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5. Kapitel

Der Turm

 

 

 

Als sich die Kinder auf dem Weg nach Selnau machten, war Theo bereits mit seiner Bande auf der Selnauer Burg angekommen.

Dieses Mal hatte der Anführer sogar seinen Hund „Bestie“ dabei, den er auf seinem Moped Gepäckträger in einem speziellen Korb transportiert hatte.

Als er den völlig überfressenen Hund auf dem Burghof absetzte, lief dieser taumelnd in den Schatten des mächtigen Turms und übergab sich dort erst einmal, so das Till sich angewidert abwendete und zu seinem Anführer sagte: „Man Theo, das liegt an deinen grauenhaften Fahrstil. Schau dir nur deinen Hund an, das ist ja schon fast...“

„Hat dich jemand nach deiner Meinung gefragt?“ unterbrach ihn Theo giftig und stiefelte auf Till zu, der damit begonnen hatte den kleinen, schwerbeladenen Mofa Anhänger abzuladen.

Theo konnte die Aufsässigkeit, die Till in der letzten Zeit ihn gegenüber an den Tag legte, überhaupt nicht leiden.

Schließlich war er der Chef der Bande und das sollte auch so bleiben. Deshalb sagte er zu Till: „Hör mal, wenn dir irgendwas zu eng ist, verpiss dich lieber gleich! Ich kann auch mit Mike und Max alleine in meinen Geburtstag hinein Feiern. Dazu brauche ich dich nicht unbedingt. Hast du das kapiert?“

„Ist ja schon gut man, reg dich ab. Sollte ein Witz gewesen sein!“ entgegnete ihm Till dem klar geworden war, das Theo wirklich sauer war.

„Über „Bestie“ macht man keine Witze!“ brüllte Theo nun über den Burghof und bevor er ganz ausrasteten konnte, mischten sich Max und Mike ein und beruhigten ihn schließlich etwas.

Seit dem Vorfall auf dem Sportplatz hatte sich Theo merklich verändert.

Er war verletzt in seiner Eitelkeit, hatten ihn doch drei kleinere Kinder, darunter auch Tills kleine Schwester Kesse, eine bittere Niederlage bereitet die er bis heute noch nicht überwunden und schon gar nicht verstanden hatte.

Ein einfacher Ball hatte ihn aus seinen Schuhen befördert und das vor seinen Kumpanen. Weder er selbst, noch seine Bandenmitglieder hatten eine Erklärung für diese plötzliche Ballattacke gefunden.

Letztendlich hatten sie sich alle mit dem Gedanken getröstet, das dieser Bengel Dennis sicher irgendeinen billigen Zaubertrick auf Lager gehabt hatte und sie irgendwie getäuscht haben musste.

Jedenfalls was jenem Teil betraf, in dem der Ball wie ein Hund auf Dennis Kommando gehört hatte und so zu ihm über den Zaun gesprungen war.

Dennoch, für die Wucht, mit der dieser Ball sein Gesicht getroffen hatte, fand sich keine einleuchtende Erklärung. Für Theo stand nur fest, das er es diesem Dennis irgendwann einmal heimzahlen müsste. Nur so glaubte er seinen Seelenfrieden wieder finden zu können.

 

„OK Männer, schon gut!“ sagte Theo jetzt und ordnete dann seine Befehle an.

Max und Mike sollten die beiden Zelte aufbauen, während er mit Till zusammen noch das wichtigste für den Abend besorgen wollte. Er wollte seinen 16 Geburtstag mit einem Kasten Bier begehen und dieser musste noch, zusammen mit Grillkohle und sonstigen Kleinigkeiten gekauft werden. Dazu brauchte er natürlich Till mit seinem Mofa Anhänger und zusammen mit ihm fuhr er dann los, während Mike und Max sich murrend an die für sie verhasste Aufgabe machten die Zelte für die Nacht auf zubauen.

„Bestie“ lag im Schatten und hechelte wild vor sich hin, gerade so als wäre er die Strecke zur Burg auf seinen kurzen Beinen selbst hinauf gelaufen.

 

 

***

 

 

Langsam schoben die Freunde ihre Räder den geteerten Wirtschaftsweg hinauf und unterhielten sich dabei angeregt über ihre letzten Erlebnisse.

Eigentlich wollten sie zunächst über die Bundesstraße nach Selnau fahren, doch hatten sie sich in letzter Minute noch für diese etwas längere Strecke entschieden.

