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2. Kapitel

Die Höhle

 

 

 

Endlich waren die drei Kinder zu der geheimnisvollen Höhle unterwegs, fast eine ganze Stunde später als eigentlich geplant war.

Vor ihnen lag eine 6 km lange und anstrengende Strecke, die sich zum überwiegenden Teil über unbefestigte Forstwege quer durch den Wald schlängelte.

Anstrengend auch deshalb, weil es die meiste Zeit nur bergauf ging. Außerdem hatte sich in den Antriebsketten ihrer Räder reichlich von dem feinen Sand abgesetzt, was ein leichtes treten nahezu unmöglich machte.

Die Kinder hingen ihren Gedanken nach, während sie schweigend ihre Räder schoben. Jeder für sich versuchte eine Erklärung für den sandigen Auftritt der unbekannten Macht zu finden, die es ganz offensichtlich auf Dennis Ball abgesehen hatte.

Ihnen war klar geworden, das der Rucksack von Kesse den Ball vor dem Zugriff der Sandfaust geschützt hatte. Aber warum?

Plötzlich blieb Dennis stehen und sah zu Dirk, der etwas zurück gefallen war. Er wartete, bis dieser bei ihm angekommen war und fragte dann: „Sag mal, woher wusstest du eigentlich, das unser Zauberball in den Rucksack musste?“

„Ich habe es nicht gewusst, du hast es mir doch zugerufen!“ antwortete dieser etwas irritiert, denn er war sich sicher, das Dennis es ihm zugerufen hatte.

Doch dieser verneinte: „Ich war es nicht!“ Beide blickten fragend zu Kesse, doch auch sie schüttelte nur den Kopf.

Niemand fand eine Erklärung für die Unbekannte Stimme und Dirk glaubte, dass sie möglicherweise doch nur eine Einbildung gewesen sein mochte und er nur einer Eingebung folgend die Idee mit dem Rucksack an Kesse weiter gegeben hatte.

Doch hier irrte sich Dirk gewaltig, wie er später noch merken sollte.

Schweigend gingen sie ein Stück weiter und kamen nun zu einer Wegabgabelung.

Links führte der Weg zu dem Staudamm, an denen die beiden Jungen schon über Jahre hinweg herum bauten. Der Damm befand sich etwas abseits vom Weg in einem Bach, der sich durch den Wald schlängelte. 

Jedes Jahr mussten sie erst das Laub vom Herbst und den angesammelten Matsch aus dem großen Staubecken entfernen und zudem noch ihr großes Abflussrohr von einer immer wiederkehrenden Verstopfung befreien, bevor sie dann mit ihren selbst gebastelten Booten dort spielen konnten.

Der rechte Weg führte zu den „Wichtelhäusern“, ihr eigentliches Ziel.

Wer nun glaubt das dort kleine Häuschen im Wald herum standen, die zudem noch von Wichteln bewohnt sind, der irrt sich gewaltig.

Vielmehr war es eine Ansammlung von gigantischen Felsbrocken, die mitten im Wald verstreut herum lagen und zudem, trotz ihrer Größe nur schwer zu finden waren.

Wenn man diese mit weichem Moos überwachsenen Felsen hinauf kletterte, kam man schließlich zu einer Stelle, an der es senkrecht nach unten ging.

Wie tief konnte man nicht erkennen, weil mächtige Buchen und Eichen mit ihren Baumkronen den Blick bis zum Grund verbargen. Doch jeder, der dorthinunter schaute, konnte ahnen, dass ein Sturz in die Tiefe Lebensgefährlich war.

Auch das klettern in den Felsen selbst barg gefahren, wie Dennis und sein Freund im letztem Jahr bei ihrem ersten Besuch bei den „Wichtelhäusern“ am eigenem Leib zu spüren bekommen hatten.

Bevor sie damals die Höhle entdeckten, lockten die Felsen zu einer Kletterpartie und so arbeiteten sie sich beide vorsichtig nach oben. Manchmal mussten sie wieder ein Stück zurück, weil ein weiter kommen unmöglich war. Das Moos saß nur locker auf den Felsen und immer wieder kamen beide ins Rutschen, wenn es sich unter ihren Füßen löste.

Sie krochen durch ein Großes Loch im Felsen und sahen nun, dass es besser gewesen wäre umzukehren. Denn direkt vor ihnen gähnte ein scheinbar Bodenloser Abgrund. Doch Dirk hatte nach links gewiesen und gesagt: „Man, wir sind noch nicht oben. Sieh doch!“

Dennis hatte mit Unbehagen auf dem schmalen, nur etwa 50 cm breiten steilen Pfad geblickt, der treppenstufenartig noch weiter nach oben führte. Rechts ging es in die Tiefe und links war nur eine Felswand, die ihnen keinen Halt zu bieten schien. Nur wiederwillig war Dennis seinem Freund auf allen vieren kriechend gefolgt und endlich waren sie oben am Ziel. Sitzend und mit fiel Ehrfurcht hatten sie die einmalige Aussicht bestaunt.

