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Zur gleichen Zeit saßen sich Dennis und Dirk auf der Gästematratze im Schneidersitz gegenüber. Ihre Gesichter waren sehr ernst, galt es doch eine wichtige Entscheidung zu treffen. Zwischen den beiden Jungen lag der geheimnisvolle Lederbeutel in dem sich irgendetwas Rundes befinden musste. Soviel hatten sie durch das abtasten der feinen Lederhaut bereits herausbekommen. Der Inhalt entsprach in Form und Größe der einer Pampelmuse, war aber im Gegensatz zu der Frucht recht hart. Daraus schlossen sie, das es sich nur um eine Kugel handeln musste. Aber was für eine?

Dennis hatte seine Augen leicht geschlossen und grübelte über das nach was Gerlack ihnen gesagt hatte. Dann sagte er leise: „Wir sollten lieber noch warten mit dem öffnen. Irgendetwas in mir sagt, das dies hier weder die richtige Zeit, noch der dafür bestimmte Ort ist, an dem wir das Ding dort drinnen heraus holen sollten.“ Dabei zeigte er auf den Beutel.

Dirk nickte zustimmend und fragte dann: „Aber wie geht es jetzt weiter?“

„Warte einen Moment.“ entgegnete Dennis und stand auf. Er ging zu seinem Schreibtisch hinüber und hantierte an der untern von vier Schubladen herum, die sich alle auf der linken Seite befanden.

Dirk sah ihm interessiert dabei zu.

„Verdammt, das dumme Ding klemmt schon wieder!“ ereiferte sich Dennis und zog nun erneut, diesmal mit aller Gewalt an dem Runden Schubladengriff. Doch die Schublade weigerte sich beharrlich heraus zu gleiten.

„Sag mal, was soll dass eigentlich werden, was du da treibst! Ist das etwa eine neue Sportart? So etwas wie Schubladen reißen oder was?“ Amüsierte sich Dirk.

„Nein verdammt!“ fluchte Dennis vor sich hin und setzte dann, in der Hocke sitzend, sein ganzes Körpergewicht für einen weiteren Versuch ein.

Der Erfolg war durchschlagend. Die Lade gab ruckartig ihren gemeinen Wiederstand auf und rauschte aus ihren Gleitschienen heraus, so das Dennis das Gleichgewicht verlor und rücklings auf seinen Hosenboden krachte.

Dirk brach angesichts dieser Vorstellung in schallendes Gelächter aus. Prustend vor Lachen sagte er: „Das wolltest du doch nicht wirklich oder?“

Etwas verstimmt im Ton, aber leicht grinsend sagte Dennis: „Doch, die Schublade sollte ganz heraus, wenn auch nicht in diesem Tempo!“

„Na schön, aber warum?“

Dennis rappelte sich auf und griff dann in die Lücke hinein, die nun im unteren Teil des Schreibtisches klaffte. Nach kurzer suche fand er wo nach er suchte und zog es dann heraus.

„Na was sagst du!“ rief Dennis freudig und hielt dann seinem verdutzten Freund ihr Rätselbuch unter die Nase. Jenes Buch, das Dennis extra für alles Wichtige angelegt hatte, bevor sie damals zur Höhle aufgebrochen waren. Es hatte sie alle auf ihrer weiteren Reise, angefangen durch die Rückwerts-Welt, über Dämmerwelt bis hin nach ANDERSWO begleitet. Und jetzt hielt es Dennis in seinen Händen, als wäre dieses Buch sein wertvollster Schatz.

Da Dirk ihn nur anstarrte sagte Dennis: „Ich weiß nicht, wann und warum ich es dort versteckt habe aber eben fiel es mir wieder ein. - Ich denke wir werden es brauchen oder was meinst du. Platz für weitere Rätsel hat es jedenfalls noch genug!“

„Na schön.“ sagte Dirk endlich. Dann spitze mal deinen Bleistift und schreibe mal etwas über unseren Holodeck-Ausflug in unser Rätselbuch!“

Holo was?“ wollte Dennis wissen, der nicht ganz verstand.