So oder so hätten sie ohnehin den größten Teil des Weges ihre Räder schieben müssen und der Vorteil ihres jetzigen Weges lag eindeutig darin, das sie so nebeneinander her gehen konnten und nicht auf den Autoverkehr achten mussten.

Endlich hatten sie die erste steile Steigung hinter sich gebracht und sie beschlossen eine kurze Pause ein zu legen.

„Was glaubt ihr, wann und wo werden wir auf die anderen drei Retter treffen?“ fragte Dennis und nahm dann einen kräftigen Schluck aus seiner Limo Flasche.

Dirk gähnte herzhaft und erkundigte sich dann nach der Uhrzeit.

Es war grade mal 15.00 Uhr, wie Dennis ihn sofort mitteilte und schließlich gab ihn Dirk eine leicht verspätete Antwort.

„Ich hoffe nur, das die anderen drei keine Schnuller Luschen sind und unsere Firma, ich nenne sie mal: „Steinige Ritter Terminator GMBH“, nicht irgendwie mit Pipi kram aufhalten werden!“

Darauf brachen alle in schallendes Gelächter aus und Kesse fragte ihn dann mit Tränen in den Augen, was er den mit „Luschen“ gemeint habe, doch Dirk schüttelte nur den Kopf und gab dann zu: „Na ja, ich weis nicht genau, was man unter Luschen versteht, aber mir gefällt das Wort einfach. Euch etwa nicht?“

„Was heißt Terminator? erkundigte sich Martin jetzt.

„Na Zerstörer heißt das. Wir haben die Aufgabe diese vergammelte Steinschlagmumie für alle Zeiten zu Terminieren und ich hoffe, dass es uns auch gelingen wird. Wenn nicht dann...“

Seine letzten Worte gingen erneut unter dem grölen seiner Freunde unter die sich diesmal über den Begriff: „Steinschlagmumie“ halb kaputt lachten.

Sie stiegen immer noch lachend auf ihre Räder und fuhren dann langsam den geteerten Wirtschaftsweg hinunter, der nach einer scharfen, sehr schmalen Kurve etwa einen Kilometer weit Schnur grade aus bergab ging und dann unterhalb vom Selnauer Sportplatz in die Bundesstraße einmündete.

Nach der Kurve stoppte Dennis, der die Gruppe angeführt hatte und deutete auf einen Traktor, der sich ihnen von unten herauf langsam näherte.

„Wartet bis der da vorbei ist oder abbiegt. Dann können wir mal so richtig Gas geben!“

Während sie darauf warteten, das der Trecker endlich von der Strecke verschwand, nährte sich ihnen von hinten ein Fahrrad, das mit einem ziemlichen hohen Tempo unterwegs war.

Martin hörte es zu erst und als er sich umdrehte kreischte ihnen eine Stimme entgegen: „Aus dem Weg! Los macht Platz, meine Bremsen sind kaputt... ahhhh!“

Rasch machten sie Platz und schon schoss das Rad, auf dessen Sattel ein Mädchen saß, an ihnen vorbei.

Ihre Augen waren mit einer Großen Sonnenbrille verhüllt und auf dem Kopf trug sie einen Schutzhelm so das die vier nicht erkennen konnten, ob sie die Radlerin möglicherweise kannten.

Mit offenen Mündern starten sie dem Mädchen nach, das geradewegs auf den Traktor zuraste.

„Seht doch, die spinnt total. Warum trampelt sie den noch in die Pedalen, wenn ihre Bremsen angeblich kaputt sind?“ rief Martin aufgeregt.

„Das ist ein Mädchen!“ tuschelte ihm Dirk zu und hoffte, das Kesse nichts von seiner Anspielung gehört hatte. Doch als er sie anblickte sprachen ihre Augen eine deutliche Sprache.

Inzwischen hatten sich beide Fahrzeuge soweit angenähert, das es jeden Augenblick zum Zusammenstoß kommen musste, wenn nicht einer der beiden ausweichen würde.

Der Traktor fing an zu Hupen und dann bog er in der aller letzten Sekunde in den nächsten Feldweg ab.

Das Mädchen heizte aber ohne erkennbare Reaktionen weiter den Weg hinunter, während der Bauer aus seinem Gefährt gesprungen war und lautstark hinter dem offensichtlich lebensmüden Mädchen her schimpfte.

„OK, ihr nach!“ schrie Dennis jetzt und trat in seine Pedalen.

Die anderen folgten ihm und als sie an dem immer noch schimpfenden Traktor Lenker vorbei kamen, hatten sie bereits eine Geschwindigkeit von fast 50 km/h auf ihren digitalen Tachometern.

