Das Geheimnis der Lego Türen
Von Moritz W. Haus (2009/2010)
Kapitel 4
Kevins Geschichte
Seite 5
Timo starte Fassungslos auf den Inhalt
des Kartons, der bis zum Rand mit Legosteinen aller Art gefüllt war. Aber das
war es nicht, was den Jungen etwas aus der Fassung brachte. Schließlich hatte
er ja nichts anderes erwartet als Legosteine. Doch mit einem Briefumschlag, der
ganz unmissverständlich an „Timo und Tim“ adressiert war; damit hatte er nicht
gerechnet.
Tim erging es nicht viel fiel besser
und fragte verblüfft: „Wie hat er das nur angestellt? Ich meine wie konnte er
unsere Namen wissen?“
„Wen meinst du denn?“ erkundigte sich
Timo, der nachdenklich den dicken DIN A 5 Umschlag in seinen Händen hielt und
ihn von allen Seiten musterte. Aber außer ihren Vornamen konnte er nichts
weiter entdecken.
„Na der alte Mann vom Flohmarkt, wen
sollte ich denn sonst meinen!“
Timo schwieg und legte den Umschlag
ohne ihn zu öffnen beiseite und wandte sich dann den Inhalt der Kiste zu.
Tim stand auf, ergriff den Umschlag und
rief beschwörend: „Ich glaube, dass der Inhalt des Briefes jetzt wichtiger ist,
als das Lego in diesen Karton!“
„Ach komm schon, hör auf damit. Da sind
bestimmt nur Baupläne drin!“ sagte Timo, dem der Umschlag sichtlich Unbehagen
bereitete.
Viel wichtiger waren für ihn die
Legosteine, die ihn irgendwie magisch anzogen. Mit glänzenden Augen beugte er
sich über den geöffneten Karton und tauchte dann seine Hände in ihn hinein und
begann vorsichtig in den Steinen herum zu wühlen. Dabei lächelte er verzückt
und flüsterte dann: „Ich fasse es nicht, das gibt es doch gar nicht. So etwas
habe ich noch nie gesehen...“
Timo wühlte jetzt immer schneller und
tiefer in den Legosteinen herum und kicherte irre vor sich hin: „Sieh dir das
nur an! Es sind nur schwarze, graue und hellgraue Legosteine...“
Tim hatte sich auf das untere Bett
gesetzt und sah etwas ratlos zu Timo hinüber, dessen Gekicher jetzt in ein
leises und gemeines lachen übergegangen war. Inzwischen schaufelte er mit beiden
Händen die Legos aus dem Karton heraus und lies sie über seinen Kopf einfach
fallen. Dabei rief er gehässig: „Mit euch werde ich etwas bauen, etwas sehr
böses...!“
Entsetzt sprang Tim auf und schrie:
„Das reicht jetzt Timo! Hast du den Verstand verloren?“
Doch Timo reagierte überhaupt nicht.
Stattdessen begann er jetzt wild um den geöffneten Karton herum zu tanzen.
Dabei kreischte er: „Oh Ja, etwas sehr, sehr böses werde ich bauen. Etwas was
mich zum dunklen Herrscher aller Legowelten machen wird und dann...“ Seine
Worte gingen in einem grausigen Gelächter unter, während er sich jetzt einfach
mit voller Wucht in den Legokarton fallen ließ. Der Karton hielt dem Aufprall
seines Körpers nicht stand und platzte deshalb explosionsartig auseinander.
Etliche Legosteine flogen wie Geschosse durch den Raum und Tim wusste, dass er
jetzt handeln musste.
Er stürzte sich auf seinen Freund,
packte ihn mit der linken Hand an seinem Schlafanzug Oberteil und zog ihn aus
den Legosteinen heraus. Gleichzeitig verpasste er ihn mit seiner rechten Hand
eine schallende Ohrfeige.
Das wirkte. Schlagartig verstummte der
Junge und sah sich benommen um.
„Was, was ist hier nur passiert“
stotterte Timo verwirrt und deutete dabei auf dem Boden der mit unendlich
vielen Legosteinen bedeckt war.
„Das warst du!“
„Echt?“ fragte Timo verblüfft und
schüttelte ungläubig seinen Kopf.
„Ja du hast das Chaos hier angerichtet
und glaub mir, du hast mir richtig Angst gemacht mit dem was du da von dir
gegeben hast!“ sagte Tim ernst. Mit wenigen Worten erzählte er jetzt, was er
gesehen und gehört hatte. Schließlich schloss er mit den Worten: „Und bist du
jetzt bereit, den Umschlag zu öffnen?“
Timo nickte nur und griff Wortlos nach
dem Umschlag, den Tim ihm entgegen hielt. Nachdenklich drehte er ihn in
mehrmals in seinen Händen bevor er ihn schließlich entschlossen auf riss.