„Man, Raumschiff Enterprise, na fällt der Groschen? Das was wir erlebt haben war doch nicht wirklich nur ein Traum. Dazu wirkte alles viel zu echt. Und trotzdem war es wiederum nicht wirklich echt!“

„Na was den nun, echt oder unecht. Entscheide dich mal. Also, wenn du mich fragst, finde ich diesen Beutel dort echter als echt! Dabei deutete er auf den immer noch auf der Matratze liegenden Lederbeutel.

„Echt?“ grinste Dirk als es an der Zimmertüre klopfte.

 

Es war Dennis Mutter. „Guten Morgen ihr zwei, das Frühstück ist gleich fertig!“ begrüßte sie die Jungen. Etwas ratlos sah sie dann auf die herausgerissene Schublade und deren Inhalt, der sich über den Zimmerboden verteilt hatte.

„Das bringen wir schon wieder in Ordnung Mama!“ sagte Dennis rasch zu seiner Mutter.

Sie nickte nur und wandte sich zum gehen, als sie sich noch mal herum drehte und sagte: „Ach ja, das habe ich doch glatt vergessen. Unten vor der Haustüre steht ein Mädchen, das zu dir wollte. Ich habe ihr gesagt, das es noch zu früh ist und das du...“

„Wer ist es!“ unterbrach sie Dennis hastig und war dabei aufgeregt aufgesprungen.

„....erst Frühstücken würdest und dann herunter kommst!“ beendete seine Mutter ihren Satz.

Das war etwas, was Dennis an seiner Mutter überhaupt nicht leiden konnte. Es war einfach unmöglich ihr ins Wort zu fallen wenn sie erst einmal angefangen hatte zu sprechen.

„Wer ist es!“ wiederholte Dennis ungeduldig.

„Warte mal, der Stimme nach muss es Lisa aus deiner Klasse gewesen sein. Aber vorgestellt hat sie sich als Kesse!“

„Kesse!“ kreischten Dennis und Dirk fast gleichzeitig und zudem noch so laut, das Dennis Mutter unwillkürlich zusammen zuckte.

„Mensch habe ich einen Hunger, du nicht auch Dirk?“ Dieser nickte eifrig. Dennis drängte sich an seiner verdutzten Mutter vorbei und eilte, gefolgt von Dirk Richtung Küche davon. Am liebsten wären beide sofort das Treppenhaus hinunter gestürzt, um zu hören, was Kesse von ihnen wollte. Doch das hätte Dennis Mutter nie zugelassen. War sie im Hause, verließ ihr Sohn niemals ohne Frühstück das Haus.

 

*

 

Schweigsam warteten Kesse und Till darauf, das Dennis endlich herunter kam. Sie hatten sich auf die flache Stufe des Hauseingangs niedergelassen, als plötzlich eine ältere Frau aus der Haustüre heraus trat. Hinter sich her zog sie ein zweirädriges Handwägelchen, dessen Räder lautstark quietschten.

Sie blieb stehen und schaute missmutig auf die sitzenden herab, die beide höfflich grüßten. Doch die Frau grüßte nicht zurück, sondern keifte: „Was lungert ihr hier vor dem Haus herum, los macht schon das ihr weiter kommt! Und Mädchen, wie sehen deine Haare überhaupt aus. Hast du denn keinen Kamm? Waschen könntest du sie dir auch mal wieder!“

Es gab Dinge, die Kesse einfach nicht vertrug. Zwar wusste das Mädchen, das sie nicht grade zu denen gehörte, die immer höfflich anderen Menschen gegenüber war, doch gerade hatte sie der älteren Frau  einen guten Morgen gewünscht. Und jetzt bekam sie diese Antwort als Dank dafür. Aber was sie richtig wütend machte war die Bemerkung über ihre Haare. Gewöhnlich waren diese Ordentlich zu Zöpfen geflochten, doch heute Morgen, bedingt durch ihren hastigen Aufbruch, war dafür natürlich keine Zeit mehr gewesen.