Doch ihre Eile war gar nicht notwendig gewesen. Denn kurz vor der Bundesstraße machte die Unbekannte eine hörbare Vollbremsung, so das eine schwarze Bremsspur auf dem grauen Teerbelag zurück blieb.

Im Gegensatz zu der verrückten bremsten die vier langsam ihre Räder ab und starten auf das Mädchen, das jetzt einen kleinen Block in ihren Händen hielt und sich irgendetwas notierte. Dabei schaute sie auf eine Stoppuhr, die sie an einer Kette um ihren Hals hängen hatte.

Dann schaute sie zu den Neuankömmlingen auf und nahm ihre Sonnenbrille ab.

Wutschnaubend stieg das Mädchen von ihrem Rad ab und fauchte zornig: „Wegen euch habe ich ganze 3 Sekunden verloren ihr holen Nüsse, was habt ihr eigentlich dort oben in der Kurve gesucht?“

Alle vier erkannten nun das Mädchen das jetzt auch ihren Helm abgenommen hatte und diesen mit voller Wucht auf den Weg warf. Ihre ziemlich kurzen braunen Haare funkelten nass geschwitzt in der Sonne.

Vor ihnen stand Sara-Marie, der Alptraum eines jeden Jungen, wie Dirk es zu mindestens für sich empfand. Zwar wusste er nicht viel über Sara, aber das was er wusste, war schlimm genug und deshalb sagte er nur geplättet: „Oh mein Gott!“

„Göttin wäre wohl passender für mich, aber trotzdem danke für das Kompliment Dirk!“ fauchte sie den völlig verdatterten Jungen an, der leise bei sich nur einen Gedanken hatte.

Wenn diese Sara einer von jenen dreien sein sollte, auf deren Suche sie sich befanden, dann sah er nur Schwarz für das Unternehmen „Anderswo“. Mit so einer würden sie niemals ihre Mission erfolgreich beenden können.

Kesse war inzwischen ebenfalls von ihrem Rad abgestiegen und baute sich nun breitbeinig vor Sara-Marie auf. Dann sagte sie in einen Tonfall, den ihre Begleiter nur allzu gut kannten wenn Kesse in Kampfstimmung war: „Jetzt hör mal gut zu Schwesterherz! Sag uns mal lieber was du hier überhaupt zu suchen hast!“

„Erstens bin ich nicht deine Schwester du Goldköpfchen und zweitens wohne ich hier!“

„Was hier, auf der Straße?“ sagte Kesse in einem gespielt mitleidigen Tonfall und zeigte dabei auf den Weg auf dem sie grade alle standen.

Saras braune Augen blitzten gefährlich auf als sie einen weitern Schritt auf Kesse zu ging.

„Nein nicht hier du Miststück, sondern dort oben!“

Dabei wies sie mit einer Hand auf einige Häuser unterhalb der Burg.

Dennis und Martin waren nun auch abgestiegen und sie merkten buchstäblich die knisternde Spannung, die sich jeden Augenblick zwischen den beiden Mädchen entladen konnte.

Beherzt stellte sich Dennis zwischen die beiden Mädchen, die inzwischen wie Kampfhennen mit den Füßen scharten.

„Das reicht erst einmal! Da wir uns jetzt alle Vorgestellt haben können wir doch etwas friedlicher miteinander sprechen, oder?“.

Zwar hatte Dennis nicht damit gerechnet, das er Erfolg damit haben würde, wenn er sich zwischen die beiden stellte, doch beide zogen sich überraschend aus der direkten Kampfzone zurück.

Erleichtert atmete er aus und dann sagte er: „OK, also wir sagen dir jetzt, was wir hier wollen und dann Sara, sagst du uns was du hier machst. Ist das OK für dich?“

Dabei sah er fragend in Saras verschwitztes Gesicht.

Martin fragte sie vorsichtig: „Hast du vielleicht Durst Sara? Ich meine wir könnten uns alle auf die Wiese dort unter den Apfelbaum in den Schatten setzen und uns etwas erfrischen.“

Eine Weile schwiegen alle, doch dann nickte Sara zustimmend. Kurze Zeit später saßen sie im kühlen Schatten des Baumes und Sara nahm dankend einen Fruchtsaft aus Martins Vorräten an.

„Also wir wollen zur Selnauer Burg hinauf und dort möglicher weise eine Nacht in unseren Zelt verbringen!“ eröffnete Dennis das Gespräch.

