Kinder
des Krieges
von Janna Bareis, 13 Jahre
Leandro rennt. Immer weiter und weiter mit nur einem
Ziel vor Augen: Weg!
Weg von den Soldaten die links und rechts neben der Straße stehen.
Weg von dem Blut das er lange schon nicht mehr so bewusst wahrnimmt als bei den
ersten Anschlägen. Schließlich weg von der Angst.
Doch die Angst lässt sich nicht so leicht abschütteln. Wie ein Schatten bleibt
sie haften und man kann nicht viel dagegen tun.
Der Atem von dem Jungen geht schnell und unregelmäßig, er zittert am ganzen
Körper, seine Füße sind wundgescheuert und er würde jetzt am liebsten eine
Pause einlegen.
Doch Leandro muss immer wieder flüchtenden Menschen ausweichen. Frauen mit
kleinen Kindern auf ihren Armen, Jungen und Mädchen so alt wie Leandro selber,
nämlich dreizehn Jahre alt, und alten Leuten die mühsam von ihren Kindern oder
Enkeln gestützt werden.
Im Vorbeilaufen sieht er, wie neue Soldaten mit großen starken Fahrzeugen in
die Stadt streben. Krampfhaft drückt er einen harten Laib Brot an sich.
Diesen hat er einem Händler gestohlen um ihn seiner Schwester Narite mitzubringen. In vollem Tempo biegt er in eine
schmale, mit Müll zugedeckte, Seitenstraße die in einen kleinen verlassenen Hinterhof
führt. In dem Haus das an den Hof grenzt sind die beiden Geschwister zu Hause.
Leandro klemmt das Brot unter seinen Arm, führt Zeige- und Mittelfinger an den
Mund und lässt einen leisen aber dennoch gut zu hörenden Pfiff ertönen.
Nur kurze Zeit später bekommt er eine Antwort. Ein Mädchen, vielleicht sechs
oder sieben Jahre alt, streckt ihren braunen verfilzten Lockenkopf aus einem
brüchigen, schiefen Türrahmen. "Es sind neue Soldaten gekommen, nicht
wahr?", sagt Narite mit sonderbarer erwachsener
Stimme die gar nicht zu ihrem kindlichen Aussehen passen möchte. Leandro sagt
nichts, sondern nickt nur bekümmert mit dem Kopf.
Er weiß, dass er und seine Schwester in dieser Stadt eigentlich nichts mehr
verloren haben. Der Krieg, ja er bricht bald aus. Leandro kommen diese Gedanken
lächerlich vor, denn eigentlich sind sie schon mittendrin. Doch nun legt sich
der dunkle Schleier des Todes unaufhaltsam immer weiter über die Stadt und das
Land.
Narites und Leandros Eltern
fielen der Gewalt schon bei einem Anschlag auf einen Linienbus zum Opfer.
Seitdem muss Leandro für seine kleine Schwester sorgen. In einem Alter in dem
man eigentlich nur spielt, lacht und Träume hat.
An Krieg denkt man nicht so oft. Er ist so fern, soweit von einem weg. Die
Geschwister hörten davon bisslang auch nur aus fernen
Ländern. Nun kämpfen sie gegen den Strom der Gewalt, werden jedoch immer wieder
wie eine Nussschale unter das Wasser gezogen.
"Kinder haben nichts zu sagen!", heißt es oft in der Politik.
Vielleicht hätte dieser Krieg jedoch von den Kindern verhindert werden können.
Die Erwachsenen sagen doch immer: Kinder sind unsere Zukunft.
Vielleicht sollten sie die jüngere Generation öfter mitreden lassen.
Es wäre bestimmt nicht schlecht, wenn die großen Politiker dieser Welt mal um
Essen betteln müssten oder es erlebten, wenn sie auf der Straße ohne Eltern
aufwachsen würden.
Narite tappt vorsichtig zu ihrem Bruder Leandro. Auf
dem Hof, ihrem Zuhause, liegen überall Glassplitter von zerborstenen Fenstern.
Der Junge fährt seiner Schwester liebevoll und zärtlich durch ihre kleinen
Locken.
In seinen Augen spiegeln sich Verzweiflung, Angst und Wut. Ihn beschleicht ein
Gefühl das er manchmal in stillen Nächten spürte, es jedoch immer wieder
verdrängte. Hass. Warum muss Narite in so jungen Jahren
schon Elend und Armut erleben? Das ist nicht gerecht. Leandro merkt wie Tränen
in ihm hochsteigen, aber er bleibt stark und will keine Schwäche vor seiner
Schwester zeigen.
Narite greift nach dem Brot und möchte es
durchbrechen doch Leandro gibt ihr mit matten Handzeichen zu verstehen, dass
sie erst einmal in das alte Haus gehen soll.
Es ist ein graues, aus Beton geschaffenes, Mehrfamilienhaus dessen Mauern
unzählige Risse auf weißt.
An der Nordseite ist das Dach schon an einigen Stellen eingefallen, sodass man
die Bloßen Stützbalken sehen kann. In einem Raum des Hauses haben sich die
beiden Kinder Decken und eine staubige Matratze zurechtgelegt. In einem anderen
steht sogar ein alter Eisenofen, der in all zu kalten Nächten angenehme Wärme
verbreitet. An der feuchten Wand sind Lebensmittel und Trinkwasserreserven
gestapelt. Wenn die ersten Bomben fallen und es draußen zu gefährlich ist,
würden Narite und Leandro die Vorräte schon noch
brauchen.
Das kleine Mädchen mit den traurigen Augen kann sich noch gut an die letzte
Nacht erinnern. Sie hatte sich ängstlich an ihren starken Bruder gedrängt und
vereinzelte Schüssen gehört. In solchen Momenten lauscht Narite
gespannt die Geschichten die Leandro ihr erzählt. Sie träumt sich in eine
andere Welt mit Tieren, Feen, Elfen und einem richtigen zu Hause. In letzter
Zeit plagen Narite wieder diese furchtbaren Albträume
vom Tod ihrer Eltern. Als der Bus explodierte war sie dabei und ist nur knapp
dem Tode entronnen, der im Krankenhaus schon seine Klauen nach ihr ausstreckte.
In ein Heim sollte das Mädchen kommen, als festgestellt wurde, dass beide
Elternteile ihren Verletzungen erlagen. Leandro konnte seine Schwester aber vor
diesem Schicksal bewahren. Er sorgt gut für Narite,
gibt ihr genug zu essen und tröstet sie, wenn sie nach ihren Eltern ruft.
Leandro setzt sich auf die Matratze und er spürt die einzelnen Metallfedern aus
ihr herausragen. Narite steht aufrecht vor ihrem
Bruder und schaut ihn aus großen traurigen Augen an. "Ich habe Angst vor
den Männern in den Uniformen, wenn sie mit ihren schweren Stiefeln und langen
Gewehren durch die Straßen marschieren!", murmelt das kleine Mädchen mit
erstickter Stimme.
Leandro versucht sie zu beruhigen indem er sagt:
"Keine Angst kleine Schwester. Hier finden sie uns nicht!"
Er deutet seiner Schwester sich neben ihn zu setzten doch Narite
bleibt vor ihm stehen. Leandro denkt bei sich das es nicht stimmt. Sie sind
nicht sicher in ihrem Versteck. Die beiden Kinder werden es schon bald merken.
Schließlich sind sie Kinder des Krieges.
© by Janna Bareis
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