Erbost sprang sie deshalb auf und fauchte zornig: „Erstens, lungern wir nicht hier herum, sondern warten auf einen Freund und zweitens können sie doch mit ihrer hässlichen Frisur Eier abschrecken!“

Die Frau schnappte nach Luft, konnte aber nicht Antworten, da in diesem Moment Dennis, gefolgt von Dirk aus der Haustür heraus gestürmt kam. Fast hätte er Frau Dörnig über den Haufen gerannt. „Hallo Frau Dörnig!“ grüßte er freundlich doch diese fand grade ihre Sprache wieder und zeterte los: „Du Bengel, das hat noch ein Nachspiel. Deinen Eltern werde ich es erzählen!“

„Was denn?“ fragte Dennis verdutzt, der nicht wissen konnte, was sich gerade vor seiner Haustür abgespielt hatte. Aber er bekam keine Antwort mehr, denn Frau Dörnig zog nun laut schimpfend von dannen. Endlich verschwand sie hinter der Hausecke.

 

Schweigend sahen sich die vier eine Weile an, bevor Dirk endlich die Stille unterbrach. „Wenn wir hier noch weiter rum stehen und uns angaffen, werden wir hier noch Wurzeln schlagen!“

„Sicher nicht!“ sagte Kesse lächelnd, die sich freute Dirk bei Dennis vorzufinden. Das erleichterte einiges. Ihr Blick wanderte nun zu Dennis hinüber, der sie mit offenem Mund nur anstarrte. Diesen Blick von ihm kannte sie schon und wieder musste sie grinsen. Dann fragte sie ihn: „Ist in deinem Rucksack das, was ich vermute?“ Dabei wies sie auf das etwas ramponierte Gepäckstück, das Dennis über seiner rechten Schulter hängen hatte. Dieses hatte er auch bei ihrer ersten Reise nach ANDERSWO dabei gehabt und den entsprechend sah er nun aus.

„Klar doch. Mein Ball ist dort drin, unser altes Rätselbuch und noch etwas sehr merkwürdiges!“

„Was ist es?“ erkundigte sich Till neugierig doch Dennis schüttelte den Kopf. „Nicht hier. Lasst uns ein ruhiges Plätzchen suchen. Dort können wir dann alles in Ruhe besprechen!“

„Können wir nicht hoch in dein Zimmer?“ wollte Kesse wissen.

„Keine gute Idee. Meine Eltern sind noch da. Nicht das sie ständig in mein Zimmer hinein platzen würden, aber richtige Ruhe hätten wir dort trotzdem nicht.

„Lasst uns einfach in die Felder gehen!“ schlug Dirk vor und da niemand einen besseren Vorschlag machte, marschierten sie einfach los.

„Was ist mit den anderen von uns?“ fragte Kesse, ohne dabei jemanden direkt anzusprechen.

„Nun unsere beiden Jüngsten könnten wir ja nachher abholen und Sara, nun ja, die ist alt genug. Sie wird uns schon finden!“ Sagte Dirk.

Mit den jüngsten hatte er Martin und Niels gemeint, die mit ihren 10 Jahren tatsächlich die jüngsten in ihrer Gemeinschaft waren.

„Und warum sollten wir Sara nicht auch abholen?“ erkundigte sich Kesse in einen etwas leicht angesäuerten Tonfall bei Dirk.

„Alles zu seiner Zeit!“ kam die Antwort nur knapp. Dann zeigte er auf eine große, frisch gemähte Wiese gleich vor ihnen und meinte: „Lasst uns dahin gehen. Da wird uns sicher niemand stören!“

 

Endlich saßen die vier locker im Kreis herum und Dennis fing nun an, von seinem Wüstentraum zu erzählen, in dem ihn Dirk schließlich begleitet hatte. Als er fertig war, öffnete er seinen Rucksack und kramte wortlos seinen Ball, dann ihr Rätselbuch und zum Schluss noch Gerlacks Lederbeutel heraus und legte alles ordentlich vor sich auf die Wiese.