Sara, von der er wusste, das sie in die Sonderschule ging und schon 12 Jahre alt war, sah ihn misstrauisch an. Dann sagte sie: „Also wenn ihr da mal nicht zu spät kommt. Ich glaube der Platz in der Burg ist schon besetzt!“

„Wie meinst du das denn?“ rief Kesse überrascht.

„So wie ich es sagte. Dort oben haben sich schon die Jungs von Theos Bande breit gemacht. Tja, da habt ihr halt Pech gehabt und außerdem...“

„Theos Bande ist dort oben?“ unterbrach Dennis sie. Dabei sah er ebenso ungläubig wie überrascht seine Freunde an. „Woher weißt du das denn so genau? Und woher kennst du eigentlich Theo?“

„Also wer Theo nicht kennt, der hat Weihnachten verpennt! Den kennt ja wohl jeder! Und wissen tue ich das auch nur deshalb, weil diese Pickeljacke vor gut zwei Stunden bei meiner Schwester war und er sie zu seinem Geburtstag eingeladen hat. Jetzt dürft ihr mal Raten wo er den wohl feiern will!“

Diese Neuigkeiten durchkreuzten gründlich ihre Pläne.

Sie konnten nicht zur Burg, solange Theo mit seiner Bande dort oben herum lungerte. Ratlos und enttäuscht schwiegen alle, bis Sara das Schweigen schließlich brach: „Was ist mit euch. Ihr habt doch nicht etwa die Hosen voll vor diesen vier halbstarken, hirnlosen möchte gern Rockern!“

Kesse war aufgesprungen und schrie Sara an: „Till ist nicht Hirnlos du kleines Miststück!“

Sara sprang nun ebenfalls auf und keifte: „Oh, ist dieser Till etwa dein Freund? Du armes, blondes Dummerchen. Das tut mir wirklich leid für dich, aber der hat sich schon unsterblich in meine Schwester verknallt und...“

Weiter kam Sara nicht mehr, denn Kesse stürzte sich schreiend auf das Mädchen.

Beide wälzten sich jetzt auf der Wiese herum und schlugen hysterisch schreiend wild aufeinander ein.

„Hört auf damit!“ schrie Dennis die Mädchen an, doch diese reagierten überhaupt nicht.

Sara hatte einen von Kesses Zöpfen in der Hand und zog fest an diesen herum, so das Kesse aufheulte. Blind vor Schmerz und Wut schlug ihr Kesse ins Gesicht, so das ihre Nase zu bluten begann.

„Los Dirk, wir müssen sie trennen!“ rief Dennis seinem Freund zu der fasziniert auf die beiden ineinander verkeilten Mädchen starte. Sara hatte grade ein Stück von der Wiese aus dem Boden gerissen und es sah so aus, als wollte sie damit jetzt Kesse füttern.

Endlich rührte sich Dirk und gemeinsam griffen sie in das Kampfgeschehen ein. Doch erst mit Martins Hilfe schafften es die Jungs endlich, die kreischenden Mädchen voneinander zu trennen.

Dabei lernten die Jungen einige schmerzhafte Kampftechniken von den Mädchen kennen, die hauptsächlich aus Kniffen, Kratzen und Haare ziehen bestanden.

Gerne hätten alle darauf verzichten können und Dennis sagte jetzt etwas aus der Puste geraten: „Ich hoffe, das es jetzt wirklich reicht! So können wir Prinz Marvin jedenfalls kaum aus der Patsche helfen. Außerdem sind wir so sehr leicht von dem steinigen Ritter angreifbar, wenn wir mehr mit uns selbst beschäftigt sind!“

 

Dennis hatte mehr zu Kesse gesprochen, denn Sara wusste sicher nichts von ihren Problemen die sie hatten. Auch dachte er ähnlich wie sein Freund.

Wenn dieses Mädchen zu ihnen gehören sollte, hätten sie sicher noch mehr Probleme als sie ohne hin schon hatten. Umso überraschter war er, als Sara entsetzt aufschrie. Dabei wischte sie sich über die blutige Nase und verteilte dabei das Blut in ihrem Gesicht, so das sie mehr als nur unheimlich mit weit aufgerissenen Augen auf Dennis starte.

„Marvins Schlüssel, ich, iiich habe Marvins Schlüssel und der unheimliche Kerl, eeer er...“ stotterte Sara entsetz vor sich hin.

„Volltreffer!“ sagte Dirk ungerührt und ging dann zu seinem Rucksack aus dem er schließlich ein Päckchen Papiertaschentücher angelte. Wortlos übereichte er es der inzwischen verstummten Sara.

