Das Geheimnis der Lego Türen
Von Moritz W. Haus (2009/2010)
Kapitel 3
Yoda`s Wunsch
Seite 3
Langsam bog Tim mit seinem Rad in die Straße ab, in der sein neuer
Freund wohnte.
Gestern noch hatte er sich riesig darauf gefreut mit Timo zusammen
den Inhalt der beiden Kartons zu erforschen. Doch über Nacht war diese Freude
völlig aus dem Jungen verschwunden. Wut und Hass beherrschten seine Gedanken
und ein Gefühl der Hilflosigkeit hatte sich in ihm breit gemacht.
Tim befand sich auf der Flucht und würde, so hoffte er, niemals
wieder in das Haus seiner Tante zurück kehren müssen.
Mit Schaudern dachte er an sein gestriges Erlebnis zurück, das er
mit ihr gehabt hatte. Eines, von vielen in der letzten Zeit.
Inzwischen war der Junge vor dem großen Mietshaus angekommen und
stieg nun langsam von seinem Fahrrad ab. Dabei verzog er schmerzhaft das
Gesicht und schrie leise auf: „Oh Verdammt!“
Tränen der Wut und Schmerzen rannen stumm über sein mit
Sommersprossen überzogenes Gesicht, als er auf seine Uhr blickte. Es war gerade
einmal 9 Uhr, zu früh um bei Timo zu schellen, erwartete dieser ihn doch erst
eine Stunde später.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht zog Tim jetzt seinen Rucksack von
seinen Schultern, öffnete diesen und holte seinen Nintendo DS heraus. Dann
setzte er sich auf seinem Rucksack, in dem er heute Früh hastig ein paar
Kleidungsstücke gepackt hatte und schaltete das Gerät ein.
Kurz darauf erklang die Melodie zu Lego Star Wars
aus den beiden kleinen Lautsprechern.
Zwar hatte er das ganze Spiel schon durchgespielt, doch gab es
noch reichlich zu tun. Für Tim war ein Spiel erst dann komplett, wenn er alle
Items gefunden und alle möglichen Punkte, die man holen konnte, auch erreicht
hatte.
Zurzeit versuchte er im jeden Level ein „Wahrer Jedi Meister“ zu
werden. Das konnte er nur dadurch erreichen, in dem er bis zu 100% Münzen ein
sammelte. Diese lagen entweder mitten auf seinem Weg herum oder wurden
freigesetzt, wenn er Feinde besiegte. Zusätzlich konnte er noch mit seinen
Waffen alles mögliche zertrümmern, was ihm wiederum
weitere Münzen ein brachte.
Schnell hatte er sich durch das Menü geklickt und mit Yoda als Spielfigur betrat er dann den nächsten Level.
Yoda watschelte mit greisen
Schritten, gestützt auf seinen braunen Krückstock, über den kleinen Bildschirm.
„So, Schluss mit dem Spaziergang!“ sagte Tim laut und drückte die
Taste, mit der Yoda sein Laserschwert ziehen sollte.
Doch nichts dergleichen geschah. Tim wiederholte die Aktion, doch Yoda dachte nicht daran sein Schwert zu ziehen. Stattdessen
drehte er sich um und blickte Tim direkt in die noch leicht mit Tränen
verhangenen Augen. Dann schüttelte er bedächtig seinen grünen Kopf und sagte:
„Jetzt nicht die Zeit ist, um Spielchen zu spielen!“
„Hey, du redest ja wie Yoda!“ entfuhr es
Tim überrascht, der nicht fassen konnte, was sich dort auf seinem kleinen
Bildschirm gerade abspielte.
„Das wohl daran liegen, das ich Yoda
sein!“ beantwortete der alte Jedi Tims Frage geduldig.
Yada`s Kopf füllte inzwischen den
ganzen Bildschirm aus, während Tims Hände jetzt leicht zu zittern begannen.
„Wau, es gibt ihn doch, das ist der Super Cheat
und ich habe ihn geknackt!“ rief er aufgeregt.
Anders konnte sein Verstand das Geschehen nicht erklären. Soweit
er wusste, unterstützte das DS Spiel weder die Sprachausgabe, noch die Funktion
der Spracherkennung. Doch Yoda schüttelte erneut
seinen Kopf und sagte freundlich: „Ich einen Wunsch an dich habe!“
Tim glaubte seinen Ohren und Augen nicht zu trauen und fragte
verdattert: „Was für einen Wunsch denn?“
„Du musst es erzählen Tim. Dann hier sein wird zu Ende deine
Flucht!“
„Was, Flucht – woher...!“ stammelte Tim, der langsam glaubte, das
er seinen Verstand verlor.