Till und Kesse hatten bis jetzt kein einziges Wort gesprochen und deshalb fragte Dirk sie nun: „Und ihr zwei, wie habt ihr euch an ANDERSWO erinnert?“

Doch bevor einer der beiden darauf Antworten konnte, begann plötzlich Dennis Ball in einen feurigen, intensiven dunkelrotrot zu glühen. Sie alle erkannten sofort, das etwas vor sich ging. Etwas das gerade in diesem Moment ganz in ihrer Nähe passierte.

Jetzt kam Bewegung in den Ball. Er hüpfte einmal kurz auf, sprang über Till hinweg und rollte dann langsam ein Stück in Richtung des Weges über die Wiese.

„Verdammt, warum kann ich ihn noch nicht hören!“ ereiferte sich Dirk, der aufgesprungen war. Auch die anderen sprangen auf und verfolgten nun den Ball, der jetzt etwas schneller wurde.

Dennis rief den anderen zu: „Das erinnert mich irgendwie an Martin. Wisst ihr noch damals, die Sache mit den Dornenranken?“

Alle, außer Till, der erst später zu ihrer Gruppe gestoßen war, wussten es. Jemand war in Gefahr, jemand den sie bestimmt gut kannten.

 

*

 

Martin gähnte herzhaft als er sich Orangensaft aus dem Kühlschrank holte und sich dann ein großes Glas ein schüttete. Dabei lass er die Nachricht von seiner Mutter, die mit einem Magneten an der Kühlschranktür befestigt war. >Hallo mein Schatz, bin einkaufen und dann noch beim Friseur, bis bald, Mama<

Verschlafen schlurfte er ins Wohnzimmer und setzte sich dann auf das Sofa. Seit drei Tagen war er endlich wieder daheim bei seiner Mutter, die lange im Krankenhaus gelegen hatte.

Martin war froh, endlich wieder Zuhause zu sein. Über zwei Monate hatte er bei Tante Berta wohnen müssen, was für den Jungen die reinste Qual gewesen wahr. Endlich gab es keine feuchten Waschlappenküsse und keine übertriebenen Umarmungen mehr. Oft genug war der Junge dadurch in Atemnot geraten, weil seine Dicke Tante mit ihren gigantischen Armen kein Ende mehr finden konnte, wenn sie ihm erst einmal in der Mache hatte. Dabei überschüttete sie ihn noch zusätzlich mit den unmöglichsten Kosenamen, für die Martin mit seinen 10 Jahren wahrlich schon viel zu alt war.

 

Langsam ließ er seinen Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Durch seine lange Abwesenheit wirkte alles etwas befremdlich auf den Jungen und dennoch so vertraut.

Als sein Blick die Wanduhr streifte, fiel ihm seine heutige Verabredung wieder ein. Jetzt war es 9.00 Uhr und sein bester Freund Niels hatte sich für 10.00 Uhr angekündigt. Also war noch genügend Zeit für eine Dusche und ein gutes Frühstück.

Grade überlegte er sich, was er essen wollte, als sich der Fernseher von selbst anstellte. Martin sprang erschrocken auf und verschüttete dabei seinen Orangensaft. „Verdammter Mist!“ fluchte er und sah sich auf dem Sofa nach der Fernbedienung um, da er glaubte sich auf diese gesetzt zu haben. Anders konnte er sich den plötzlich, ziemlich laut eingestellten Flimmerkasten nicht erklären. Aber von der Fernbedienung fehlte zunächst jede Spur.

Aus den Lautsprechen erklang nun ein Tusch mit einem lang gezogenen Trommelwirbel, in dem hinein eine mit Echoeffekten verfremdete Männerstimme ankündigte: „Willkommen bei LASS DIE KATZE AUS DEM SACK!“

Martin hatte sich wieder gesetzt und starrte dann gebannt auf die bunten Buchstaben, die einzeln eingeblendet nochmals den Titel der Sendung bestätigte. Dabei erklang tosender Applaus von einem unsichtbaren Publikum.