„OK, Sara beruhige dich erst einmal und dann sollten wir uns einmal ernsthaft und hoffentlich ohne Streit über Marvins Schlüssel unterhalten!“ sagte Dennis leise.

Sara nickte nur und wischte sich dann, diesmal mit einen Tempotaschentuch, die immer noch leicht blutende Nase ab.

 

 

***

 

 

Langsam tuckerte Tills Mofa den steilen Berg hinauf.

Neben ihn fuhr Theo. Wie immer war er mit seiner schwarzen Lederjacke bekleidet und nun rief er zu Till hinüber: „Geht das nicht etwas schneller mit deiner Kiste?“

Till wollte etwas sagen, doch dann zog er es lieber vor zu schweigen.

Er konnte nicht schneller fahren, weil er den Anhänger hinter sich herzog und dieser war ziemlich schwer beladen. Der steile Berg tat sein übriges und schließlich schaltete er in den Leerlauf und hielt einfach an.

Er hatte einfach keine Lust seinen Motor weiter sinnlos zu quälen und diesen, wegen der schweren Ladung hinter sich, möglicherweise auch noch zu zerstören.

„Verdammt noch mal! Warum fährst du jetzt nicht weiter?“ schnauzte Theo ihn an. „Wir sind grade mal am Friedhof und noch längst nicht auf der Burg!“

Till sagte es ihm in einen nicht minder freundlichen Ton und dann fügte er noch hinzu: „Weißt du Theo, das ich  langsam die Schnauze voll habe von dir? Es ist doch deine Schuld, das der Hänger so voll beladen ist. Abgemacht war ein Kasten Bier aber du musstest ja gleich zwei kaufen! Wer soll das  ganze Zeug eigentlich alles saufen?“

Theo war sprachlos über Tills Wiederrede und steckte sich nervös eine Zigarette in sein immer noch mit Pickeln überzogenes Gesicht. Dann sagte er: „Ach ja, jetzt bin ich wohl der doofe!“

Seine Stimme klang gefährlich, aber durch seinen ewig Andauernden Stimmbruch wiederum einfach nur lächerlich, wie Till empfand und deshalb musste er etwas Grinsen.

„Das ist Meuterei!“ schrie Theo aufgebracht. Und nur weil auf dem Friedhof eine Beerdigung statt fand, hielt er sich unter Kontrolle. Sonst hätte er sich auf Till gestürzt und ihn sein vorlautes Maul gestopft.

Aber das konnte er ja später noch nach holen und deshalb sagte er nun etwas versöhnlicher: „OK, aber wenn du nicht diese verdammten Cola Flaschen gekauft hättest wären wir locker den Berg hinauf gekommen!“

„Und genau das ist es Theo, was ich an dir so hasse. Immer denkst du nur an dich, nie an die anderen!

Du weißt genau, das ich Bier hasse und Max mag das Zeug auch nicht gerade so gerne. Deshalb für uns die Cola!“

Theo wusste darauf keine Antwort und deshalb fragte Till: „Du hast mir noch keine Antwort auf meine Frage von eben gegeben. Ich will von dir wissen, wer das ganze Bier trinken soll, na los, sag schon!“

Theo zog an seiner Kippe und sagte dann, während er den Rauch ausblies: „Ich habe noch ein paar Mädchen eingeladen und dann noch den Kai, Spinner und Lasse! Was glaubst du, wie schnell da das Bier...“

Till unterbrach ihn abrupt. „So und du denkst die kommen? Das ich nicht lache. Keiner wird kommen und weißt du auch warum? Hör zu Theo, ich sage es dir nicht gerne, aber werde endlich einmal wach. Die anderen kommen nicht, weil du immer den Ober motz spielen musst!“

Er machte eine kurze Pause, während im Theo fassungslos anstarrte, so als wäre Till ein Spiegel, in dem er sich selbst das erste mal sah, sich so sah, wie andere ihn sahen. Und diese Erkenntnis war bitter für Theo, so bitter, das seine blaugrauen Augen einen feuchten Glanz annahmen.

Jetzt fügte Till noch hinzu: „Mensch sei froh das du Max, Mike und mich noch hast. Und eins musst du dir aber unbedingt noch merken. Mach so weiter wie jetzt, dann verlierst du uns auch noch. Also, noch mal so eine Nummer wie eben und ich verschwinde.

