bei genauerer Betrachtung kauten sie rückwärts und wie durch Zauberhand kehrte das zuvor heraus gerissene Gras wieder auf die Wiese zurück. Eine etwas abseits stehende Kuh hatte ihren Schwanz erhoben und dann kehrte die auf der Wiese liegende Kuhscheiße zurück in das Hinterteil des Tieres, was dabei ein Geräusch von sich gab, das normaler weise wie ein Muh hätte klingen sollen. Doch hier war nichts normal und so hörten die Kinder zum ersten Mal eine Kuh rückwärts Muhen. Es klang wie: „huuM“.

Die Kinder kringelten sich vor Lachen und so wurden sie wenigstens, wenn auch nur für kurze Zeit, von ihren Problemen, von denen sie nun reichlich hatten, abgelenkt.

Da war zunächst die Tatsache, das alles um sie herum rückwärts lief. Was würde sie erst in der Stadt erwarten?

Warum konnte ihnen der Ball nicht eine Erklärung über das Geschehen geben, jetzt wo Dirk ihn verstehen konnte?

Sie hatten versucht mit ihm zusprechen, doch Dirk konnte ihn nicht hören. Es schien so, als würde das, was sich hinter den Ball verbarg, nur dann sprechen zu wollen, wenn ihnen irgendwie Gefahr drohte.

Und schließlich fragten sie sich, welche Dinge sie noch finden mussten, um das Abenteuer in das sie steckten und die damit verbunden Rätsel lösen zu können.

Denn zweifellos hatte Dirk recht, wenn er behauptete, das auf den Säulen in der Höhle irgend etwas gehörte. Zwei Gegenstände hatten sie bereits. Kesses Rucksack und Dirks Ohrring. Also brauchten sie noch fünf weitere, ihnen noch unbekannte Gegenstände. Was für Wunder würden diese dann können?

Letztendlich war alles wie in einem Puzzlespiel. Irgendwo lagen die Teile herum, die sie finden mussten und nur alle zusammen würden ein fertiges Bild ergeben.

Auch die geheimnisvollen Worte „ANDERSWO“ und „HILFE“ gehörten zu diesem Puzzle. Wer brauchte ihre Hilfe?

Die unbekannte dunkle Macht, die Dirk in der Höhle einfach nur „ER“ genannt hatte, sicherlich nicht.

Im Gegenteil. Was immer es auch war, „ER“ würde weiter versuchen sich ihnen in den Weg zustellen. Aber warum?

Scheinbar konnte auch das „Böse“ nicht in seiner eigenen Gestalt in ihrer Welt erscheinen und nur deshalb hatte es die Sandmassen aus dem Sandkasten dazu benutzt, sich einen Körper zu schaffen. Das würde aber bedeuten, das er über eine unglaubliche Macht verfügen musste und jederzeit in anderer Form erneut zuschlagen konnte.

Dieses wissen bescherte den Kindern mehr als nur ein Unbehagen. Auch wenn sie glaubten, das der Ball sie schützen würde, wenn das Unbekannte Böse erneut zuschlug. Angst hatten sie trotzdem.

 

Inzwischen waren sie weiter gefahren und vor dem Hindenburg Spielplatz hielten sie an und stiegen von ihren Rädern ab.

Langsam näherten sie sich zu Fuß und ohne Räder dem Spielgelände und sahen dann, das grade ein kleines Kind beschlossen hatte, rückwärts die silberne Rutsche hinauf zu rutschen.

„Das gibt es doch gar nicht, - seht doch nur, der Sandkasten!“ rief Kesse überrascht. Auch ihre Begleiter staunten nicht schlecht. Auf einer Bank direkt davor saß eine Frau, die eine Zigarette rauchend, ein kleines Mädchen beobachtete, das friedlich im Sand spielte.

Es gab keinen Hinweis darauf, das der Sand jemals aus dem Kasten heraus verschwunden gewesen war.