Eigentlich hatte er Baupläne erwartet,
doch was er schließlich in den Händen hielt war ein kleines, abgenutztes Din A5
Schulheft und ein kleiner weißer Zettel.
Laut las Timo die Worte vor, die
kunstvoll auf dem Zettel geschrieben standen: „Bitte lest erst die Geschichte
von meinem Enkel, bevor ihr den anderen Karton öffnet!“
Timo legte den Zettel beiseite und
wandte sich jetzt dem kleinen, blauen Heft zu. Mit einer leicht krakeligen
Schrift hatte jemand „Kevins Angst Geschichte“ in das Beschriftungsfeld des
Heftes geschrieben.
„Wer zum Teufel ist dieser Kevin?“
flüsterte Timo ratlos und starrte wie ein Hypnotisiertes Kaninchen auf das
Heft.
„Wenn wir es nicht lesen, werden wir es
nie erfahren!“ entfuhr es Tim ungeduldig.
„Aber irgendwie mag ich jetzt keine
Gruselgeschichten lesen und der Titel dieses Heftes hört sich genau nach einer
solchen Geschichte an!“
Tim entriss ihm etwas verärgert das Heft
und sagte: „Kevin scheint in der Tat der Enkel von deiner Flohmarkt
Bekanntschaft zu sein. Was sagte der alte Mann noch gleich zu Dir über seinen
Enkel?“
Timo kniff seine Augen zusammen und
überlegte kurz bevor er Antwortete: „Das sein Enkel dort, wo er jetzt ist, kein
Lego mehr braucht!“
Tim bekam eine Gänsehaut und flüsterte
furchtsam: „Dieser Ort könnte ein Friedhof sein!“
Timo holte tief Luft und stöhnte:
„Jetzt bist du es, der mir Angst macht. Wie kommst du denn darauf, dass dieser
Kevin tot sein könnte und auf einem Friedhof begraben liegt?“
„Ich weiß nicht. Welche Orte fallen dir
denn so spontan ein, ich meine Orte an denen man sein Spielzeug, wie zum
Beispiel Lego, nicht mehr gebrauchen kann?“
Timo wusste es nicht und deshalb
deutete er auf das Heft und sagte: „Na los, fange einfach an und lies vor was
unser unbekannter Freund geschrieben hat!“
Tim schlug die erste Seite auf und
begann zu lesen:
Ich bin Kevin und heute am 11.7.2008 habe ich Geburtstag. Ich
bin jetzt 12 Jahre alt. Eigentlich sollte ich mich freuen doch das tue ich
nicht.
Ich habe Angst, wirkliche Angst. Angst vor David, meinem
Stiefbruder, der zwei Jahre älter ist als ich.
Vor gut einen Monat ist er spurlos verschwunden und keiner weiß,
wo er sich jetzt aufhält. Trotz groß angelegten Suchaktionen von Polizei, Radio
und Fernsehen fand sich bis heute keine Spur von ihm. Und doch, obwohl er nicht
mehr da ist kann ich ihn hören. Nacht für Nacht und Tag für Tag. Er ruft nach
mir, will das ich zu ihn komme und mich meinem
Schicksal füge. Diese Rufe und Schreie machen mir Angst, doch keiner will mir
glauben.
Deshalb schreibe ich jetzt meine Angst Geschichte in dieses
Heft. Denn ich glaube, das der dunkle David mich bald
holen kommt, sehr bald sogar.
Alles begann vor etwa zwei Jahren.
Damals, als meine Mutter Davids Vater Heiratete und wir eine
Familie wurden, war alles in Ordnung. Ich hatte endlich einen großen Bruder,
der mit mir auch spielte. Genau wie ich liebte er Lego und davon hatten wir
beide mehr als genug.
Zusammen bauten wir stundenlang unsere Fantasy Welten auf und
spielten damit, bis wir wieder andere Ideen hatten und wieder neues bauten. Mal
waren wir Piraten, dann wieder Ritter. Es war eine schöne Zeit.
Doch eines Tages veränderte sich David...
An dieser Stelle unterbrach ihn Timo
und sagte: „Glaubst du, das es wirklich wahr ist was er da geschrieben hat? Ich
meine, vielleicht hatte dieser Kevin ja nur so eine Gruselgeschichte
geschrieben!“
Tim sah ihn etwas ratlos an und
antwortete gedehnt: „Nach allem, was wir beide bis jetzt zusammen erlebt haben
muss diese Geschichte wahr sein. Eine Geschichte in der Lego eine Rolle spielt.