Es war so, als würde man auf ein Grünes Meer blicken.

Ein leichter Wind wog die Baumwipfel des Mischwaldes unter ihnen hin und her, so das es schien, als würden sie wellengleich einem unbekannten Ziel entgegen treiben. Statt Fischen flog hier und da ein Vogel aus diesem in mehreren Grüntönen gefärbtem Blättermeer empor, nur um dann an anderer Stelle erneut in diesen Blätterfluten einzutauchen.

Ohne Vorwarnung hatte Dennis schließlich diese friedliche Stille durchbrochen, in dem er so laut brüllte wie er konnte: „Seht her ihr unwürdigen! - Hier steht der Rächer des besudelten Klos!“

Dirk zuckte zusammen und hatte erschrocken Dennis am Arm gepackt, wehrend ein Echo das letzte Wort als: „Los, los.“ zu ihnen zurück warf. Zeitgleich stoben duzende von Vögeln aus den unter ihnen stehenden Bäumen auf und flogen mit lautem Gezwitscher ziellos umher.

Beide Jungen alberten noch eine Weile herum, in dem sie dem ziemlich lauten Echo die Unsinnigsten Fragen und Worte zuwarfen die ihnen so einfielen.

Dann machten sich die Freunde an den Abstieg und das war alles andere als leicht.

Das Stück bis zum Loch im Felsen machte keine besonderen Probleme. Doch dann wussten sie nicht mehr, wo sie hinauf geklettert waren. Alles sah irgendwie gleich aus und jeder Versuch, die rund 15 Meter bis zum erlösenden Waldboden herunter zu klettern, schlug schon im Ansatz fehl.

Ratlos hatten sie da gesessen und Dirk hatte ihre Situation kurz zusammengefasst: „Runter kommen wir sicher, die Frage ist nur wann und in welchen zustand! Wir können warten bis wir verhungert sind und dann, in ein paar Wochen vielleicht, werden irgendwelche Suchtrupps mit Spürhunden unsere Skelette finden, die entweder im einem Stück hier oben sitzen werden oder dort unten als Knochen Salat völlig durcheinander im Laub herum liegend vermodern!“

„Oder wir machen es wie das Eichhörnchen dort!“ hatte Dennis die düsteren Vorstellungen seines Freundes unterbrochen.

Das Tier hatte sich bis auf 2 Meter heran getraut, bevor es zu einem Sprung ansetzte und in der Baumkrone verschwand, die sich direkt in Augenhöhe vor den Jungen befand. Dennis griff nach dem erst besten Zweig, den er fassen konnte und zog ihn zu sich heran. Bei dem Baum handelte es sich um eine Buche, die sich gut im Saft befand und so schwang sich Dennis beherzt in die Äste, die sofort zu schwingen begannen. Doch die hier oben nur noch ziemlich dünnen Zweige trugen sein Gewicht und so kletterte er sicher nach unten. Dirk machte es ihm nach und so überstanden sie dieses Abenteuer unbeschadet, aber um eine Erfahrung reicher.

 

*

 

Die drei hatten beschlossen eine kurze Rast einzulegen und dann den Rest des Weges in einem Stück durch zufahren, wenigstens an den Stellen, wo dies ihnen möglich war.

Nachdem sie sich mit ihrem Proviant etwas gestärkt hatten, schwang sich Dennis zuerst auf den Sattel seines Rades und rief seinen Begleitern mit verstellter, dunkler Stimme zu: „Also los Männer, sattelt die Pferde und last uns gen Süden reiten und die Sonne putzen!“

Joha!“ kreischte Kesse und schwang sich fröhlich auf ihr Fahrrad. Dirk folgte ihrem Beispiel und nur 90 Minuten später standen die drei Kinder endlich vor der geheimnisvollen Höhle.

 

Vom weiten war die Höhle zunächst gar nicht als solche erkennbar. Eher glich der Eingang einem Spalt, der sich zickzackförmig in der zerklüfteten Felswand erst im unteren Teil merklich vergrößerte und dort eine nur knapp ein Meter breite Öffnung im Felsen freigab.

Die Kinder hatten mühsam ihre Räder durch das hohe Laub geschoben und immer wieder mussten sie herunter gefallenen Ästen oder Felsbrocken ausweichen. Schließlich hatten sie ihre Räder liegen gelassen und waren das letzte Stück ohne sie weiter gegangen.

