Die blaue Tür
Gruselgeschichte von Marc Dean, 13 und Moritz W. Haus
(2009)
Mit quietschenden Bremsen stoppte der klapprige
Golf und etwas unfreundlich sagte die Frau am Steuer: „Wir sind da! Hier in
diesem Haus wohnt euer Onkel!“
Dabei deutete sie achtlos mit der Hand nach draußen
auf ein riesiges altes Landhaus, das unheimlich und drohend vor ihnen in den
Himmel ragte.
„Wau!“ entfuhr es dem 13 Jährigen Marlon nur.
Eigentlich hatte sich der schmächtige Junge
geschworen nie wieder ein Wort mit seiner Mutter zu sprechen. Doch als diese
keine Anstalten machte aus dem Wagen zu steigen, fragte er etwas gereizt: „Was
ist, willst du uns nicht hinein bringen zu unseren Onkel?“
„Nein! - Auf gar keinen Fall werde ich auch nur
einen Fuß in dieses verfluchte Gemäuer setzen!“ rief sie grob.
Auf der Rückbank begann jetzt ein kleines Mädchen
zu weinen. Schluchzend jammerte sie: „Du machst mir Angst Mama...“
„Hör schon auf mit dem Gejammer!“ schrie die Frau
jetzt aufgebracht. „Das haben wir doch schon Hundertmal durch gesprochen. Ihr
bleibt die Sommerferien über bei euern Onkel und damit Basta!“
Mit Tränen in den Augen Riess Marlon die
Beifahrertür auf und sprang erbost als erster aus dem Wagen. Bevor er die Tür
zuknallte schrie er: „Von mir aus kannst du für immer verschwinden! Ich hasse
dich Mama!“
Jetzt öffnete er die Hintertür und nahm seine
inzwischen laut weinende Schwester auf dem Arm. In den Wagen hinein rief er:
„Na komm schon Bruderherz, soll sie doch zu ihrer verdammten Arbeit fahren!“
Jetzt stieg auch Marlons
jüngerer Bruder Merlin aus dem Auto.
Er hatte bis jetzt noch kein einziges Wort
gesprochen, aber in seinen Augen konnte man gut die blanke Wut erkennen, die er
wohl in diesem Augenblick für seine Mutter empfand.
Mit der immer noch weinenden Lisa auf dem Arm, die
gerade mal fünf Jahre alt war, öffnete Marlon jetzt die Heckklappe und rief:
„Los Merlin, helf mir mal mit unseren Koffern!“
Mit wenigen Handgriffen war ihr aus nur 3 Koffern
bestehendes Gepäck herausgeholt. Merlin knallte die Klappe zu und schon gab
ihre Mutter mit quietschenden Reifen Vollgas. Bald darauf war sie verschwunden.
„Ist schon gut Lisa, alles wird gut.“ Versuchte
Marlon seine Schwester zu trösten und wandte sich dann den bröckligen
Steinstufen zu, die hinauf zu der riesigen Eingangstür des Hauses führte.
„Ist irgendwie Unheimlich.“ flüsterte Merlin seinem
Bruder zu.
„Mir wäre bestimmt wohler, wenn wir unsern Onkel
wenigstens kennen würden. Ich schlage vor, wir gehen dort hinauf und schellen
einfach mal!“ flüsterte nun Marlon ebenfalls.
Als sie vor der alten Tür standen stellten sie
fest, dass es nirgends eine Klingel gab, dafür aber einen großen, schweren
verrosteten Eisenring mit einem aus Silber bestehenden Engelsfigur am unterem
Ende.
Inzwischen hatte Lisa zu weinen aufgehört und
starte mit ihren blauen Augen gebannt auf Merlin, der jetzt mutig nach dem
Türklopfer griff und diesen dann dreimal donnernd gegen die Türe stieß.
Nach endlosen Minuten öffnete sich langsam und laut
knarrend die Türe. Unwillkürlich traten die Kinder einen Schritt zurück und
sahen dann zu ihrer Überraschung eine ältere Frau mit grauen Haaren in der Tür
stehen. Bekleidet war sie mit einem langen schwarzen Kleid. Um ihre Hüfte herum
trug sie eine stark befleckte weiße Arbeitsschürze. Auf dem Kopf trug sie über
ihren strähnigen grauen Haaren ein hellblaues Kopftuch.
Doch ihre anfängliche Überraschung schlug je in
blankes Entsetzen um, als sie das blutige Beil sahen, das die Frau in ihrer
knochigen linken Hand hielt. Marlon und auch Merlin erkannten schlagartig, das
die Flecke auf der Schürze der Frau nur Blut sein konnte.
Unfähig sich zu rühren starten sie fassungslos vor
Angst die Frau an.
Schließlich fragte Lisa mit ihre hellen Stimme und
scheinbar ohne Angst: „Bist du eine Hexe?“
Die alte Frau sah mit verkniffenen Augen auf das
kleine Mädchen hinunter und fing dann laut und garstig zu lachen an. Endlich
beruhigte sich die Alte wieder und sagte dann: „Keine Angst, ich bin nur die
Köchin des Hauses und habe gerade den Truthahn einen Kopf kürzer gemacht!“
„Kopf kürzer?“ fragte Lisa die nicht verstand was
die Frau damit meinte.
„Nun ja, schlachten halt. Heute Abend gibt es
nämlich Truthahn Braten!“
Inzwischen hatte sich die Angst bei Lisas Brüdern
etwas gelöst und sie folgten nur zögernd der winkenden Frau ins Innere des
Hauses hinein.
„Wartet hier! Ich hole euern Onkel - Ich bin
übrigens Agathe, schöner Name oder was meint ihr?“
Wieder lachte sie etwas zu garstig, wie es schien
und verschwand dann auf der linken Seite der Eingangshalle durch einer der drei
Türen, die sich dort befanden.
Während sie warteten blickten sie sich Neugierig
um.
Auf der rechten Seite befanden sich ebenfalls drei
Türen und am Ende der etwa 20 Meter langen Eingangshalle führte eine breite
Treppe nach oben.
Über ihnen hing ein schwerer Kristallleuchter mit
über 30 Kerzen in kunstvollen Halterungen. Alles wirkte hier sehr alt und es
schien fast so, als wäre hier im Haus irgendwie die Zeit stehen geblieben.
So sehr sich Marlon auch anstrengte und die Wände
mit seinen Blicken absuchte, nirgends konnte er einen Lichtschalter entdecken.