„Nur wenn du dir jetzt selbst helfen kannst, dann du mir auch
helfen können!“ erklang Yoda`s Stimme in seiner
eigentümlichen Ausdrucksweise aus den beiden DS Lautsprechern.
„Ich verstehe das alles nicht. Wobei soll ich dir denn helfen
können?“
„Das du dann noch erfahren wirst. Doch jetzt mein junger Tim, du
aufstehen und dann du schellen wirst bei Timo!“
„Aber...“ begann Tim, doch Yoda
unterbrach ihn und sagte in einem Tonfall der keinen Wiederspruch zu dulden
schien: „Kein aber, du wirst es tun. Jetzt sofort!“
Benommen starrte Tim auf die beiden Bildschirme, die jetzt einfach
erloschen waren.
Er klappte den DS zu und erhob sich schwerfällig und ging langsam
zu der Haustüre. Er suchte die Klingelschilder ab und fand dann eines, auf dem
zwei Namen standen: Moritz Ogel u. Timo Drescher. Wie
in Trance drückte Tim den Klingelknopf und nur kurze Zeit später knackte es in
der Gegensprechanlage. Eine Männerstimme fragte: „Ja, wer da?“
„Tim hier, ich will zu Timo!“
Das Türschloss summte und als Tim damit begann die Treppen hinauf
zu steigen, spürte er, das ihm langsam seine Kräfte
verließen. Mit letzter Kraft erreichte er die Wohnungstür, wo Timo, der noch
seinen Schlafanzug trug, bereits seinen Freund erwartete.
„Was zum Teufel ist denn mit dir passiert?“ rief Timo entsetzt,
als er in das bleiche Gesicht von Tim schaute.
Dieser hob langsam seine Arme und stöhnte: „Yoda,
es...“
Weiter kam er nicht mehr, denn Tim sackte besinnungslos in sich
zusammen.
Timo konnte ihn gerade noch so auffangen, während er entsetzt und
geschockt nach Moritz rief. Dieser war auch zugleich zur Stelle und trug den
schlaffen Körper des Jungen schnell in das Wohnzimmer, wo er ihn behutsam auf
das Sofa legte.
„Was, was ist mit dem los!“ stammelte Timo geschockt.
„Ich weiß es nicht. Warte, da ich glaube er kommt schon wieder zu
sich!“ sagte Moritz. Behutsam klopfte er auf die Wangen von Tim, der jetzt
blinzelnd seine grünen Augen öffnete. Kaum hörbar krächzte er leise: „Yoda, wo ist...“
„Du möchtest Yoda haben?“ unterbrach ihn
Timo eifrig. „Warte ich hole ihn dir!“ Sofort stürzte Timo aus dem Raum und
rannte in sein Zimmer um die Yoda Figur zu holen.
Während dessen sagte Moritz beruhigend zu Tim, der sich jetzt
langsam aufrichtete: „Zieh erst mal deine Jacke aus. Ich bin übrigens Herr Ogel, aber du kannst mich ruhig Moritz nennen wenn du
möchtest.
Langsam zog Tim seine Jacke aus und verzog dabei schmerzhaft sein
Gesicht, in dem jetzt wieder etwas Farbe zurück kehrte.
Timo, der inzwischen mit der Legofigur in das Wohnzimmer zurück
gekehrt war, fragte besorgt: „Was ist los, hattest du einen Unfall oder...“
Fassungslos unterbrach er sich selbst, als er die beiden Arme
seines Freundes erblickte, die aus einem blauen T-Shirt heraus schauten. Sie
waren überseht mit zahlreichen großen Blutergüssen und unzähligen blauen
Flecken.
Tim schüttelte traurig seinen Kopf und sagte: „Nein, kein Unfall.
Kann ich deinen Lego Yoda mal haben?“
Timo gab sie ihm.
„Was war es dann?“ fragte Moritz vorsichtig.
Tim hielt die Yoda Figur ganz dicht vor
sein Gesicht und sagte dann leise: „Er hat mir gesagt, das ich es erzählen
soll!“
„Was denn erzählen? Du meinst, diese Legofigur in deiner Hand hat
mit dir gesprochen?“ fragte Moritz etwas gedehnt und kratzte sich dabei
nachdenklich an seinem fast kahlen Kopf.
Tim nickte nur.
„Ich schlage vor, das wir in die Küche gehen und uns erst einmal ein
leckeres Frühstück machen und dann Tim, kannst du uns erzählen, wie du zu
diesen schlimmen Verletzungen an deinen Armen gekommen bist. Ist das OK für
dich?“
Der Junge nickte dankbar.