„Das ist sie also“ staunte Kesse, die sich nun zum ersten Mal in diesem irgendwie unwirklichen Gelände aufhielt. Mehr als die Höhle interessierte sie jedoch ein großer hohler Baumstamm, der in unmittelbarer Nähe des Höhleneingangs stand. Der obere Teil des Baumes war in etwa 5 Metern Höhe einfach weg gebrochen und der Rest stand mit Moos und Flechten überwachsen wie ein mahnender Zeigefinger vor der Höhle.

„Kann man da rein klettern? Ich meine seht doch nur, der ist ja richtig hohl, ja fasst wie der Limonaden Baum von Pippi Langstrumpf!“ quietschte Kesse begeistert.

„Natürlich kann man in den Stamm rein steigen! Ich war auch schon da drinnen und ich sage dir Kesse, du wirst es niemals in deinem Leben vergessen, echt glaube mir. Es ist so Geil, das...“

Dennis unterbrach seinen Freund verärgert. „Weißt du Dirk, ich finde das richtig gemein von dir Kesse so zu belügen. Warum erzählst du ihr nicht, was du in diesem Baumstamm wirklich erlebt hast?“

Kesse sah die Jungen fragend an und über Dirks Gesicht huschte ein diebisches grinsen als er sagte: „Na gut, ich werde es dir erzählen, wenn wir heile aus dieser Höhle wieder heraus kommen!“

Ohne eine Antwort von Kesse abzuwarten nahm er seinen irgendwie zu schwerbeladenem Rucksack von seinen schmalen Schultern und fing an eine Reihe von Gegenständen heraus zu kramen.

Als erstes beförderte er drei kleine Taschenlampen ans Tageslicht, gefolgt von einem giftgrünen Wollknäuel, einen Zeichenblock, mehreren Bleistiften und schließlich noch einige abgebrochene Kreidestückchen in unterschiedlichen Farben.

Er dachte kurz nach und legte dann noch drei Wäscheklammern dazu.

„Wäscheklammern! Wozu sind den die?“ wollte Kesse wissen.

Für das Wollknäuel gab es eine einleuchtende Erklärung. Dirk würde sicher am Eingang der Höhle irgendwo den Wollfaden festbinden wollen und ihn dann langsam abrollen, wenn sie in die Höhle eindrangen. Wenn es Verzweigungen im inneren geben sollte, war so ein verirren eigentlich unmöglich, solange der Faden nicht Ries. Auch die anderen Gegenstände waren erklärbar. Nur die Wäscheklammern machten das Mädchen doch etwas ratlos.

„Als wir damals hier waren roch es schon am Eingang irgendwie widerlich. Irgendwie wie verfaulte Dino Scheiße, die irgendwo in den Tiefen der Höhle seit Millionen von Jahren vor sich hingammelt. Weißt du Kesse, wir waren ja nur im Eingangsbereich. Richtig drinnen waren wir ja nicht. Wir hatten damals keine Taschenlampen dabei!“

Kesse nickte nur. „Und ich dachte mir, bevor wir von diesem ekeligen Gestank bewusstlos werden, klemmen wir uns eine von diesen Klammern auf unsere süßen, empfindlichen Näschen!“

Dirk musste jetzt lachen.

„Autsch!“ sagte Dennis und jetzt lachten alle.

 

*

 

Dennis kroch nun als erster durch das Loch und war sofort in Dunkelheit eingehüllt. Die Strahlen seiner Taschenlampe schienen von den schwarzen, feuchten Wänden verschluckt zu werden.

Kesse folgte ihm und Dirk bildete das Schlusslicht. Er wickelte sorgsam den Wollfaden ab, dessen Anfang er an einer Wurzel am Eingang verknotet hatte.

Nach etwa 3 Metern konnten sie sich wieder aufrecht bewegen, mussten aber immer hin und wieder ihre Köpfe einziehen, wenn die Decke etwas niedriger wurde. Es war merklich kühler als draußen und tatsächlich hing ein gemeiner Gestank in der Luft, der irgendwie ziemlich wütend ihre Nasenschleimhäute reizte. Doch niemand mochte von Dirks Geruchsfiltern Gebrauch machen, die jeder in Form einer äußerst strammen Wäscheklammer bei sich trug.

Plötzlich stoppte Dennis.

„Verdammt, so ein misst. Hier geht es abwärts Freunde!“ rief Dennis überrascht. Dabei klang seine Stimme irgendwie unheimlich.

Dirk zwängte sich nun neben Dennis. Kesse sah über beide Jungen hinweg, die sich inzwischen auf den Knien niedergelassen hatten. Gemeinsam starten sie fassungslos auf das Loch im Boden der Höhle. Niemand war darauf vorbereitet. Zwar hatten sie mit möglichen Abzweigungen gerechnet, nicht aber damit.