Lieber habe ich keine Freunde, als das ich deine Gängelei auch nur einen Tag länger ertragen möchte. Glaub es oder lass es!“

Till holte tief Luft und sagte abschließend: „So, ich will dir wirklich nicht deinen Geburtstag versauen und deshalb sollten wir uns jetzt überlegen, wie wir am einfachsten unsere Ladung auf die Burg hinauf bekommen!“

Theo schwieg eine Weile und dann sagte er mit kleinlauter Stimme: „Wir stellen unsere Mofas hier ab und schieben den Anhänger gemeinsam nach oben!“

„OK, gute Idee von dir!“

Till glaubte nicht, das Theo sich ändern würde, auch wenn er jetzt irgendwie kleinlaut wirkte.

Theo würde immer Theo bleiben. Und hätte er geahnt, wie recht er mit seiner Vermutung haben sollte, er wäre auf der Stelle nach Hause gefahren. Doch so trieb ihn das Schicksal ahnungslos seiner Bestimmung entgegen, die er jetzt noch nicht kannte.

 

 

***

 

 

Sara hatte sich etwas beruhigt, doch reden wollte sie noch immer nicht.

Mit Engelszungen sprach Dennis auf sie ein, doch es schien so, als säße vor ihm nur eine leere Hülle.

„Sara, was ist das für eine Geschichte mit Marvins Schlüssel? Hast du einen Schlüssel gefunden?“ versuchte er es noch einmal, doch Sara schwieg beharrlich.

Kesse stieß Dennis an und sagte: „So kommen wir nicht weiter! Was sollen wir nur machen?“

Dennis stand auf und ging zu den Fahrädern hinüber, wo Martin gerade Florizwo aus seinem Käfig hob. Dirk stand bei ihm und sah nun seinem Freund entgegen, als dieser langsam, gefolgt von Kesse auf sie zu schlenderte.

„Und?“ fragte er.

„Nichts, sie schweigt einfach nur. Aber irgendwie muss sie reden, ich meine sie hat ganz eindeutig von dem Steinigen Ritter gesprochen und dann dieser Schlüssel. Sie nannte ihn Marvins Schlüssel und hat behauptet, das sie ihn jetzt besitzt!“

Dirk runzelte die Stirn und sagte dann: „Irgendwie passt das nicht ins Bild. In dem Buch hat Marvin nie einen Schlüssel erwähnt oder irre ich mich da!“

„Stimmt, aber er sprach von Portalsymbolen und ich denke, das der Schlüssel genau so ein Teil ist.

Ich fresse einen Kuhfladen wenn ich unrecht haben sollte. Das schwöre ich euch!“ entgegnete ihn Martin, der jetzt zu Sara hinüber schlenderte, die immer noch stumm unter den Apfelbaum saß. Seine Ratte saß schaukelnd auf seiner Schulter.

„Ich glaube, das er diesen Kuhfladen nicht essen muss!“ sagte Kesse grinsend und die Jungen nickten zustimmend.

Dann sagte Dennis: „Fest steht für mich auf jeden Fall, das Sara zu uns gehört, ob es uns nun passt oder nicht! Sie ist die fünfte im Bunde und ich denke, das wir es schon schaffen werden mit ihr. Vielleicht ist sie ja doch ein nettes Mädchen und...“

Dirk unterbrach ihn: „Das nennst du nett? Ich habe das gerade ganz anders Erlebt. Und denk mal an die Geschichten die man sich über Sara so erzählt. Sie raucht, klaut und lässt keine Prügelei aus. Also ich finde, dagegen ist Kesse ein wahrer Engel!“

In diesen Moment trug der laue Wind Saras Stimme an ihren Ohren und überrascht sahen sie zu dem Baum hinüber.

„Oh ist die aber süß, kann ich sie mal halten Martin?“

„Klar doch!“ sagte dieser und winkte dann die anderen zu sich herüber.

„Los, nix wie hin!“ sagte Dirk und marschierte dann, gefolgt von Kesse und Dennis, in den Schatten des Obstbaumes hinein.

„Wie heißt sie denn?“

Florizwo, es ist ein er, ein Männchen!“ gab Martin ihr bereitwillig Auskunft während der Rest der Gruppe sich jetzt zu ihnen gesellte.

Zwo wie zwei?“

„Ja genau, ich hatte schon mal eine Ratte und diese hieß Florian!“

„Was ist mit deiner ersten Ratte Passiert?“ erkundigte sich Sara, die jetzt ziemlich entspannt da saß und das Fell von Florizwo graulte.