„Ein Stromloses Geisterhaus!“ flüsterte er mehr zu
sich selbst doch Merlin antwortete: „Schau dir nur mal diese 6 Türen hier unten
an. Das ist ja grässlich!“
„Was genau meinst du?“
„Na diese Farben. Jede Tür hat eine andere Farbe,
echt unglaublich!“
Merlin hatte recht. Wenn auch sonst alles in diesen
Haus Dunkel und alt erschien, diese Türen waren es nicht. Die erste Tür ganz
links war Rosa, die daneben Lila und die hintere war in einem grellen Giftgrün
gestrichen.
Auf der anderen Seite sah es nicht viel besser aus.
Dort gab es eine Blutrote, ein gelbe und schließlich eine in einem Unglaublich
hässlichen mintgrün gestrichene Tür.
Gerade wollte Lisa etwas sagen, als sie unheimliche
Schritte hörten.
Langsam wurden die Schritte
lauter und schienen immer näher zu kommen. Doch sahen die Kinder zunächst
niemanden. Jeder Schritt hallte als ein unheimliches Echo von den düstern Wänden der riesigen Eingangshalle wieder.
Auf einmal tauchte aus dem nichts
heraus ein großer, alter Mann auf. Seine Augen glitzerten angsteinflößend und
am rechten Ohr trug er einen großen Ohrenring, der wie eine Schlange geformt
war. Seine Kleider waren zerfetzt und durch die Löcher in den Hosen sahen die
Kinder die langen Beine des Mannes. Mit einer tiefen Stimme donnerte er:
„Willkommen! Ich freue mich, das ich euch endlich
sehen darf. Es werden sicherlich spannende Ferien für euch!“
„Was meint er wohl mit spannend?“ flüsterte Marlon verwirrt seinem
Bruder zu. Doch dieser gab ihm keine Antwort und starrte stattdessen gebannt
auf seinen Onkel.
„Ihr habt bestimmt Hunger oder
irre ich mich da?“
Verängstigt nickten alle drei.
Sie hatten alle noch nie so einen Mann gesehen. Er schien reich zu sein, aber
trotzdem hatte er schmutzige und verlumpte Kleidung an. Warum?
„Folgt mir jetzt!“ befahl ihnen
ihr Onkel barsch. Langsam lief er los, worauf ihm die Kinder hastig folgten.
An den Wänden hingen seltsame
Bilder. Eines Zeigte eine alte Frau, die auf einem Stuhl saß. Sie war recht
dick und vielleicht um die 70 Jahre alt. Es schien, als würde einen die Frau
die ganze Zeit beobachten. Irgendwie ähnelte die Frau stark der Köchin Agathe,
die den Kindern die Türe geöffnet hatte. Doch bildeten sich das die Geschwister
sicher nur ein.
Kurz darauf standen sie im Speisesaal, der - wie alles in diesem
Haus, riesig war.
In der Mitte stand ein Tisch an
dem mindestens 50 Leute Platz gehabt hätten. An der Decke hing ein goldener
Kronleuchter der einen so hellen Schein von sich gab, dass man nicht lange in
seine Richtung blicken konnte. Das Esszimmer roch natürlich, nach Essen und
nach so einem alte-Leute Geschmack, den man in Häusern wie diesem wohl immer
roch.
Der Onkel, von dem die Kinder
noch immer nicht wussten wie sein Name war, saß am hinteren Ende des Tisches
ab. Mit einer Geste zeigte er, dass die drei ebenfalls absitzen sollten, was
sie auch sogleich taten.
Wie aus dem nichts heraus,
tauchte ein kleiner, eher junger Diener auf, der den angekündigten Truthahn
brachte. Mit riesigen Augen starrte Merlin auf ihn, denn so einen großen
Truthahn hatte der Junge noch nie in seinem Leben gesehen! „Der reicht doch für
mindestens 10 Leute!“ dachte er bei sich.
Der Diener reichte allen Besteck
und einen silbernen Teller, welcher sogleich mit einem großen Stück Fleisch
gefüllt wurde. Endlich fing der Onkel zu reden an.
„Ihr fragt euch sicher wer ich
bin. Mein Name ist Sian und ich lebe schon seit
meiner Geburt hier in diesem Haus. Meine Eltern sind schon längst tot, da sie
kurz nach meiner Geburt ermordet wurden. Fragt mich aber nicht von wem!“
Er machte eine kurze Pause und
sprach dann langsam weiter: „Bevor wir mit dem Essen anfangen, will ich euch
noch ein paar Dinge erzählen, sowie die Regeln, die in diesem Hause gelten,
erläutern.
Ich habe hier im Haus mehrere
Diener und wenn ihr etwas braucht ruft nach ihnen. Sie werden euch jeden Wunsch
erfüllen. Weiter hoffe ich, dass ihr Spaß an euren Ferien habt. Natürlich
werdet ihr auch manchmal im Haushalt mit helfen müssen!“
Keiner von den drei Kindern
getraute sich auch nur eine Miene zu verziehen, obwohl sie sich unter Ferien
etwas anderes als Putzen und abwaschen vorstellten konnten. Alle wollten schon
jetzt wieder weg von diesem Haus! Da war ihnen ihre Mutter doch noch lieber,
als dieser alte, unheimliche und unfreundliche Mann. Sie spürten, dass er etwas
verbarg.
„Jetzt werde ich euch noch die
Regeln erläutern. Ihr müsst sie strikt befolgen, denn wer sie nicht befolgt,
hat mit Konsequenzen zu rechnen!
Erstens: Niemand geht ohne meine
Erlaubnis nach draußen! Und Zweitens: In der Nacht geht ihr niemals, wirklich
niemals aus eurem Zimmer!“
Diese Worte sagte er mit einem
bedrohlichen Unterton, der nichts Gutes verhieß. Etwas freundlicher sagte er
dann: „Agathe wird euch nach dem Essen euer Zimmer zeigen.
Doch nun die wichtigste aller
Regeln: Ihr dürft auf keinen Fall durch die blau angestrichene Türe gehen. Wenn
ich einen von euch dabei erwische, dann werde ich wütend, sehr wütend sogar!
Ist das klar soweit?“
Wieder nickten die Kinder Stumm.
Alle verspürten eine ungeheure Angst in sich aufsteigen während ihr Onkel ihnen noch weitere, zum Teil unverständliche Regeln vor
predigte. Endlich krächzte Sian: „Und nun esst so
viel ihr könnt!“
Gierig stürzten sich Merlin, Marlon und Lisa auf ihren Truthahn.