Dennis leuchtete in das dunkle Loch hinein, was einen Durchmesser von knapp einen Meter haben mochte. Weiter unten befanden sich Spinnennetze und nicht zuletzt deshalb konnte er nicht erkennen, wie tief das Loch tatsächlich war.

Diesmal war Kesse es, die eine Lösung für ihr Problem fand. Von Dirk lies sie sich dass Wollknäuel geben und als Kesse einfach den Faden ab Ries, protestierte er lautstark.

Aus dem Loch vor ihm ertönte ein schauriges Echo, was ihn sofort verstummen lies. Begleitet von einer Gänsehaut sah er nun zu, wie Kesse ihre kleine Taschenlampe an das Ende des Wollfadens band und dann langsam die Lampe in das Loch hinunter lies.

Eine große Spinne ergriff die Flucht, als die Lampe das erste Spinnennetz durchdrang. Angewidert verzog Dirk sein Gesicht, als die Spinne sich anschickte zu ihnen hinauf zu krabbeln.

Plötzlich erschlaffte der Faden in Kesses Händen, was nur bedeuteten konnte, das ihre Taschenlampe am Boden des Loches angekommen sein musste. Ein entsprechendes Geräusch von unten bestätigte ihre Annahme und so zog sie vorsichtig die Lampe wieder nach oben. Zuvor jedoch trennte sie denn Faden vom restlichen Knäuel mit einem kräftigen Ruck einfach ab.

„Jetzt wissen wir, wie tief es da runter geht!“ sagte Kesse und Dirk, der inzwischen seinen Rucksack geöffnet hatte und in diesem herum kramte, sagte dann: „Sogar auf den Zentimeter genau!“ Endlich fand er, was er gesucht hatte und präsentierte seinen verdutzten Freunden ein aufroll bares Metermaß.

„Du bist einfach cool Dirk!“ meinte Kesse, während er nun anfing den Faden abzumessen. Dirk errötete leicht, angesichts von Kesses unerwarteten Lobes an ihn, doch zum Glück bekam dies in der gespenstisch wirkenden Dunkelheit, die nur von ihren Lampen unterbrochen wurde, niemand mit.

„2 Meter und 47 Zentimeter!“ stellte Dirk nun fest. „Das können wir locker schaffen. Runter springen wir und hoch helfen wir uns mit Räuberleitern. Ganz einfach, oder was meint ihr!“

Dennis gab zu bedenken, das der letzte auf dem Rückweg niemanden haben würde, der ihm eine Räuberleiter machen könnte, doch Dirk sagte, das man denjenigen schließlich auch von oben, notfalls mit Hilfe eines Stockes, nach oben ziehen könnte.

Dennis wagte zuerst den Absprung. Rückwärts krabbelte er über den Rand des Loches, suchte einen halt für seine Hände und lies seinen Körper langsam nach unten gleiten. Mit einem Schrei ließ er sich dann nach unten fallen. Wohlbehalten kam er unten an. Kesse folgte und zum Schluss war Dirk an der Reihe. Zunächst warf er das Wollknäuel, das er wieder mit dem von Kesse getrennten Ende verknotet hatte nach unten und folgte dann selbst.

Unten gingen sie ein Stückchen weiter, bogen dann in einen scharfen Linksknick des Tunnels ein und standen dann unvermittelt erneut vor einem Hindernis. Es war kein weiteres Loch, sondern eine Art Tür, die ihnen den Weg versperrte.

Eine Tür an sich war in dieser Umgebung schon verwunderlich genug und an diesem Ort wirkte sie eher wie ein Fremdkörper.

Doch diese aus scheinbar völlig weisem Marmor bestehende Tür vor ihnen, verschlug ihnen buchstäblich die Sprache. Eigentlich glich das Hindernis eher einem Tor, was eingebettet in einem Siebeneckigen schwarzen Marmorrahmen regungslos vor ihnen stand.

Es gab keine Türklinke oder einen Griff, die darauf schließen ließen, wie man das gut zwei Meter hohe und fast ebenso breite Tor öffnen könnte. Stattdessen befand sich in der Mitte eine Kreisrunde Mulde mit einem Durchmesser von etwa 25 Zentimetern.

Endlich fand Dennis seine Sprache wieder und meinte: „Sieht aus wie eine Schiebetür, los helft mir mal!“ Gemeinsam versuchten sie das Tor zu öffnen, doch es bewegte sich nicht einen Millimeter weit von der Stelle.

„Sesam öffne dich!“ witzelte Dirk und die anderen kicherten.

Plötzlich rief Kesse: „Mein Rucksack wackelt! Dennis an was denkst du grade?“

„An nichts!“ gab er ehrlich zu während Kesse ihren Rucksack vor das verschlossene Tor stellte. Alle leuchteten nun mit ihren Lampen auf ihn und so konnten sie deutlich sehen, wie er sich nun kräftiger bewegte, so als wäre dort eine Junge Katze eingesperrt, die verzweifelt nach einem Ausgang suchte. Aber es war Dennis Ball, der da heraus wollte und Dennis tat ihm den Gefallen.