„Sie starb durch einen Unfall aber darüber möchte ich lieber nicht reden, verstehst du?“

Sara nickte nachdenklich und sagte dann: „Und wenn ich dir von meinem schlimmen Träumen erzähle, von diesem schwarzen Kerl und dem Schlüssel, verrätst du mir dann, was das für ein Unfall war?“

Martin sah überrascht zu seinen Freunden hinüber und Dirk, der direkt neben ihm saß, sagte: „Klar macht er das, oder Martin?“ Dabei gab er Martin einen leichten Stoß in die Rippen.

„OK, abgemacht!“

„Versprich es!“

Und Martin versprach es, auch wenn er nicht gerne über das grausige Ende seiner ersten Ratte sprechen wollte. Wichtiger schien es ihm jedoch zu sein, das Sara endlich erzählte was sie wusste, auch wenn es sich dabei nur um Träume handeln mochte.

„Der Schlüssel, ich finde ihn jede Nacht und immer dort oben!“ begann Sara und deutete mit einer Hand wage zur Burg hinauf. „Eigentlich habe ich ihn jedes Mal schon an einer Kette um meinen Hals hängen, wenn mein Traum beginnt. Aber ich weiß, das ich ihn gefunden habe!“

„Was macht dich da so sicher?“ unterbrach sie Martin.

„Es ist die Stimme die ich höre. Ich stehe auf dem Turm und schaue auf den Burghof hinunter und dann, immer wenn mein Blick zum Eingangstor hinüber wandert, entsteht sie irgendwie in meinen Kopf.

Es ist mehr ein leises Wispern und doch höre ich ganz deutlich wie diese Stimme zu mir spricht. Sie sagt mir immer das gleiche, in jedem Traum und jedes Mal stellt sie sich mir als Marvin vor“.

Sara machte eine Pause und sah dann Dennis an, der gebannt darauf wartete, das sie weiter erzählte. Doch stattdessen fragte sie ihn: „Sag mir ist dieser Marvin von dem du sprachst und der, den ich in meinen Träumen höre, ein und der selbe Marvin?“

„Das ist schon möglich aber erzähle uns doch erst einmal, was er in deinen Traum sagt. Dann werden wir es sicher genauer wissen!“

„Er sagt, das er wartet und ich den Schlüssel benutzen soll, bevor der „Steinige Ritter“ ihn mir entreißen kann und...“

Hier brach Sara ab und blickte sich gehetzt um.

In ihren Augen stand blankes Entsetzen geschrieben, als sie an jenen Teil des Traumes dachte, der noch unausgesprochen war.

Besorgt sahen die anderen sie an und Martin legte einen Arm auf ihre Schulter und sagte beruhigend zu ihr: „Keine Angst, hier bist du sicher. Jetzt träumst du nicht, denn du erzählst uns deinen Traum ja nur. Glaub mir, es ist wirklich wichtig, das wir alles erfahren!“

Sara schluckte heftig und dann erzählte sie weiter.

„Dann sehe ich diesen schwarzen Kerl. Er steht auf dem Burghof und sieht zu mir nach oben. Irgendwie sieht er aus wie ein Mönch, völlig in schwarzen Gewändern gehüllt. Dann sagt diese Marvin Stimmer zu mir, das ich laufen soll, vom Turm runter muss und als ich mich umdrehe und zur Tür laufen will, steht der Unheimliche direkt vor mir. Ich meine grade war er noch unten im Hof und dann, dann sehe ich, das der Fremde überhaupt kein Gesicht hat, das...“

Sara zitterte jetzt am ganzen Körper und Martin wollte seine Ratte aus ihren Händen nehmen, weil er sich jetzt ernstlich um das Tier sorgen machte.

Doch Dennis hielt ihn zurück. Zu Sara sagte er: „Weiter Sara, lass es raus. Du fühlst dich bestimmt besser danach!“

„Er hat kein Gesicht, nur ein rauchiges schwarzes nichts unter der Kutte und dann hebt er einen Arm und zeigt mit, zeigt mit einer... einer knochigen Hand auf mich und es ist kalt, so kalt!“

Wieder schwieg sie einen Moment bevor sie weiter sprach. „Ich renne los, will zu der Tür, doch es ist als klebe ich am Boden fest, wie... doch irgendwie komme ich zur Tür, aber die Eisentür ist verschwunden und statt der Metallstufen sehe ich jetzt eine Steintreppe vor mir. Ich renne trotzdem runter und dann, dann fallen die Stufen hinter mir mit lautem Krachen in sich zusammen und ich renne schneller, doch die Stufen unter mir wackeln immer toller und dann stürze ich in die Tiefe des Turms und höre dieses schaurige lachen, ein Lachen so gemein und bösartig wie ihr es euch nicht vorstellen könnt.