Dabei hielten sie aber ihre Umgebung wachsam im Auge. Diese Regeln... Die waren
einfach nicht normal... Wieso durfte man nicht raus? Gab es draußen Gespenster?
Und wieso war es verboten durch eine blaue Tür zu gehen? Verborg sich dahinter
ein düsteres Geheimnis? Etwas das niemand erfahren durfte? Das alles
verängstigte sie.
Die Kinder versuchten die
vorhandene Angst zu verdrängen und waren so in ihr Essen vertieft das dies
ihnen auch beinahe gelang.
Merlin, der nur ein Jahr jünger
war als sein Bruder, versuchte krampfhaft seine Gedanken zu ordnen, während er
das knusprige Fleisch herunter schlang. Plötzlich verschluckte er sich heftig,
gerade als er in seiner Gedankenwelt plötzlich Agathe vor sich auftauchen sah.
In ihrer Hand trug sie das blutige Beil, mit dem sie zuvor dem Truthahn, den er
gerade aß, den Kopf abgeschlagen hatte. Merlin würgte und Hustete jetzt
gleichzeitig. Marlon sprang auf und schlug seinen Bruder hilfreich auf den
Rücken. Endlich bekam er wieder Luft.
Wie aus weiter Ferne rief vom
anderem Ende des Tisches Onkel Sian: „Ist es dir
nicht gut mein Junge?“
„Schon gut!“ stotterte Merlin.
Ich habe mich nur an dem Vögelchen hier etwas verschluckt!“
Sian lachte boshaft und dröhnend, erhob
sich dann und verschwand ohne ein weiteres Wort zu verlieren aus dem
Speisesaal.
Die Kinder atmeten erleichtert
auf und waren froh, das ihr Onkel sie endlich alleine
gelassen hatte. Marlon sagte dann: „Wir müssen unbedingt heraus bekommen, was
hier los ist!“
„Ja das müssen wir!“ plapperte
Lisa, die mit ihren 5 Jahren irgendwie noch nicht so recht den Ernst der Lage
verstehen konnte, in der sie sich alle offensichtlich befanden.
„Merlin grinste, nahm eine
Servierte und fing an Lisa das Gesicht zu säubern. „Du siehst im Gesicht aus
wie eine fettige Bratpfanne!“ sagte er fürsorglich. „O Waia
und erst deine Hände, überall hängt Truthahn Fett und...“
Marlon hatte sich jetzt auch eine
Servierte geschnappt und half seinen Bruder bei der Säuberungsaktion ihrer
kleinen Schwester.
Niemand bemerkte, das Agathe
völlig lautlos den Saal betreten hatte und sich leise bis hinter die Brüder
heran geschlichen hatte.
In ihrem Gesichtszügen machte
sich ein gemeines und böses grinsen breit, als sie langsam beide Arme hob und
dann unverhofft beiden Jungen mit ihren knorrigen Krallenhänden von hinten an
ihren Schultern packte und sie kräftig durchschüttelte.
Entsetzt kreischten die Brüder
auf und selbst Lisa entfuhr ein lauter Schrei des Grauens als sie in das
faltige Gesicht von Agathe sah, die eine höllische Grimasse zog. Lisa war sich
jetzt sicher, das Agathe eine Hexe sein musste.
„Habe ich euch etwa erschreckt?“
fragte Agathe scheinheilig und lachte leise vor sich hin während sich die
Kinder wieder etwas beruhigten.
„Ja allerdings!“ fauchte Marlon
böse.
„Nun das wollte ich nicht!“
„Und was wolltest du dann?“
wollte jetzt Merlin wissen.
„Ihr solltet mir jetzt besser
folgen. Euer Onkel hat mir aufgetragen euch sicher in euer Zimmer zu bringen!“
Mit diesen Worten drehte sie sich herum und verließ den Saal. Die Kinder
folgten ihr mit gemischten Gefühlen. Erst ging es durch die große Eingangshalle
und dann die breite Treppe hinauf.
Dabei kamen sie erneut an dem
Bild mit der alten Frau vorbei und wieder schien es so, als verfolgten ihre
Blicke jeden ihrer Schritte. Schließlich blieb Marlon auf der Treppe stehen und
rief mutig: „Warte mal Agathe! Ich habe da eine Frage!“
Agathe blieb ebenfalls stehen und
fragte ungehalten: „Und welche?“
Marlon deutete hinunter in die
Halle und fragte: „Wer ist diese Frau auf dem Bild dort, bist du das?“
Agathe veränderte schlagartig ihr
Gesicht zu einer grausigen Fratze und schrie: „Falsche Frage du böser kleiner
Bengel! - Bist du den Blind? Sehe ich etwa so dick aus wie die alte Schachtel
dort auf dem Bild?“
Lisa hatte sich ängstlich an die
Hosenbeine von Marlon geklammert. Instinktiv hob dieser seine zitternde
Schwester schützend auf seine Arme. Merlin war kreidebleich im Gesicht geworden
und stand reglos neben seinem Bruder, der fassungslos auf die grausige
Verwandlung von Agathes Gesicht starrte.
„Eine Hexe!“ flüsterte Lisa kaum
hörbar ihren Bruder ins Ohr.
In diesem Augenblick ertönte aus
dem unteren Teil des Hauses laut die Stimme von Onkel Sian.
„Das reicht jetzt Agathe! Bring endlich diese Plagen in ihr Zimmer und sorge
dafür, dass ich heute nicht mehr von ihnen gestört werde! Hast du mich
verstanden?“
Kaum war die Stimme ihres Onkels
verstummt, hatte sich Agathes Gesicht wieder in ihr
normales zurück verwandelt. Und obwohl sie auch so nicht gerade gut aussah, war
es doch erträglicher als das, was die Geschwister eben ertragen mussten.
Fasst zu freundlich und leise
sagte Agathe: „Mein Gott, ihr seht aus, als hättet ihr einen Geist gesehen. Was
ist los mit euch? Hat jetzt irgendwer hier auf der Treppe noch eine Frage?“
Niemand wagte eine weitere Frage
zu stellen und so folgten sie mit zitternden Knien der Köchin weiter die Treppe
hinauf. Oben Angekommen deutete Agathe nach links und sagte: „Dort hinten ist
die Bibliothek. Haltet euch besser fern von dort!“ Dann deutete sie zu der
Treppe, die noch ein weiteres Stockwerk nach oben führte und sagte mit einer
unheimlichen Stimme: „Dort oben findet ihr die Blaue Tür, jene Tür die ihr
niemals öffnen dürft!“
Agathe lief jetzt rechts den Flur
entlang, an zwei weiteren Türen vorbei und öffnete dann das letze Zimmer mit
den Worten: „Und hier wird in den nächsten 6 Wochen euer zuhause sein!“
Staunend betraten sie das Zimmer,
sprachlos von dem was sie dort sahen. Das hatte niemand von ihnen Erwartet.