Alle sahen sofort, das der Ball von innen heraus zu leuchten schien, als dieser aus dem Rucksack sprang und dann regungslos vor dem Tor liegen blieb.

Dirk zuckte zusammen, als er plötzlich deutlich in seinem linken Ohr eine Stimme vernahm, die zu ihm sprach. Dabei stieß er Kesse an, die direkt neben ihm stand.

„Was hast du?“ wollte sie sofort wissen und Dirk sagte an Dennis gewandt: „Er sagt, das du ihn hochheben sollst!“

„Was? Wer sagt das?“ wollte dieser wissen.

„Dein Ball, er will das du ihn in die Mulde im Tor drückst!“

Fassungslos starten beide auf Dirk.

„Na los, mach schon!“ forderte dieser nachdrücklich seinen Freund auf. Dann fügte er noch hinzu: „Auf dem Spielplatz, die Stimme die ich hörte. Das war auch der Ball!“

„Aber wir hören nichts, gar nichts. Wieso kannst du ihn hören?“ hakte Kesse nach.

„Ich weiß es nicht, aber es ist so!“ Er machte eine kurze Pause und dann sagte er Grinsend: „Ich glaube ich weiß warum. Jedenfalls wird Dennis in unsere Rätselbuch eine Menge zu schreiben haben und diesmal auf meiner Seite! Aber das erzähle ich euch, wenn wir hier gesund wieder raus heraus kommen, versprochen!“

 

Dennis zögerte etwas, bevor er seinen jetzt schwach leuchtenden Ball hoch hob und in die offensichtlich als Torschloss fungierende Mulde drückte.

Irgendwie hatte er erwartet, das der Ball sich anders anfühlte, möglicher weise erwärmt durch die unbekannte Lichtquelle, die sich in seinem inneren befinden musste. Doch wurde er enttäuscht.

Der Ball fühlte sich wie immer an. Er konnte keinen Unterschied feststellen und so drückte er ihn behutsam in die Mulde des Tores.

Völlig lautlos senkte sich nun das Tor nach unten in den felsigen Boden und gab so einen Blick auf der dahinterliegenden Dunkelheit frei.

Vorsichtig trat die kleine Gruppe, die Taschenlampen wie Waffen vor sich haltend, in das dahinter liegende Höhlenstück. Staunend sahen sie sich um. Sie befanden sich in einer kleinen Halle, deren Grundform natürlich Siebeneckig war. Der Boden und die etwa 3 Meter hohe Decke waren aus dem gleichen, glatten Material, wie schon zuvor das Tor, nur völlig schwarz.

Die sieben Wände waren weis bis auf einer in jeder Wand eingelassenen schwarzen und wiederum Siebeneckigen Vertiefung. Irgendwie sahen sie wie Moderne Bilderrahmen aus, die nur darauf zu warten schienen mit einem kunstvollen Bildnis gefüllt zu werden.

Direkt unter jeden Rahmen stand jeweils eine kleine Säule, auf deren oberen Teil eine weise Platte befestigt war. Auch hier, ebenso wie bei den etwa 80 Zentimeter hohen Säulen selbst, die schon bekannte siebeneckige Form.

Im Mittelpunkt der kleinen Halle befand sich eine Art Altar, dessen Sockel schwarz und die sich darauf  befindliche 3 Zentimeter dicke Platte weis war. Selbstverständlich wieder alles in Siebeneckiger Form.

In der Mitte der Platte war eine kleine Mulde eingelassen worden, deren Zweck die Kinder sofort erkannten. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren wollte Dennis den immer noch leuchtenden Ball hinein legen doch Kesse hielt ihn davon ab.

„Warte, wir wissen nicht was dann passiert!“

„Das mag schon sein Kesse, aber ich glaube nicht, das uns hier irgendwas passieren kann. Das hier alles ist irgendwie das „Gute“ und nicht das „Böse“ vom Spielplatz!“ sagte Dirk, der angefangen hatte etwas auf den Boden zu malen. Dazu benutzte er ein Kreidestück und ging dabei von Wand zu Wand.

Neugierig folgten seine beiden Freunde sein tun und erkannten, das er, angefangen bei dem Tor, durch das sie gekommen waren, nun jeweils eine Nummer auf den Boden schrieb. Als er bei der Nummer 6 angelangt war, stutzte er kurz und spielte sich nachdenklich an seinem Ohrring herum. „Komisch, seht ihr das?“

Kesse und Dennis sahen sich fragend an. „Na was, sag schon Dirk!“ drängte Kesse ihn.