Dann ertönte erneut die Männerstimme: „Und hier ist eure Quizmasterin BERTA, der Schrecken aller Kinder!“ Die Kamera schwenkte jetzt von einem nun sichtbaren und rasenden Publikum auf einen riesigen Drehstuhl zu, von dem zunächst nur die Rücklehne zu sehen war. Begleitet durch einen erneuten Tusch drehte sich der Stuhl nun in die Kamera hinein und da saß sie dann, wirklich und wahrhaftig, Martins Tante Berta.

Fassungslos schnappte Martin nach Luft. Wie kam seine Tante dort in das Studio hinein? Und was war das überhaupt für eine Irre Show? Nie hatte er davon gehört.

Jetzt begann seine Tante zusprechen und umso länger sie sprach, desto unruhiger wurde der Junge.

„Hallo, ihr lieben, bösen Kinder! Ihr wisst ja selbst, das es fiel zu viele von euch da draußen gibt und deshalb hat wie immer das Los entschieden. Welches geliebte Haustier wird sich wohl heute der Herausforderung stellen müssen? Oh ich spüre richtig eure Spannung. Ja ich rieche sie regelrecht!“

Martin bekam es jetzt mit der Angst zu tun, als seine Tante sich aus dem Stuhl erhob und schnüffelnd auf die Kamera zulief. Diese machte keine Anstalten zurück zu zoomen und so füllte schließlich Bertas fettes Gesicht den ganzen Bildschirm aus.

„Ich rieche einen bösen Jungen, oh ja! Doch bevor ich euch seine liebsten Tiere vorstellen werde, schauen wir uns doch mal gemeinsam unsere immer hungrige Katze im Sack an!“

Die Kamera zoomte jetzt endlich aus Bertas fleischigen Gesichtszügen hinüber zu einem riesigen Glasbehälter, in dessen innerem sich ein zugeschnürter Sack befand. Deutlich konnte Martin sehen, das sich darin etwas großes wild herum bewegte. Doch nichts war zuhören. Zu seinem entsetzen kreischte Berta jetzt ins Publikum hinein: „Wollen wir mal hören, wie es unserem Liebling dort drinnen so geht?“

 Jaaaaaa!!!“ kam es einstimmig zurück.

Berta, die ihre Körpermaße inzwischen wieder auf ihren Drehstuhl platziert hatte, drückte nun auf einen Knopf, der sich in einer ihrer Stuhllehnen befand.

Was Martin dann zu hören bekam war das widerlichste und gemeinste fauchen, was er jemals in seinem Leben gehört hatte.

„Hört sich doch ganz gut an!“ grölte Berta jetzt worauf sie erneuten heftigen Applaus erntete.

„Doch jetzt zu meinen Tierischen Gästen. Hier ist die Nummer eins: FLORIZWO, eine gar liebliche Ratte von einem wirklich bösen Jungen!“

„Nein!“ krächzte Martin hilflos und entsetzt. Aber Berta war noch nicht fertig. „Und unser zweiter Gast, eine absolute Besonderheit: Die Ratte MARVIN von ANDERSWO, Vorhang auf und Applaus!“

 

ANDERSWO. Dieses Wort hämmerte durch Martins Kopf, erst leise, dann immer lauter, bis er schließlich aufsprang und schrie: „ANDERSWO!“

Die Erinnerungen überkamen ihn so heftig, das es ihm Schwindelig wurde und er dann, einer Marionette gleich, die an plötzlich erschlafften Fäden hing, zurück auf das Sofa plumpste.

Seine Augen hatte er dabei geschlossen, öffnete sie aber rasch, als er die plötzlich eingetretene Stille bemerkte. Das Bild war noch da aber ansonsten war es totenstille. Die Kamera fuhr jetzt langsam auf eine kleine Bühne zu, die sich auf dem großen Glaskasten befand.