Schließlich flüsterte Merlin:
„Das ist ja ein Kinderzimmer.“
„Und noch dazu ein Uraltes!“
fügte Marlon erstaunt hinzu. „Seht euch nur mal diese alten Spielsachen an, -
die sind bestimmt schon über 100 Jahre alt oder noch älter...“ Der Junge
unterbrach sich selbst und fragte laut: „Agathe, wem gehörte dieses
Kinderzimmer? Ist es das von Onkel Sian?“
Doch er bekam keine Antwort.
Agathe war wie vom Erdboden verschluckt und die Türe, die in einer Orangen
Farbe gestrichen war, geschlossen.
Sie sahen sich jetzt weiter um.
Links stand ein riesiges Bett,
groß genug, um drei Menschen darin Platz zu
bieten. Die Wand gegenüber wurde von einem riesigen Schrank beherrscht, der
fast völlig schwarz war. Das Fenster hatte keine Griffe zum öffnen und selbst
wenn da welche gewesen wären, hätten die Eisengitter davor jeden Fluchtversuch
verhindert.
Weiter befanden sich noch ein
Tisch, 3 Stühle sowie mehrere Truhen in dem Raum. Und überall lag altes
Spielzeug das fast ausschließlich aus Holz bestand. Es gab ein Schaukelpferd,
Holzautos und vieles mehr.
Das alles aber war harmlos, zu
dem was jetzt folgte.
Marlon entdeckte es zuerst und
schrie überrascht auf. Merlin drehte sich zu ihm um und sah in die Richtung in
der sein Bruder sichtlich geschockt blickte. Entgeistert schaute er auf das
riesige Ölbild, das direkt über dem großen Bett hing.
Minutenlang starten die Kinder
auf das Gemälde, unfähig auch nur ein Wort zu sagen.
Auf dem Bild war deutlich ein
geöffneter Sarg zusehen, neben dem zwei dicke und große schwarze Kerzen
brannten. In dem Sarg selbst lag ein toter Junge aufgebahrt, die Hände
gefaltet, die Augen geschlossen. Und doch erkannten alle, das
dieser Junge dort aussah wie Merlin.
Aber wie konnte das sein! Die
Brüder starrten weiter völlig entgeistert auf dieses Bild.
Wieso war Merlin auf diesem Bild,
in einem Haus in dem er noch niemals zuvor gewesen war? Und warum lag er dort
tot in einem weißen Sarg?
Marlons Gedanken überschlugen sich. Dieser
Junge dort auf dem unheimlichen Bild konnte nicht sein Bruder sein. Es musste
jemand anderes sein. Schließlich stammelte er: „M-m-merlin,
der dort sieht genauso aus wie du! Das kann doch nicht sein? Ich meine, du
stehst lebendig neben mir und lebst!“
Merlin faste nach der Hand seines
Bruders und flüsterte mit krächzender Stimme: „Doch Marlon! Das dort bin ich
wirklich! Und siehst du, was für Anziehsachen der an hat?“
„Ja, der dort hat das gleiche an
wie du!“ hauchte er fassungslos vor Angst.
„Aber wieso bin ich tot Marlon? –
Ich habe Angst, - richtige Angst!“
Während Merlin sprach drückte er
sich an seinen Bruder heran, verkrallte sich förmlich in Marlons
Hand und schrie dann panisch: „Wir müssen hier schleunigst verschwinden!“
Marlon nickte nur und sah zu
Lisa, die staunend noch immer das alte Ölgemälde an starrte.
Etwas ängstlich fragte sie dann:
„Warum liegt Merlin da in einer weißen Kiste?“
Marlon kniete sich jetzt vor
seiner kleinen Schwester und sagte ernst: „Lisa Schatz, ich möchte das du
dieses Bild nicht mehr anschaust!“
Lisa nickte und Marlon stich ihr
zärtlich über ihr bleiches Gesicht.
Merlin war nun ebenfalls in die
Hocke gegangen und sagte ängstlich und wütend zugleich: „Ich werde zu unseren
Onkel gehen und ihn fragen was dieses Bild hier zu bedeuten hat! Und wenn ich
ihn nicht finden kann, werde ich diese Hexe von Agathe bestimmt in ihrer
verdammten Hexenküche finden und sie danach fragen!“
Wütend und mutig von seinen
eigenen Worten war Merlin Aufgesprungen und zu der Tür gelaufen um seinen Plan
in die Tat umzusetzen. Zornig drückte er die Türklinke herunter doch die Türe
ließ sich nicht öffnen.
„Verdammt“ schrie er. „Die Tür
ist verschlossen! Wieso hat diese alte Hexe das gemacht?“
Marlon zuckte mit den Schultern
und Lisa, die nicht verstand, warum Merlin so rum schrie, fing leise zu weinen
an.
Marlon nahm sie auf den Arm und
sagte beruhigend zu ihr: „Schon gut kleines, keine Angst. Wir werden einen Plan
machen um hier wieder raus zu kommen.“
„Ich will zu Mama!“ schluchzte
Lisa.
„Ich glaube das wollen wir alle!“
rief Merlin der sich inzwischen etwas beruhigt hatte. Er hatte sich auf das
große Bett geworfen und sagte dann: „Marlon glaube mir, wenn dieses Bild über
mir hängt werde ich niemals schlafen können!“
Marlon war sich sicher, dass er
das auch nicht konnte und deshalb hängten sie das unheimliche Gemälde von der
Wand ab und verstauten es in dem schwarzgrauen
Schrank gegenüber des Bettes.
Marlon sagte dann: „Es ist schon
spät und wir sind alle Müde, es war ein harter Tag. Wahrscheinlich hat Agathe
die Türe ausversehen verschlossen.“
„Das glaubst du doch nicht
wirklich?“ ereiferte sich Merlin.
Marlon schüttelte müde den Kopf
und sagte: „Heute können wir sowieso nichts mehr unternehmen. Also lasst uns
schlafen gehen und morgen sehen wir weiter!“
Mit diesen Worten legte sich
Marlon in das riesige Bett und versuchte einzuschlafen. Merlin und Lisa folgten
seinen Beispiel. Lisa legte sich in die Mitte des
Bettes, während Merlin rechts von ihr ablag.