Die Frau, offensichtlich die Mutter der kleinen, schaute zu ihnen auf und in ihrem Blick schien eine gewisse Ungläubigkeit erkennbar zu werden, als sie schließlich sagte: „?ierd rhi aN 

Während sie diese Worte sagte, die für die Kinder völlig unverständlich waren, holte sie hörbar Luft und zog dann den aus ihrer unmittelbaren Umgebung aus dem nichts heraus entstehenden Rauch in ihre Lunge ein und blies ihn dann kräftig in ihre Zigarette zurück. Diese glühte hell auf und wurde dann etwas größer.

„Nichts wie weg von hier!“ entschied Dirk und wortlos rannten seine Freunde hinter ihm her.

 

Zurück blieb eine leicht verwirrte Frau, die soeben gesehen hatte wie drei Kinder auf sie zugerannt waren. Dann hatte ein Blonder Junge mit einem Goldenen Ohrring so etwas gesagt wie: „!reih gew eiw sthciN“ und schließlich waren sie langsam rückwärts gehend von dem Spielplatz verschwunden. Ratlos schüttelte sie ihren Kopf.

 

„Ach du liebe Zeit, nicht nur, das die Leute rückwärts gehen, nein sie Reden auch noch so!“ sagte Dennis fassungslos, als sie bei ihren Rädern angelangt waren. „Und habt ihr das ungläubige Staunen im Gesicht der Frau gesehen? Ich denke, das die uns genauso verkehrt herum wahr genommen hat, wie wir sie eben auch!“

„Willst du damit sagen, das wir für die Frau dort eben auf dem Spielplatz wir diejenigen waren, die irgendwie anders sind?“ fragte Dirk erstaunt und fügte dann noch hinzu: „Ich meine, dass wir für sie gesehen, alles rückwärts machen, ja sogar verkehrt herum sprechen?“

„So ist es. Genau das glaube ich!“ antwortete ihm Dennis, der irgendwie das Gefühl hatte das er dabei war seinen Verstand zu verlieren.

Kesse vermutete sogar, das es nicht, wie es eigentlich hätte sein sollen, später Nachmittag, sondern eher Mittag war. Möglicherweise sogar ein anderer Tag.

Sie begründete ihren Verdacht damit, das sie am Morgen selbst die erstem am Spielplatz gewesen waren und da war es grade mal 9.00 Uhr gewesen. Und vor neun Uhr, auch wenn es Samstag war, würde niemand mit kleinen Kindern in den Sand spielen gehen. Dazu war es morgens einfach noch zu frisch, obwohl es schon Mitte Mai war. Jetzt aber war es angenehm warm und die Sonne stand hoch am Himmel, ein weiteres Zeichen dafür, das Kesse recht haben mochte.

Auch die Tatsache, das sich der Sand im Sandkasten befand und nicht auf dem Spielgelände verteilt herum lag, sprach für ihre Vermutung.

Deshalb beschlossen sie gemeinsam, als nächstes herauszufinden, um welchen Wochentag es sich eigentlich handelte und Dirk sagte: „Am besten wir besorgen uns eine Zeitung!“

Dennis Uhr zeigte zwar an, das die Zeit rückwärts verstrich, doch die Datumsanzeige war ausgefallen.

Sie traten beiseite, weil ein Auto langsam rückwärts fahrend auf sie zukam und dann an ihnen vorbei fuhr. Die Fahrerin im inneren schaute stur nach vorne aus der Windschutzscheibe heraus. Ohne sich ein einziges Mal um zusehen bog sie links ab und verschwand.

„Wir sollten aber nicht mit den Fahrrädern fahren sonst kommt es bestimmt zu einem Verkehrskaros!“ sagte Dirk und dann beschrieb er seinen Freunden mit einer ungebändigten Fantasie, was alles passieren könnte, wenn sie dennoch ihre Räder benutzen sollten.

„Wir würden für die uns entgegenkommenden Autofahrer wie Artisten aussehen, die ihn halsbrecherischer Fahrt rückwärts die Straße herunter gerast kämen.

Der Fahrer eines mit Betonröhren beladen Sattelschleppers wird vor Schreck eine Vollbremsung machen müssen und seine Ladung würde dann von seinem Hänger auf die Straße fallen und uns mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit verfolgen!“

Während Dirk erzählte hatten sie ihre Räder am Zaun des Spielplatzes angeschlossen und gingen dann die Hauptstraße hinunter in die Stadt. Dennis musste lachen und Dirk erzählte weiter.