Entsetzt sah Martin, das in diesem Glasbehälter zwei spiralförmige Röhren hineinführten, deren oberes Ende jeweils vor zwei Mini-Stühle endete. Auf diesen saßen tatsächlich seine beiden Raten. Mit Grausen erkannte Martin, das die zwei durchsichtigen Röhren als Rutschbahnen dienen sollten, mit nur einen  einzigen Zweck.

„Nein!“ Schrie er laut, „Das darfst du nicht tun Berta, bitte nicht....“

Doch diese begann nun mit ihrem mörderischen Quiz.

„Die erste Frage geht an Kandidat  Nr.1, FLORIZWO: Sage uns doch einmal laut und deutlich deinen Namen, genau 10 Sekunden hast du dafür Zeit!“

Ein Gong ertönte und dann wurden die verbleibenden Sekunden gnadenlos unten links eingeblendet, während die Zuschauer aufstanden und laut mit zählten.

„8, 7, 6....“

Das Bild zeigte jetzt eine Großaufnahme von FLORIZWO und in ihren schwarzen Knopfaugen glaubte Martin die Todesangst erkennen zu können, die seine Rate zweifellos in diesem Moment ertragen musste. Wieder schrie er: „Nein, tut das nicht, ihr seit doch alle krank im Kopf! Meine Ratte kann doch nicht sprechen!“

Tränen der Wut und Hilflosigkeit rannen jetzt bitter über seine Wangen, doch das Publikum kannte keine Gnade und zählte unerbittlich weiter.

„...5, 4, 3....“

Martin schloss nun seine Augen. Er wäre aus dem Zimmer gerannt wenn er nur gekonnt hätte, doch etwas Unsichtbares hielt ihn fest.

„...2...“

„Es ist ein Traum, ja ein Traum!“ plärrte Martin jetzt verzweifelt. Dabei kniff er sich mit aller Kraft in seinen Unterarm, mit dem Erfolg, das er schmerzhaft dabei aufschrie.

„STOP!“ kreischte Berta plötzlich aus den Lautsprechern. Martin riss seine Augen auf und sah an der eingeblendeten Zahl unten links, das der laufende Countdown tatsächlich bei 1 gestoppt hatte. Doch zur Freude gab es keinen Grund, denn Berta sah recht wütend aus, als ihr Gesicht jetzt wieder den ganzen Bildschirm in Anspruch nahm. Dann zischte sie: „Man, was bist du BÖSE Martin! Du versaust mir mit deinem lächerlichen Geheule die ganze Show. Und weißt du was?“

Martin schüttelte unsicher seinen Kopf. Was ging hier nur vor? Konnte ihn Berta tatsächlich sehen und hören?

„Was?“ fragte er zitternd.

„Ich kann es einfach nicht leiden wenn so ein böser Bube wie du einer bist, mir ständig in meine Sendung rein sabbert!“

„Aber was habe ich nur getan, ich bin doch nur Martin und....“

„Was du getan hast?“ kreischte Berta jetzt in einem unbändigen Hass. Sie wandte sich jetzt an ihr Studio Publikum und keifte boshaft: „Nun hört euch diesen Bösewicht an! Da fragt doch dieses Menschenkind tatsächlich was es getan hat!“ Sie machte eine künstliche Pause und fuhr dann fort: „Nun, dann werde ich deiner Erinnerung mal etwas auf die Sprünge helfen. Du und deine widerlichen Freunde wart auf ANDERSO und habt mir dort kräftig in meine Suppe gespuckt! Ihr habt mir mein Spielzeug kaputt gemacht und das schreit in mir geradezu nach RACHE!“

Eiskalt lief es Martin den Rücken herunter als er erkannte, das er es hier ganz offensichtlich mit jener unheimlichen Macht zu tun hatte, die NEKLASS in einen zerstörerischen Steinritter verwandelt hatte.