Dirk blickte hinüber zu der Wand, in der sich das Tor befand und vor dem er die Zahl 1 geschrieben hatte. Er deutete hinüber und sagte dann: „Dort ist das Tor und rechts daneben steht die Säule mit der Platte. An jeder anderen Wand steht die Säule genau in der Mitte oder irre ich mich da!“

Dennis sah sich um und erkannte dann, worauf sein Freund hinaus wollte. Vor der Wand Nummer 6 war kein Tor und es wäre nur logisch gewesen, wenn auch hier die Säule in der Mitte gestanden hätte. Aber das tat sie nicht, sondern sie stand ziemlich weit links, grade wie ein Spiegelbild von Wand Nummer eins, nur mit dem Unterschied, das hier kein Tor zu sehen war.

Dirk war aufgestanden und malte nun vor der letzten Wand eine 7.

„Warum hast du das gemacht?“ erkundigte sich Dennis bei ihm, der sich auch keinen Reim auf die versetzt stehende Säule vor Wand Nummer 6 machen konnte.

„Ich denke, das es besser sein wird, wenn du den Grundries dieses Raumes hier erst mal in unser Rätselbuch zeichnest. Die Zahlen davor solltest du auch dazu schreiben.“ Er machte eine kurze Pause und sagte dann, während Dennis mit seiner Zeichnung begann: „Irgendwie glaube ich, das auf diesen Säulen irgend etwas gehört und wir es sein werden, die diese Dinge finden sollen, meint ihr nicht auch?“ Dabei leuchtete er Dennis mit seiner Lampe, damit dieser besser zeichnen konnte.

„Ja genau, das könnte sein!“ meinte Dennis, der weiter an seiner Zeichnung arbeitete. Zehn Minuten später war er endlich fertig und fragte dann seine Freunde: „Seit ihr bereit?“

Sie nickten beide und Dennis nahm erneut seinen Ball zur Hand und legte ihn dann Vorsichtig in die Vertiefung der weisen Platte ab.

Jetzt geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Das schwache rote Licht im inneren des Balles verstärkte sich zu einem dunklen pulsierenden Rot, während wie von Geisterhand die sieben Wände von innen heraus in einem Sanften Licht zu leuchten begannen.

Gleichzeitig erhellten sich zwei der zuvor schwarzen Rahmen über den Säulen und als ob ein Unsichtbarer Maler zu werke war, erschienen in ihnen zwei Bilder die man zunächst nicht erkennen konnte, weil sie wie in einem Trickfilm Stück für Stück, einem Puzzle gleich, zu einem ganzen wurden.

Das alles geschah in einer absoluten Stille die erst durch Kesses lauten Aufschrei unterbrochen wurde.

„Seht euch das an!“ Dabei überschlug sich ihre Stimme fast, als sie zu der Wand lief vor der Dirk eine 2 gemalt hatte. „Das ist mein Rucksack, echt irre!“

Während Dennis ebenfalls zu dem Bild schaute, das Kesse so erregte, war Dirk schweigend zu der Wand gegangen vor der die Zahl 1 auf dem Boden zu sehen war.

Etwas stimmte mit der Wand nicht und irgendwie weigerte sich sein Verstand zu glauben, was er dort sah, beziehungsweise vielmehr nicht mehr sah.

Das Tor, durch das sie gekommen waren, war spurlos verschwunden.

Das Bild, was hier im Rahmen erschienen war, überraschte ihn dagegen überhaupt nicht. Er erkannte ein Ohr, an dem ein goldener Ohrring zu sehen war. Es war sein Ohrring, wie er jetzt sicher zu wissen glaubte.

„Seht doch nur, unser Tor! Es ist weg!“ stammelte er endlich vor sich hin.

„Wieso!“ rief Kesse, die inzwischen nun auch das zweite Bild betrachtete und neben Dirk Stellung bezogen hatte. „Dort ist es doch!“ Dabei wies sie nach links und Dirk folgte ihrer Armbewegung. Tatsächlich war dort ein Tor. Es war geöffnet und das Wollknäuel lag genauso da, wie Dirk es liegen gelassen hatte.

Dennoch war es nicht das richtige Tor wie Dirk an der Zahl am Boden sofort erkannte. Deutlich war neben dem Wollknäuel eine 6 zu sehen.

Er machte Kesse auf die Zahl am Boden aufmerksam und auch sie erkannte, das Dirk recht hatte. Auch Dennis hatte jetzt begriffen, was sein Freund meinte und war jetzt genauso beunruhigt wie sein Freund.

Dirk bekräftigte seine Unruhe noch mehr, als dieser plötzlich schrie: „Dennis, los schnapp dir den Ball! Er sagt wir müssen gehen, sofort!“

„Was?“ rief er, rannte aber gleich los. Kesse hatte sofort reagiert und war schon durch das Tor, was anfing sich langsam zu schließen, verschwunden. Dirk sprang hinterher und Dennis schaffte es grade noch mit einem mächtigen Sprung über das sich nun schneller nach oben hin schließendem Tor zu Retten.