„Hinter uns würden die großen Betonröhren auf ihrem Weg dem Berg hinunter alles platt machen, was ihnen in die Quere kommt. Den Briefkasten, die Verkehrsschilder, einfach alles.

Doch wir werden rechtzeitig entkommen, weil wir schneller sind als diese gehirnlosen Betonröhren.

Am Rathaus unten werden die Betonröhren nicht mehr die Kurve kratzen können und deshalb in das alte Fachwerkhaus krachen, das sicher gleich in Flammen aufgehen wird. Die Trümmer werden weitere Häuser zum Einsturz bringen und das Feuer wird gierig um sich greifen. Von der ganzen Innenstadt bleibt dann nur noch ein riesiger, Qualmender Schutthaufen übrig!“

An dieser Stelle wurde er von Dennis unterbrochen und das war auch ganz gut so, sonst währe zum Schluss in Dirks Erzählung noch die ganze Welt untergegangen.

Inzwischen waren sie am Rathaus angekommen und Dennis zeigte dann aufgeregt auf die Kirche, die etwas oberhalb in unmittelbarer Nähe stand. „Seht mal, die Uhr!“

Alle blickten hinauf zur großen Kirchturmuhr. Deutlich zeigten sie goldenen Zeiger 11.13 Uhr an.

„Also ist heute bestimmt nicht Samstag, jedenfalls nicht der Samstag an dem wir zur Höhle aufgebrochen sind.“ stellte Kesse nüchtern fest.

„Na los, lasst uns zum Rewe Supermarkt gehen und dort eine Zeitung ansehen!“ drängte Dirk aufgeregt.

In diesem Teil der Stadt waren eine Menge Menschen unterwegs. Die Kinder bemühten sich, möglichst nicht aufzufallen, doch das gelang ihnen natürlich nicht. Die Leute, denen sie begegneten, gafften sie an, als wären sie ein Trupp Außerirdischer Wesen, die sich anschickten die Erde zu besetzen.

Manche sagten auch etwas zu ihnen, doch verstanden sie kein Wort weil alles rückwärts gesprochen wurde.

 

Für die Leute waren sie drei Kinder, die rückwärts gehend durch die Stadt zogen und nicht in der Schule saßen, wie es sich für diese Zeit eigentlich gehörte.

Zudem sahen die drei reichlich ungepflegt aus.

Die Radtour durch den Wald und die Höhlenexpedition hatten Spuren an ihrer Kleidung hinterlassen und ihre freien Körperteile sahen aus, als hätten sie vor Wochen das letzte Mal Wasser und Seife gesehen.

Endlich standen sie auf dem Parkplatz des Supermarktes und obwohl sie sich langsam an die hier anderes herum laufenden Zeit gewöhnten, staunten sie fasziniert über das seltsame treiben, was sie hier umgab.

Sie beobachten eine Frau, die rückwärts aus ihrem Auto stieg, sich dann in dieser Gangart einen Einkaufswagen holte und diesen schließlich mit Lebensmitteln füllte, die sie aus ihrem Kofferraum herausholte. Dann schloss sie den Wagen ab und die Kinder folgten ihr unauffällig, in denen sie nun selbst rückwärts gehend hinter der Frau her marschierten.

Das war allerdings nicht so einfach und Dirk wäre fast in eine aus Eierkartons gebaute Pyramide gestürzt, die kunstvoll im inneren des Marktes aufgebaut worden war.

Zielstrebig steuerte die Frau ihren Einkaufswagen zu den Kassen, wo sie sofort damit begann, dessen Inhalt auf ein Förderband zu legen. Alles lief verkehrt herum ab. Die Kassiererin gab ihr Geld aus der Kasse und nach dem alle Wahren in umgekehrter Reihenfolge über den Strichcode Leser gezogen worden waren und wieder im Wagen lagen, fing die Frau jetzt an ihre Lebensmittel wieder in die Regale zurück zu stellen.

 

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