Dasselbe Lego, das jetzt dir gehört!“
Timo schluckte kurz und murmelte: „Lies
weiter bitte!“
...Doch eines Tages veränderte sich David. Es war vor etwa einem
halben Jahr, als er auf der Straße etwas fand, was alles veränderte.
Er fand eine Legofigur, von der er so fasziniert war, das er
eine ganze Woche lang kaum noch ansprechbar war.
Auf dem ersten Blick sah diese Figur aus wie „Darth Vader“, der dunkle Lord der
Lego Star Wars Saga. Wie dieser, trug die Figur einen
schwarzen Umhang und einen ebenso schwarzen Helm.
Doch wie ich schon sagte sah es nur so aus, als wäre es eine
Legofigur von Darth Vader.
Die Wirklichkeit erfuhr ich schon in der nächsten Nacht.
Irgend ein Geräusch hatte mich geweckt
und gerade als ich mich aufrichten wollte um Licht zu machen hörte ich diese
boshafte Stimme. Sie sagte: „So wird es sein oh Dark David, Herrscher aller Legowelten!“
Und obwohl die Stimme so böse und so fremd klang, wusste ich
sofort, dass mein Stiefbruder selbst diese Worte aus gesprochen hatte.
Wie gelähmt blieb ich liegen und rührte mich nicht. Vor Angst
konnte ich kaum noch Atmen. Doch als ich das sirrende Geräusch hörte, das aus
der Richtung kam, in der Davids Bett stand, riss ich meine Augen auf. Deutlich
konnte ich das rote glühen sehen, das sich sehr
schnell über Davids Bett hin und her bewegte und sofort musste ich an einen
kämpfenden Jedi Ritter denken, der dort durch die Luft rauschte.
Doch das schlimmste stand mir noch bevor denn als ich endlich
meine Angst überwand und mich aufrichtete und nach dem Lichtschalter meiner
Nachttischlampe greifen wollte, erschienen auf Davids Bett aus dem nichts heraus
ein Rotglühendes Augenpaar. Es waren Davids Augen die dort böse zu mir herüber
glühten.
Wieder erstarrte ich vor Angst und dann hörte ich erneut seine
boshaft klingende Stimme: „Ab heute bin ich Dark David und DU kleiner Bastard
von Kevin, wirst mir dabei helfen mein dunkles Imperium Aufzubauen!“
Seine Augen, seine Stimme und die gemeinen Worte die er zu mir
sprach waren schon schlimm genug, doch das höhnische Gelächter, das
gleichzeitig ertönte raubte mir fast die Sinne.
Heulend vor Wut und Angst schrie ich ihn an: „David, ich bin
doch dein Bruder! Hör auf mir Angst zu machen, bitte!“
Doch diesen Gefallen tat er mir nicht. Die nächsten Tage und
Wochen wurden zur Hölle für mich. Es war die reinste Legohölle.
Tim sah auf und blätterte dann eine
Seite weiter. Gerade wollte er weiter lesen doch Timo, dessen Gesicht ganz
bleich geworden war rief: „Warte!“
„Was ist los? Ist dir schlecht?“ fragte
Tim besorgt doch Timo schüttelte energisch seinen Kopf, so dass seine langen
blonden Haare wild herum flogen.
„Ich will diese Legosteine nicht lose
in meinem Zimmer herum liegen haben. Sie machen mir Angst weil...“ Timo brach
ab und stürzte aus dem Zimmer und kehrte keine 10 Sekunden später mit zwei
großen und leeren Plastikboxen wieder zurück.
Tim war aufgestanden und schaute
besorgt zu, wie sein Freund hastig damit anfing, alle Legosteine aus dem
Zerborstenen Karton einzusammeln und sie dann in die Plastikboxen warf.
„Weil was Timo?“ fragte Tim, der sie
jetzt ebenfalls niederlies und seinem Freund beim aufräumen half.
„Diese Steine, sie sind böse. Ich
möchte nicht, dass meine Legos mit diesen Steinen von Dark David in Berührung
kommen. Das böse könnte überspringen und...“
„Du glaubst, das
dieser David in diesen Steinen steckt?“ unterbrach ihn Tim erschüttert.
Timo nickte nur. Schweigend räumten sie
alle Steine in die Boxen und erst als Timo sie mit Deckeln verschlossen hatte,
meinte er: „So geht’s mir schon besser! Jetzt kannst du weiter lesen!“
-5-
Seite: 1–2–3–4–5–6–7–8–9-10-11-12-13...
Kapitel
1: Der Flohmarkt – Kapitel
2: Timos Zimmer – Kapitel
3: Yoda`s Wunsch – Kapitel
4: Kevins Geschichte
– Kapitel 5: Hinter den Mauern
– Kapitel 6: Albträume
© by Moritz W. Haus 2009/2010
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