„Vor was laufen wir eigentlich davon Dirk?“ schrie er irgendwie mit Panik in seiner Stimme.

„Dein Ball sagt, das „ER“ kommt! Das Böse, das unendlich alles verschlingende Schwarze, er...!“

Inzwischen waren sie unter dem Loch, durch das sie erst vor kurzen hier hinunter gesprungen waren, angekommen.

Der Wollfaden hing friedlich von oben herab. „Los Dirk, hoch mit dir!“ schrie Kesse laut. Dabei hatte sie sich rückwärts gegen den Felsen gelehnt und machte eine Räuberleiter. Geschickt kletterte Dirk nun nach oben. „Jetzt du Kesse!“ sagte Dennis und löste sie ab. Dirk leuchtete von oben mit seiner immer schwächer werdenden Taschenlampe herunter und er griff nach Kesses Hand. Oben angekommen legte sie sich sofort auf den Bauch und wollte Dennis behilflich sein, doch dieser brauchte keine Hilfe mehr. Entgeistert leuchtete Kesse auf das was sie nach oben schweben sah.

Boah Ey!“ war alles was sie dazu sagen konnte. Dennis hielt seinen Ball fest in den Armen und schwebte wie von einer unsichtbaren Luftströmung getragen, mit ihm nach oben.

„Staunen können wir später noch!“ schrie Dirk, dessen Taschenlampe inzwischen völlig erloschen war. „Los weiter!“ Kesse übernahm die Führung und nun spürten sie unter ihren Füßen ein leichtes Beben, was sie nur noch mehr zur Eile antrieb.

Endlich sahen sie vor sich schwaches Licht und krabbelten dann durch den rettenden Ausgang ins Freie.

Schwitzend rannten sie an dem hohlen Baum vorbei und erst bei ihren Fahrrädern ließen sich die drei Erschöpft zu Boden sinken.

„Das war knapp!“ stöhnte Dirk völlig außer Atem

„Was hat der Ball dir gesagt? Warum die plötzliche Eile?“ erkundigte sich Dennis.

„ER, das fremde etwas, wollte uns dort unten in der Höhle einsperren. Fast wäre es ihm gelungen. Man Dennis, hätte uns dein Wunderball nicht gewarnt, dann wären wir dort unten jämmerlich verhungert, hätten uns womöglich in Mumien verwandelt und irgendwann, vielleicht 1000 Jahr später oder so, hätten uns irgendwelche Höhlenforscher gefunden und jemand hätte ein Drehbuch über ihren Grausamen Fund geschrieben und das ganze hätte dann ein Hollywood Produzent unter den Titel: „Drei Mumien unter sich!“ zu einem Horror Specktakel verfilmt und...!“

„Das reicht jetzt Dirk!“ unterbrach ihn Kesse etwas unsanft. „Das hier ist kein Film und du solltest uns lieber mal erklären, warum du den Ball sprechen hören kannst!“

Sie machte eine kurze Pause und fügte dann hinzu: „Und was ist mit dem Bild, dem mit dem Ohrring. Ist es das was ich vermute? Hast du deinen Ohrring irgendwo gefunden?“

Irgendwie genoss es Dirk, jetzt im Mittelpunkt der Ereignisse zu stehen und so fing er an, seine Geschichte zu erzählen, die Dennis streckenweise schon kannte.

 

Er begann mit der Kletterpartie, die er mit Dennis damals unternommen hatte und dann folgte sein Erlebnis mit dem ausgehöhlten Baum.

„Natürlich war ich neugierig und wollte wissen, wie das so ist, in so einer stehenden Baumleiche. Also kletterte ich hinein. Es war irgendwie ein tolles Versteck und Dennis hat ganz schön dumm aus der Wäsche geschaut, als ich plötzlich nicht mehr zusehen war.“

„Ja stimmt!“ bekräftigte Dennis die Worte seines Freundes. „Ich schaute grade in die Höhle und als ich mich zu Dirk umdrehte und ihn fragen wollte, ob wir da mal rein kriechen sollten, war er einfach verschwunden. Grade stand er noch hinter mir und dann...“ Hier unterbrach ihn Dirk und sagte: „Ich wollte ihn einen Schreck einjagen und deshalb rief ich mit verstellter Stimme aus dem Baumstamm heraus: >“Fremder, was suchst du hier!“< Sag mal Dennis, du hast dich doch damals erschreckt, oder?“

„Na ja, nicht über das was du sagtest, aber als du dann wie von Sinnen zu schreien angefangen hattest und dann aus dem Baumstamm plötzlich dein Arm heraus schaute, da hatte ich wirklich etwas Angst.“ gab Dennis zu.