Keine zwanzig Minuten später saßen alle um den Küchentisch herum
und als Tim seinen dritten, mit Nuttella geschmierten
Toast verdrückt hatte, fragte er zu Moritz gewandt:
„Wenn ich das jetzt erzähle, das mit meiner Tante und so, muss ich dann in ein
Heim?“
Moritz trank einen Schluck Kaffe und sagte dann: „Wenn es deine Tante
war, die dich so zugerichtet hat, dann kann ich dir nur versichern, das du auf
keinen Fall mehr zu ihr zurück musst!“
Ein leichtes grinsen huschte über das schmale Gesicht von Tim, als
er auf die Yoda Figur zeigte, die jetzt auf der Kaba
Dose stand: „Er hat recht, meine Flucht ist schon vorbei. Und ich habe mich
schon darauf eingestellt, nachts in irgendwelchen Scheunen zu schlafen und...“
„Warte, - Erzähle uns, was gestern passiert ist! Bist du doch zu
spät nach Hause gekommen?“ unterbrach ihn Timo etwas ungeduldig.
Tim nahm jetzt die Yoda Figur in seine
Hände und begann dann leise zu erzählen.
„Nein, ich war Pünktlich. Ich war sogar noch fünf Minuten zu früh,
doch als ich unsere Haustür öffnete, da habe ich es schon gerochen und, und...“
Tim brach ab und schluckte kurz, bevor er stammelnd und mit weinerlicher Stimme
weiter sprach.
„Meine Tante..., sie war betrunken und hat mit Mr. Kochlöffel auf
mich gewartet. - Sie, sie stand hinter der Tür und dann, dann hat sie sich auf
mich gestürzt und geschrien, das ich böse sei und ich mich, mich bei ihr
entschuldigen müsse...“
Tim, der bis jetzt seinen Kopf gesenkt hatte und dabei auf Yoda in seinen Händen schaute, verlor jetzt gänzlich die
Fassung. Er blickte auf und heulte dann hemmungslos los, wobei er schrie: „Ich,
ich wusste nicht was meine Tante wollte und als ich es von ihr wissen wollte,
da, da hat sie zugeschlagen..., immer und immer wieder... Mit meinen Armen habe
ich versucht mich zu schützen... Sie, sie schrie: < Du böser undankbarer
Junge, Mr. Kochlöffel wird es aus dir raus prügeln müssen! > ...“
Fassungslos sah Timo auf seinen heulenden Freund und Moritz sagte
vorsichtig, während er tröstend seinen Arm auf Tims Schulter legte: „Ich
glaube, es reicht. Du musst nicht weiter Reden, wenn du...“
Völlig unerwartet sprang Tim vom Tisch auf und stieß dabei seine
Kaba Tasse um, so das diese vom Tisch herunter viel
und klirrend auf dem Küchenboden zerschellte.
„Mir reicht es noch lange nicht!“ kreischte Tim wie von Sinnen.
„Sie, sie ist eine Hexe, eine... einmal wollte sie mich ertränken, in der
Wanne... weil, we...“ Erneut brach er ab und lies
sich dann langsam auf den Küchenboden nieder und schluchzte leise vor sich hin.
Timo setzte sich jetzt neben Tim auf den Boden, der sich jetzt
scheinbar etwas beruhigte. Seine Tränen versiegten langsam und dann verlangte
er schniefend nach einem Taschentuch.
Moritz reichte ihn ein Päckchen Tempo Taschentücher und beseitigte
dann die Scherben auf dem Küchenboden.
Schließlich fragte Moritz: „Du lebst also bei deiner Tante. Warum?
Was ist mit deinen Eltern?“
Tim schnäuzte sich und sagte traurig: „Meine Mama ist bei meiner
Geburt gestorben und meinen Vater kenne ich nicht. Ich, ich...“ Erneut liefen
Tränen aus seinen geröteten Augen. Dann stand er langsam auf und fragte fast flehend:
„Du wirst mir doch helfen, oder? Yoda sagte, das ich
Hilfe bekommen werde, wenn ich alles erzähle!“
-3-
Seite: 1–2–3–4–5–6–7–8–9-10-11-12-13...
Kapitel
1: Der Flohmarkt – Kapitel
2: Timos Zimmer – Kapitel
3: Yoda`s Wunsch – Kapitel
4: Kevins Geschichte
– Kapitel 5: Hinter den Mauern
– Kapitel 6: Albträume
© by Moritz W. Haus 2009/2010
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