Ich falle immer schneller in die Tiefe und unten steht der Kuttenmann mit ausgebreiteten Armen, so als will er mich auffangen. Doch immer kurz bevor ich in seine Skelettartigen Arme stürze, wache ich aus diesen Alptraum auf!“

Keiner sprach ein Wort als Sara ihre Geschichte beendet hatte.

Ausnahmslos alle hatten vom letzten Teil ihres Traumes eine Gänsehaut bekommen und Dirk fand schließlich als erstes zu seiner Sprache zurück.

„Also steht fest, das wir da hoch müssen und zwar alle!“ Dabei deutete er zu der Burg hinauf.

„Ganz sicher ohne mich!“ sagte Sara energisch.

Alle sahen sie an und Dennis sagte dann: „Ich glaube wir sollten dir erst einmal erzählen, was wir alles in den letzten Tagen erlebt haben und ich bin sicher, das du dann verstehen wirst, das du wichtig für uns bist!“

Martin zog das „Sehende Auge“ unter seinen Pulli hervor und hielt es Sara unter die Nase und fragte dabei: „Der Schlüssel, der aus deinen Traum, hat der irgend eine Ähnlichkeit mit diesem Monokel hier?“

Fassungslos weiteten sich Saras Augen und dann stammelte sie: „Oh, oh ja, genau diese merkwürdige Form, so sah das Oberteil des Schlüssels aus und unten...“ Erneut verstummte sie wieder.

Die nächste Stunde verbrachten sie nun damit, Sara die ganze Geschichte zu erzählen. Dabei erzählten sie abwechselnd ihre Erlebnisse und Sara hörte staunend und schweigend zu.

Nur hin und wieder stellte sie eine Frage, wenn sie etwas nicht ganz verstanden hatte. Zum Schluss sah Sara ein, das sie zu den sieben Auserwählten gehören musste, jenen sieben, die das summende Orakel auf den unbekannten Berg in „ANDERSWO“ dazu auserkoren hatte, eben diese Welt, von der sie jetzt noch nicht wussten wo genau sie sich befand, zu retten.

 

Kesse war aufgestanden und schlug dann vor, zum Selnauer Sportplatz zufahren um dann dort ihr Nachtlager aufzuschlagen.

Sara, die Florizwo wieder in Martins Obhut übergeben hatte, sprang auf und baute sich zur Überraschung aller vor Kesse auf. Ihre Haltung versprach nichts Gutes und als sie dann mit ihrer irgendwie rauen Stimme zu Kesse sagte: „Sag mal du Blondchen, bist du eigentlich hier der Boss?“ wurde klar, das die beiden Mädchen erneut auf einem Streit zu steuerten. Das musste auf alle Fälle verhindert werden und deshalb sprang nun Dennis ebenfalls auf und schob sich zwischen die beiden Kampfhähne, noch bevor Kesse ihr Antworten konnte.

Zu Sara gewandt sagte er: „Wir haben keinen Boss, denn wir sind Freunde und kommen auch ohne Anführer zurecht!“

„Ach tatsächlich? Ich wusste gar nicht, das ich mit euch befreundet bin!“ stieß sie zornig hervor.

„Was noch nicht ist, kann ja noch werden!“ hielt ihr Dennis selbstsicher entgegen.

Darauf schwieg Sara, drehte sich dann um und stampfte zornig vor sich hin schimpfend zu ihren auf den Weg liegenden Fahrrad hinüber.

Martin, der seine Ratte gerade in ihren Käfig zurück setzte fragte etwas irritiert: „Wo willst du denn jetzt hin?“

„Nach Hause denke ich, muss mich schließlich ausrüsten für die Nacht oder denkst du, das ich mit euch in einem Zelt schlafen werde?“ schrie sie den Jungen an.

Dennis mischte sich nun diplomatisch ein und sagte: „Das ist eine prima Idee Sara, ich meine unser Zelt ist sowieso zu klein für uns alle und...“

„Und was!“ unterbrach sie ihn fauchend.

„Ich wollte nur fragen, ob du möglicherweise noch eine Luftmatratze oder Isomatte für uns übrig hast!“

Inzwischen hatte Sara ihren Schutzhelm angezogen und sich auf ihr Rad geschwungen.

„Das habe ich bestimmt aber sehe ich aus wie ein Lastentaxi?“

„Oh, kein Problem, ich könnte dich begleiten und dir helfen!“ bot sich Martin ihr rasch an.

 

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