Trotz der Aufregungen in den
vergangenen Stunden waren sie schon nach einigen Minuten eingeschlafen.
Merlin erwachte als erster
wieder. Er fragte sich wie spät es wohl war, doch da draußen die Sonne schien,
musste es schon relativ spät sein.
„Aufstehen!“, rief er laut.
Als Marlon und Lisa verschlafen
die Augen öffneten, lächelte Merlin sie an, obwohl es ihm überhaupt nicht gut
zumute war. Er musste immer noch an das Bild denken, dass sie in dem schwarzen
Schrank verstaut hatten.
„Guten Morgen!“ gähnten Lisa und
Marlon fast gleichzeitig. Auch Merlin wünschte ihnen einen guten Morgen. Marlon
stand auf und lief zu der Tür. Anziehen musste er sich nicht. Er hatte seine
Kleider am Abend nicht abgezogen.
Jetzt drückte er den Türgriff
nach unten und zu seinem Erstaunen war sie nicht mehr verschlossen.
„Sie ist offen!“, verkündete er
freudig seinen Geschwistern. „Wollen wir aus dem Zimmer gehen? Am Tag dürfen
wir das doch, oder?“
Die anderen zwei nickten
aufgeregt und gemeinsam traten sie auf den Flur hinaus.
Niemand war zu sehen und deshalb
schlichen sie leise, vorbei an unheimlichen Bildern, in die Richtung der
Bibliothek.
Vielleicht fanden sie ja dort
eine Erklärung auf die unheimlichen Dinge, die sich hier im Haus abspielten.
Kurz darauf standen sie vor der
riesigen Bibliothekstüre.
Sie war aus glänzendem Metall und
sah nicht so aus, als wollte sie geöffnet werden. Fast schien es so als sagte
sie: <Haltet euch von der Bibliothek fern!>
Doch die Kinder ignorierten diese
Warnung und versuchten die schwere Türe zu öffnen. Sie war unheimlich schwer,
doch nicht zu schwer für Marlon. Er war immer schon der stärkste in der Familie
gewesen.
Mit einem knirschen und knacksen
öffnete sich die Bibliothekstüre. Marlon hielt sie offen, bis die anderen zwei
eingetreten waren und behutsam schloss er sie wieder.
Im Inneren der Bibliothek
herrschten eine eisigen Kälte und eine angsteinflößende Dämmerung.
In vielen Regalen standen
unglaublich viele Bücher die mit einer dicken Staubschicht überzogen waren.
Überall hingen Spinnenfäden
von der Decke.
Lisa schrie entsetzt auf als sie
auf eine unglaubliche fette Spinne trat, die mit einen schmatzenden Geräusch
zerplatzte. Das Mädchen hatte unheimliche Angst vor Spinnen und, so wie es Mama
immer nannte, eine Phobie.
„Hier drinnen hat es viele Spinnen.
Schließe einfach deine Augen. Marlon wird dich schon führen.“ sagte Merlin, der
jetzt in einen weiteren Gang mit Bücherregalen betreten hatte.
Von den anderen ungesehen rief
er: „Ich glaube wir sind die ersten, die seit Jahren diese Bibliothek betreten
haben! Wir sollten besser umdrehen und in unser Zim...“
Doch weiter kam der Junge nicht
mehr. Etwas packte ihn von hinten. Merlin schrie auf und versuchte dem etwas in
die Augen zu schauen. Doch in dem Gang, in dem er sich gerade befand, war es so
düster, das er nichts erkennen konnte.
Er spürte, wie sich etwas in
seine Schultern bohrte und glaubte, das er Blutete. Verzweifelt, wild um sich
tretend schrie er: „HILFE, HILFE..., so helft mir doch!“
Der Unbekannte Angreifer hatte
den Jungen jetzt zu Boden geworfen und zerrte ihn achtlos hinter sich her.
Marlon stürzte in den Gang, in
dem er Merlin zuletzt gesehen hatte und konnte gerade noch erkennen, wie die
wild strampelten Beine seines Bruders um die Ecke des Ganges verschwanden. Er
stürzte hinterher, Lisa an einer Hand mit sich ziehend, doch in den
Chaotischen, Labyrinth ähnlichen Gängen
aus Bücherregalen, verloren sie das unbekannte Ungeheuer, von dem er nur
schemenhafte Umrisse erkennen konnte, schnell aus den Augen.
Marlon gab schließlich auf und
setzte sich erschöpft auf den Boden.
Lisa hatte
noch immer ihre Augen geschlossen und fragte dann verstört: „Was sollen wir nur
machen?“
„Erst mal sollten wir diesen
unheimlichen Ort verlassen. Merlin ist nicht mehr hier und...“
Ein Geräusch ließ ihn verstummen
und er blickte auf. Über die Regale hinweg sah er, das
für kurze Zeit helles Licht in die dunkle Bibliothek eindrang. Das knirschende
Geräusch, das er dabei hörte, wurde eindeutig von der schweren Eingangstür
verursacht.
Zu Lisa flüsterte er: „Entweder ist
gerade jemand hinaus, oder schlimmer noch, jemand hier herein gekommen!“
Angestrengt lauschten sie in der
unerträglichen Stille hinein doch nichts war zu hören. Schließlich erhob sich
Marlon und flüsterte, „Los geht’s, wir hauen ab!“
Wenigstens wussten sie jetzt, in
welche Richtung sich der Ausgang befand. Nur wenig später hatten sie die
Metalltür erreicht. Gerade wollte Marlon sie öffnen, als er mit dem Fuß gegen
etwas stieß.
Überrascht blickte er zu Boden
und entdeckte dort ein kleines, in Leder gebundenes Buch. Rasch hob er es auf
und sagte: „Das lag wohin noch nicht hier!“
„Hat es
jemand hier verloren?“ wollte Lisa wissen.

„Entweder
das, oder es hat jemand mit Absicht dort hingelegt. Wir sollten es wohl finden.
„flüsterte Marlon ihr zu während er vorsichtig die Türe öffnete. Behutsam
steckte er den Kopf in den Flur hinaus. Niemand war zu sehen oder zu hören.
Deshalb zog er jetzt Lisa mit sich hinaus in den Flur. Beide rannten dann so
schnell sie konnten zu ihren Zimmer zurück.
Insgeheim hatte Marlon gehofft
seinen Bruder dort zu finden doch wurde er enttäuscht. Merlin blieb
verschwunden.
Der Junge hatte sich auf das Bett
gesetzt und dann das geheimnisvolle Buch geöffnet.