„Wer bist du wirklich!“ heulte Martin ängstlich auf. Und nicht zum ersten mal in den letzten Minuten wünschte er sich seine Freunde herbei. Wünschte sich das „AUGE DER WAHRHEIT“ in seine Hände, wohl wissend, das dieses Portalsymbol die Macht besaß, Ängste in Luft aufzulösen. Doch vorerst saß er alleine in der ersten Reihe und folgte einem Programm, das noch lange nicht zu Ende wahr.

 

*

 

Niels schlenderte den mit feinem Schotter bestreuten Weg entlang, nicht wissend, das sich sein bester Freund Martin gerade in höchster Gefahr befand.

Mit ihm war er an diesen Morgen verabredet. Heute wollten sie mal wieder eine, wie sie es nannten,  Pfandflaschen-Safari veranstalten, um so ihr mageres Taschengeld etwas auf zu bessern. Ein lohnendes Geschäft, wie sie inzwischen wussten. An guten Tagen konnten sie bis zu 3 € zusammen sammeln. Schnell hatten beide herausgefunden, an welchen Stellen in ihrer Stadt es immer lohnenswert war regelmäßig vorbei zuschauen. Dazu gehörte der Sportplatz, die Skater Rampe und natürlich alle Spielplätze. Aber auch außerhalb, entlang den Radwegen zwischen den Stadtteilen, fand sich immer reichlich Leergut.

Vor ihm lag jetzt der verlassene Hindenburg-Spielplatz. Ein kurzer Blick auf seine Uhr verriet dem Jungen, das er viel zu früh dran war. Deshalb beschloss er, die nächste halbe Stunde hier zu verweilen.

Er setzte sich auf die große Reifenschaukel und begann sich langsam im Kreise zu drehen.

 

*

 

Die Zuschauer hinter Berta, die nicht wirklich Berta sein konnte, begannen mit einem Pfeifkonzert.

Martin sah, wie Berta wieder zu ihrem Platz ging und dann beschwichtigend ihre fetten Arme hob. Am unteren Bildschirmrand stand unverändert  die Zahl eins, als Berta schrie: „Lasst uns weiter spielen!“

Das Publikum johlte vor Begeisterung während die Kamera jetzt eine Totalaufnahme auf die kleine Bühne machte, auf denen immer noch Martins Ratten auf ihren Stühlen um ihr Leben bangen mussten.

„Nun denn FLORIZWO, eine Chance will ich dir noch geben. Wenn uns dein rattiger Freund Marvin von ANDERSWO sagen kann, wie sein Name ist, kommst du eine Runde weiter. Wenn nicht, wirst du eine kleine Rutschpartie unternehmen müssen!“

Berta lachte boshaft und sah nun selbst wieder direkt in die Kamera hinein, die sie heran zoomte. Als sie wieder den ganzen Bildschirm beherrschte flüsterte sie verschwörerisch: „Martin mein böses Engelchen. Was ich dir jetzt sage bleibt unter uns, verstehst du?“

Gelähmt vor Angst saß Martin auf dem Sofa, unfähig etwas zu Antworten. Er schluckte nur.

„Du kannst deine Lieblinge retten, ja das kannst du. Du möchtest sie doch wieder haben, möchtest bei ihnen sein oder irre ich mich da?“ flüsterte die falsche Berta nun fast so leise, das Martin sie kaum noch verstehen konnte. Dafür hörte Martin jetzt um so deutlicher, das jemand an der Haustüre schellte.

 

*

 

Niels drehte sich langsam im Kreis als er aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung auf sich zu kommen sah. Abrupt stoppte er mit seinen Füßen seine Drehung und sah geplättet auf dem glühenden Ball, der direkt vor ihm auf den sandigen Boden lag. Gleichzeitig hörte er schnelle Schritte auf sich zukommen und dann spuckten die Büsche rechts von ihm drei Jungen und ein Mädchen mit langen blonden Haaren aus.

Bevor die Neuankömmlinge überrascht und fast einstimmig seinen Namen rufen konnten, wusste Niels, das es eine Welt gab, die ANDERSWO hieß und das er schon einmal dort gewesen war.