Dirk hatte nicht gewusst, das der Baum schon eine Menge Bewohner hatte und als dieser in ihren Baumstamm eindrang, hatte sich eine ganze Armee von Ameisen auf ihn gestürzt und sofort damit begonnen ihn mit ihren kleinen Beißwerkzeugen zu bearbeiten.

Wild schreiend hatte er blindlings um sich geschlagen, doch in dem dunklen, engen Baumstamm mit nur wenig Erfolg.

Dennis hatte dann seinen Arm ergriffen und ihn heraus gezerrt. Sofort hatte er erkannt was los war und seinem Freund das T-Shirt herunter gerissen. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis sie die lästigen Insekten aus Dirks Kleidung und von seinem Körper entfernt hatten. Sein Rücken und vor allem seine Arme waren krebsrot angelaufen und über und über mit Quaddeln bedeckt.

„Und meine ganze Haut brannte wie Tausend Grad heiße Höllenglut!“ sagte Dirk jetzt.

„Als ich mich wieder Angezogen hatte bemerkte ich, das mein Ohrring nicht mehr in meinem Ohr hing. Also suchten wir nach ihm im tiefen Laub und auch, wenn sich das jetzt unglaublich anhört Kesse, wir fanden ihn nur Minuten später!“

„Aber das war nicht dein Ohrring, richtig?“ fragte Kesse. „Genau, damals glaubten wir natürlich, das es meiner war, aber jetzt wissen wir es besser!“

Bei seinen letzten Worten fingerte sich Dirk an seinem goldenen Ohrring herum und zog ihn schließlich aus seinem Ohrläppchen heraus. Dann kramte er in seinen Hosentaschen nach seinem Taschenmesser und öffnete die kleine Mini Lupe mit der er nun den Ring betrachtete. Währenddessen hatte Dennis das Rätselbuch hervor geholt und eifrig damit begonnen, Notizen auf zuschreiben. Diesmal auf der Seite mit Dirks Namen.

„Hier sind ein paar Buchstaben eingraviert, schreib mal mit Dennis!“ sagte Dirk plötzlich.

„EFLIH“ buchstabierte er nun und wie schon auf dem Spielplatz bei Kesses Rucksack, erkannte er auch hier sofort, das dieses Wort ebenfalls rückwärts geschrieben war und vorwärts gelesen „HILFE“ bedeutete.

Dennis notierte alles und sagte dann: „Ich glaube, das dein Ohrring irgendwie eine Antenne ist, mit dem sich unser unbekannter Freund mit dir in Verbindung setzen kann!“

„Du meinst doch sicher deinen Ball damit, wenn du von diesen Freund sprichst, oder? wollte Kesse wissen.

Dennis kniff seine grünen Augen etwas zusammen und sagte dann: „Eigentlich ja, aber ich denke, das der Ball nur so eine Art Ersatzkörper ist, für etwas oder jemanden, der nicht auf unsere Welt kommen kann, aber irgendwie unsere Hilfe braucht. Versteht ihr, was ich damit sagen will?“

Beide schüttelten etwas ratlos die Köpfe und Dennis versuchte es noch mal.

„Angenommen..., also – Ich meine wenn...“. Hier brach Dennis ab. Er konnte seine Gedanken nicht so recht ordnen wie er es gewollt hätte und deshalb schwieg er jetzt einfach.

Dirk unterbrach sein Schweigen: „Egal, fest steht, das ich den Ball oder das was dahinter steckt hören kann. Und du Dennis kannst ihn lenken, ihm sagen, was er tun soll. Ja sogar tragen kann er dich, oder bist du eben in der Höhle selber geflogen?“

Dennis schüttelte den Kopf.

„Wir sollten zurück fahren und erst einmal eine Nacht darüber schlafen.“ schlug Kesse vor und schaute dabei auf ihre Uhr. „He Dennis, wie spät ist es. Ich glaube meine Tick Tack ist kaputt!“

Dieser schaute auf seine Uhr und sagte dann beiläufig: „Grade mal 12 Uhr mittags durch.“

„Was? Das kann nicht sein!“ mischte sich Dirk nun ein, der selber keine Uhr dabei hatte.

Dennis blickte noch mal auf seine schwarze Wasserdichte G-Shock Uhr und fing dann an, auf den Einstellungsknöpfen herum zu drücken. Dabei weiteten sich seine Augen ungläubig und dann sagte er erstaunt: „Also meine Uhr muss auch kaputt sein. Das gibt es doch gar nicht!“

„Was gibt es nicht?“ wollte Dirk wissen.

„Meine Uhr läuft rückwärts!“ antwortete Dennis verblüfft.

 

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