Was er auf der ersten Seite las,
verschlug ihn doch etwas die Sprache. Mit einer Schrift, die er nur allzu gut
kannte stand dort: <Tagebuch von Maria
Berlinz>
Leise flüsterte er: „Das ist das
Tagebuch unserer Mutter.“
Als Kind hatte sie zusammen mit Sian, ihren Bruder, in diesem schrecklichen Haus gelebt und
wohl dann dieses Tagebuch geschrieben.
Gerade wollte er umblättern, als
es heftig an der Türe Klopfte und diese fast gleichzeitig von Agathe
aufgerissen wurde.
Marlon schlug hastig das Tagebuch
zu und versteckte es hinter seinem Rücken und stammelte: „Ich habe noch nicht
herein gesagt!“
Agathe funkelte ihn böse an,
sagte aber dann mit ungewöhnlicher Freundlichkeit: „Wie ich sehe haben die
Herrschaften wohl verschlafen und das Frühstück verpasst!“
„Ja sieht so aus!“ sagte Marlon
unsicher.
„Wo ist euer Bruder Marvin?“
zischte Agathe neugierig.
„Er ist von...“ begann Lisa doch
Marlon stieß sie unsanft an und sagte: „Der ist auf dem Klo!“ Dabei deutete er
auf die Wand, an der auch der schwarzgraue Schrank stand. Direkt daneben führte
eine kleine unscheinbare Türe in ein Badezimmer.
Agathe zog ihre buschigen, grauen
Augenbrauen hoch und sagte dann etwas gedehnt: „So, so, Marvin ist also auf dem
Klo!“ Dabei ließ sie ihre stechenden, grauen Augen suchend durch das ganze
Zimmer schweifen und blieb schließlich mit ihren Blick an dem hellen Fleck, der
sich an der Wand über dem Bett befand, hängen.
Ihr faltiges Gesicht, was ohne
hin schon sehr bleich war, verblasste nun völlig. Drohend kam sie auf Marlon
und Lisa zu und schrie unbeherrscht: „Wo ist das Bild geblieben? - Was habt ihr
damit angestellt!“
Die Geschwister waren entsetzt
zurück gewichen und Marlon stammelte ängstlich: „Wi,
wir haben es dort in den Schrank gelegt!“
Agathe drehte wie in Zeitlupe
ihren Kopf zu dem Schrank hinüber und rief dann: „Oh mein Gott, ihr seid es
wirklich! All die vielen Jahre haben wir auf euch gewartet, gewartet auf jene
die uns von dem Fluch befreien werden und...“
Marlon, der nicht so recht
wusste, wovon Agathe da sprach, unterbrach sie unsicher: „Was? Was sind wir?“
Doch statt eine Antwort zu
bekommen, geschah jetzt etwas Unheimliches.
Agathe fing an zu schweben und
ihr Gesicht wurde dursichtig. Lisa flüsterte ängstlich: „Ich glaube ich sehe
einen Geist...“
„Und ich tote Menschen...“
wisperte Marlon und sah dabei gebannt auf das unheimliche Schauspiel, unfähig
sich dabei zu bewegen.
Agathes Geist lachte jetzt irre vor sich hin
und rauschte dann, mit dem Kopf voran, durch die mit Holz vertäfelte
Zimmerdecke davon.
Es dauerte noch gute 5 Minuten
bis der Junge endlich seine Sprache wieder gefunden hatte. „Ich glaube, wir
sind in einem verfluchten Geisterhaus!“ flüsterte er fassungslos.
Lisa schluckte und fragte
ängstlich: „Du meinst alle hier im Haus sind schon lange tot? Die Diener und
auch unser Onkel?“
„Genau das meine ich!“
Marlon nahm erneut das Buch zur
Hand. Er hoffte darin einen Hinweis zu finden, doch wieder kam er nicht dazu,
es zu lesen. Denn aus dem schwarzen Schrank ertönte laut und deutlich eine
helle Jungenstimme, die flehend schrie: „Helft mir, bitte helft mir doch..., es
ist kalt und so dunkel...“
Lisa kreischte vor Angst und
klammerte sich panisch an ihren Bruder fest.
„Bitte...“ tönte es aus dem
Schrank weiter, „Jemand mauert mich ein, ich ersticke....“
Wie ein hypnotisiertes Kaninchen
starrte Marlon auf den Schrank, aus dem die unheimlichen Hilferufe kamen. War
das ihr Bruder? Oder war es der tote Junge auf dem Bild. Marlon wusste es
nicht.
„Hilfe, bitte..., geht da hin wo
ihr nicht hin sollt, -es ist so dunkel hier..., ich werde lebendig eingemauert...“
Die Stimme wurde jetzt leiser und
Marlon war aufgesprungen. Laut und mutig rief er: „Meinst du oben im Haus? Bist
du etwa in dem verbotenen Raum mit der blauen Tür?“
Doch die Geisterstimme des
unbekannten Jungen im Schrank war verstummt.
Marlon startete jetzt noch einmal den Versuch, das Tagebuch seiner
Mutter zu öffnen. Er schlug es wahllos auf irgendeiner Seite auf und las:
„Geisterhafte
Stimmen“
<Immer bei
Vollmond höre ich flüsternde Stimmen eines wohl recht jungen Knaben. Ich weiß
nicht, wer das ist. Schon mehrere Male habe ich versucht ein Gespräch mit dem
„Geist“ zu führen, aber nie hat es geklappt. Mehrmals habe ich versucht den
Jungen hinter der blauen Türe zu suchen, -vergeblich. Von nun an verkrieche ich
mich bei Vollmond immer unter meiner Decke.>
Marlon blickte auf und rief
aufgebracht: „Verdammt Lisa, heute Nacht wird Vollmond sein!“
„Werden wir dann den Geist
suchen?“
Marlon schüttelte den Kopf,
schlug das Tagebuch seiner Mutter zu und sagte energisch: „Nein, solange werden
wir nicht warten! Ganz sicher nicht. Wir gehen jetzt, am Tag! – Und dieses Buch
hier nehmen wir mit. Ich habe das Gefühl, das wir es noch brauchen werden!“
Mit Lisa an der Hand lief er aus
dem Zimmer. Schnurstracks trottete er zu der Treppe, die hinauf zu der unheimlichen
blauen Tür führte. Erst jetzt sah er, das diese Treppe
ziemlich marode und baufällig aussah. Aber das hielt die Geschwister jetzt auch
nicht mehr auf.
Langsam und bedächtig liefen sie
die knarrenden Stufen herauf. Bei jedem weiteren Schritt hinauf, wuchs bei
beiden das ungute Gefühl, das die Treppe unter ihnen jeden Augenblick
einzustürzen drohte.
Mit jeder Stufe höher, sahen sie
ein Stück mehr von der blauen Tür, die sich als einzige Türe am Ende der
Treppenstufen bedrohlich breit machte.
Die Türe war in einem
Dunkelblauen Farbton gestrichen, doch die Farbe schien sehr alt zu sein und
blätterte langsam von der Türe ab.
Anders als die Bibliothekstüre,
war diese kleiner, aus Holz und sah viel leichter aus. Wenn sie diese Türe
jetzt öffneten, brachen sie die oberste Regel des Hauses. Was für eine Strafe
würde sie dann erwarten?
Marlon schob diese Gedanken
beiseite und versuchte entschlossen die Türe zu öffnen. Doch zu seiner
Enttäuschung war sie verschlossen.
„Der Schlüssel, wo ist der
Schlüssel?“ fragte Marlon etwas ratlos und mehr zu sich selbst.
Gerade wollte Lisa ihm darauf
antworten, als unverhofft jemand von der anderen Seite an die Türe klopfte.
„Wer ist da?“ rief Marlon
aufgeregt. „Merlin?“
Aber er bekam keine Antwort.
Stattdessen klopfte es weiter, immer lauter und aggressiver. Unritterlich wurde
es zu einem dröhnenden Hämmern.
„Marlon, ich will hier weg!“
krächzte Lisa ängstlich, die sich schützend hinter Marlon verkroch.
„Ich will auch hier weg kleine,
aber Merlin ist nicht bei uns! Ohne ihm können und werden wir nicht von hier
weg gehen!“
In diesem Moment verstummte der
Lärm abrupt und wurde ersetzt durch ein Geräusch, das
beiden fast das Blut in den Adern gefrieren lies.
Irgendjemand hatte von der andern
Seite der Tür einen Schlüssel in das Türschloss gesteckt und drehte diesen
jetzt knirschend herum.
Lisa fing an zu schreien:
„Marlon, wer ist das?“ – Wer ist das!“
Marlon, der kreidebleich geworden
war gab keine Antwort sondern starrte auf die Türe, die wohl jeden Moment von
irgendeinem unbekannten geöffnet werden würde. Falls jemand sie angreifen
würde, Marlon war trotz seiner Angst bereit zu kämpfen.
Langsam und knarrend öffnete sich die Blaue Tür erst einen kleinen
Spalt breit. Die alten Scharniere der Türe quietschten erbärmlich. Es hörte
sich fast wie ein Jammern an, als die Türe sich Stück für Stück weiter öffnete
und schließlich den Blick dahinter freigab.
Marlon war Fassungslos und
Entrüstet zu gleich, als er feststellte, dass niemand zu sehen war. Kein Merlin
und kein flüsternder Junge. Alles was er sah, war ein in fast völliger
Dunkelheit gehüllter Gang.
Der Junge fragte sich, wie das
möglich war. Wer hatte den Schlüssel gedreht?
„Bleib neben mir Lisa!“, forderte
Marlon seine Schwester jetzt auf und wagte dann den ersten Schritt ins
ungewisse. Es roch nach verrottetem Holz und der Boden war nass und mit Moos
überwachsen. Es knackste fürchterlich und Lisa flüsterte, während sie immer
weiter vor drangen: „Könnte es der Geist von Agathe gewesen sein, der uns die
Türe von innen geöffnet hat?“
„Ich weiß es einfach nicht!“ gab
Marlon ihr leise und ratlos zur Antwort.
Schritt für Schritt wagten sie
sich weiter in die Dunkelheit hinein. Inzwischen waren sie bestimmt 50 Meter
weit den dunklen Gang gefolgt, als Marlon glaubte, in dem diffusen Licht vor
sich, so etwas wie eine Abzweigung erkennen zu können.
Plötzlich und völlig unerwartet
für die Kinder, erschallte ein furchtbares und laut dröhnendes Gelächter durch
den unheimlichen Gang. Gehetzt sahen sie sich um, doch niemand war zu sehen.
Immer lauter wurde das garstige Gelächter, so dass die Geschwister sich die
Ohren zu halten mussten.
Lisa weinte und schrie vor
Entsetzen, was die ganze Situation nur noch verschlimmerte.
„Wer lacht da!“ kreischte Lisa verzweifelt,
doch Marlon konnte sie nicht verstehen.
Langsam entwickelte sich aus dem
Lachen ein Brüllen und Marlon glaubte jetzt die Stimme von Agathe aus dem Lärm
heraus zu hören. Deshalb schrie Marlon in die Dunkelheit des Ganges hinein:
„Sag mir wo Merlin ist, Agathe du widerliches Ding!“
Doch Agathe war nirgends zu sehen
und statt zu Antworten, brülle und lachte sie weiter mit ihrer schrecklichen
Stimme durch den Gang.
Mutig ging Marlon jetzt weiter, weiter auf die Abzweigung zu, die
jetzt immer deutlicher zu erkennen war. Endlich waren sie bei der Abzweigung
des Ganges angelangt und Marlon beugte sich vorsichtig ein kleines Stück nach
vorne, um zu sehen, was sie hinter der nächsten Ecke erwarten würde. Doch was
er sah, lies ihn vor Angst erstarren.
Eine aus sich heraus leuchtende,
unheimliche Gestalt saß kauernd vor einer Mauer, in der Marlon ganz deutlich
eine Lücke erkennen konnte. Eine Lücke, die gerade so groß war, das noch ein
einziger Stein hinein passen würde. Und diesen fehlenden Stein hielt diese
dunkle Gestalt in ihren klauenartigen Händen.
Das Gelächter von Agathe war
schlagartig verstummt und wurde nun ersetzt durch ein leises jammern, das aus
dem Loch in der Mauer zu kommen schien.
Jetzt erhob sich die unbekannt
Kreatur wie in Zeitlupe und drehte dabei erbarmungslos ihren Kopf, der aussah
wie der Kopf einer uralten Mumie, zu Marlon herum. In dem zerfetzten rechten
Ohr konnte der geschockte Junge deutlich einen silbernen, schlangenförmigen
Ohrring erkennen.
Entsetzt flüsterte Marlon: „Oh
mein Gott! – Onkel Sian...“
Mit einer grausigen Stimme raunte
die Sian Gestalt: „JA! Ich heiße SIAN, doch dein
Onkel bin ich nicht!“
Obwohl Marlon vor Angst
schlotterte, war er jetzt ganz um die Ecke des Ganges herum getreten. Lisa
klammerte sich ängstlich an ihren Bruder der jetzt stotternd fragte: „W, wer bi
bist du denn?“
„W, wer bi...!“ äffte ihn die Sian Mumie gehässig nach. – „Das möchtest du wirklich
wissen?“
Bevor Marlon darauf antworten
konnte trat die Geisterhafte Gestalt von Agathe aus der Mauer heraus und
kicherte garstig: „Wir sind deine Ururururur
Großeltern, ja das sind wir wohl!“ Und dann laut kreischend fügte sie hinzu:
„Und wir sind Mörder, bis in alle Ewigkeit dazu verflucht, aus jeder kommenden
Generation einen Männlichen Nachkommen hinter dieser Mauer...“
„Einzumauern!“ unterbrach sie
Marlon sichtlich geschockt.
Jetzt ertönte aus dem Loch in der
Mauer eine ängstliche Jungenstimme: „Marlon? Bist du das? Hilf mir bitte, ich
will hier nicht sterben!“
„Keine Angst Brüderchen! Noch
können sie den letzten Stein nicht einsetzen!“ rief Marlon laut und mutig
zugleich.
Sian und Agahte
heulten wütend auf und kreischten fast gleichzeitig: „Wo her weißt du das
Marlon!“
In Marlons
Kopf überschlugen sich die Gedanken. In dem Tagebuch seiner Mutter hatte er
gelesen, das die Stimme eines Jungen immer bei Vollmond mit ihr Kontakt
aufgenommen hatte. Daraus schloss Marlon, das der Junge von seinen eigenen
Eltern, nämlich Sian und Agathe, in einer
Vollmondnacht hier oben eingemauert worden war.
Jetzt aber war noch kein
Vollmond. Es war noch heiligster Tag und deshalb hatte Sian
den letzten Stein noch nicht in die Mauer eingefügt, hinter der jetzt sein
Bruder Marvin um sein Leben bangte. Marlon holte tief Luft und sagte dann,
während er das Tagebuch seiner Mutter aus seinem Hosenbund zog: „Weil es hier
drin geschrieben steht!“
Entsetzt wichen die beiden
Geister bis zu der Mauer zurück als sie das Tagebuch erblickten.
Marlon wurde jetzt mutiger und
machte einen weiteren Schritt auf die Mauer zu und Agathe heulte zornig auf:
„Das wirst du nicht wagen...!“
„Was werde ich nicht wagen?“
fragte Marlon und ging einen weiteren Schritt auf die Mauer zu.
Gleichzeitig hörte er eine helle
Jungenstimme an seinem Ohr die flüsterte: „Du wirst unsere Selen und deinen
Bruder befreien können, wenn du das Tagebuch in die Mauer steckst...“
Marlon glaubte, das die
Jungenstimme von einem der Opfer stammen musste, die das Mörderische Geisterduo
seit hunderten von Jahren bei lebendigem Leibe hier eingemauert hatten. Wie
viele mochten es wohl gewesen sein?
Er schob diese Gedanken beiseite
und ging mutig weiter, immer weiter auf die Mauerlücke zu, hinter der er jetzt
die ängstlichen Augen seines Bruders erkennen konnte.
Doch Sian
stellte sich jetzt genau vor das Loch und fauchte boshaft: „An mir kommst du
nicht vorbei!“
Marlon hatte jetzt überhaupt
keine Angst mehr und flüsterte zu Lisa, die sich immer noch mit geschlossenen
Augen an ihn klammerte: „Du musst mich jetzt los lassen, bitte Lisa. Ich
schaffe es sonst nicht!“
Lisa gehorchte und dann sagte
Marlon zu der Sian Mumie: „Ich möchte ja auch gar
nicht an dir Vorbei du Scheusal!“ Während er dies sagte, spannte Marlon seine
Muskeln an und hechtete dann mit den Buch voran direkt auf Sian
zu und schrie dabei: „Ich werde durch dir hindurch gehen!“
Als Marlon mit seinen Händen in Sian eintauchte, spürte er eine eisige Kälte, doch
ignorierte er sie. Tastend suchte er nach dem Loch in der Mauer und fand es
auch gleich. Rasch drückte er das Tagebuch hinein und dann explodierte die Welt
um ihn herum in einem gleisenden hellen und warmen Licht. Dann verlor er das
Bewusstsein...
„...Marlon? Komm schon, wach
auf!“
Etwas klatschte kräftig gegen
seine Wange und verwirrt öffnete Marlon seine Augen. Über ihn sah er das
besorgte Gesicht von Marvin, der jetzt erleichtert sagte: „Man hast du mir eine
Angst eingejagt!“
Marlon richtete sich auf und sah
sich verwirrt um. Um ihn herum standen verfallene Mauerreste und Lisa rief: „Du
hast etwas gefunden und dann bist du einfach umgefallen!“
Marlon merkte erst jetzt, das er
krampfhaft etwas in seinen Händen hielt und als er erkannte, was es war, lief
ihm ein kalter schauer über den Rücken. Er klappte das Buch auf und las dann:
< Tagebuch von Maria Berlinz > Rasch schlug er
das Buch wieder zu und flüsterte fragend: „Was machen wir hier, ich meine warum
sind wir hier in dieser Ruine?“
Merlin schaute besorgt auf seinem
kreidebleichen Bruder und sagte dann ernst: „Ich glaube du hast einen
Sonnenstich. Wir hatten eine Autopanne, weißt du das nicht mehr? Genau hier vor
dieser Ruine. - Mama sagte, das sie als Kind einmal hier...“
„Ich weiß!“ unterbrach ihn
Marlon.
In diesen Augenblick ertönte eine
laute Auto Hupe und die Stimme ihrer Mutter rief: „Na kommt schon Kinder, ich
glaube ich habe dem Motor von unserem alten Golf wieder zum Laufen gebracht!“
Lisa rannte los und Merlin half
seinen Bruder auf die Beine. Gerade wollte er etwas sagen, als sich das Buch in
seinen Händen in Staub auflöste, der dann von einem kühlen Luftzug getragen,
sich in die Mauerreste der Ruine verteilte.
Mit dem Staub des Buches,
verblassten auch schnell die unguten Erinnerungen in Marlons
Kopf.
So auch die Erinnerung an einer
geheimnisvollen, blauen Tür...
...und das war auch gut so!
Ende...
© by Marc Dean und Moritz W. Haus 2009
Alle
Bilder der Geschichte “Die Blaue Tür”
sind © by Moritz W. Haus 2009
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