Leise murmelte er: „ANDERSWO.“

„Bist du in Gefahr?“ schnauften Dirk und Kesse aufgeregt.

Niels sah zu ihnen auf und schüttelte dabei langsam seinen Kopf. „Nein, warum sollte ich.“

„Aber der Ball, er rollte in einen Affenzahn hierher und normalerweise  bedeutet dies, das irgendeine Gefahr droht!“ sagte Dennis, der sichtlich erschöpft war. Sie waren dem Ball durch die halbe Stadt gefolgt und das letzte Stück zum Hindenburg Park war besonders anstrengend für sie alle gewesen, da es durchweg nur bergauf ging.

„Nein.“ wiederholte Niels noch mal, „Bei mir ist alles in Ordnung. Ich wollte zu Martin und...“

Weiter kam er nicht mehr, denn der Ball sprang nun erneut los. Einige Sekunden rührte sich niemand, bis Kesse plötzlich brüllte: „Martin, es ist Martin der in Gefahr ist, seht doch nur!“

Tatsächlich hatte der Ball jetzt den kleinen Holzzaun des Spielplatzes übersprungen und rollte die Straße hinunter, wo nur Fünfzig Meter weiter das Haus stand, in dem Martin mit seiner Mutter wohnte.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, stürmten die Kinder hinter dem Ball her.

 

*

 

Martin wollte aufstehen und öffnen, doch Berta zischte böse: „Wenn du das tust, werden deine Lieblichen Tierchen das Quiz verlieren und über die beiden Rutschen hinter mir in die ewige Rattenhölle rauschen!“

„Nein!“ schrie Martin entsetzt.

Erneut klingelte es.

„Oh doch mein Hasilein, das werden sie wohl müssen, wenn du nicht sofort tust was ich dir sage!“ herrschte die falsche Berta in einen Ton, der keinen Widerspruch duldete. „Steh auf mein Süßer und gib mir deine Hand!“

Bei diesen Worten sah Martin mit Grauen, das jetzt eine Fleischige Hand aus dem Glas des Fernsehers heraus quoll. Diese winkte ihm zu und Berta lockte in einen monotonen Singsang: „Na los, hier ist alles anders, anders als anderswo oder sonst wo und vor allem; hier sind deine Freunde. Sie warten auf dich, wollen das du zu ihnen kommst, sie rettest!“

„Sie rettest!“ wiederholte laut das Publikum aus den Lautsprechern.

„Sie streichelst!“

„Sie streichelst!“ echote das Publikum.

„Reiche mir deine Hand!“ lullte Berta jetzt mit ihrer hypnotischen Singsang stimme und Martin stand jetzt wie in Trance auf und bewegte sich langsam auf den Fernseher zu.

 

*

 

Schweratmend kamen die fünf Freunde hinter dem Ball zum stehen, der über das Gartentor zu Martins Haus gesprungen war und nun, abwartend und immer noch leuchtend vor der Haustüre endlich angehalten hatte.

Niels drängelte sich an den anderen vorbei und drückte energisch auf den Klingelknopf. Abwartend standen die fünf Freunde da und lauschten, doch im Inneren des Hauses schien sich nichts zu rühren. Niels betätigte nun erneut den Klingelknopf an Martins Haustür, während der Rest der Gruppe immer unruhiger wurde.

Plötzlich ertönte aus dem Inneren des Hauses ein lang gezogener Schrei. Entsetzt schrie Niels: „Das war Martin verdammt, wir müssen da rein!“

Till setzte sich als erster in Bewegung und rannte nun um das Haus herum in den Garten. Die anderen folgten ihm gehetzt und sahen dann die offene Terrassentüre, die ins Wohnzimmer führte. Doch bevor sie Till erreichen konnte, fiel sie krachend ins Schloss und verriegelte sich, wie von Geisterhand von selbst.

Gebannt pressten sie nun ihre Gesichter an das Fensterglas und sahen, wie Martin sich langsam auf einen fetten Arm zu bewegte, der aus dem Fernsehgerät herausragte und ihm, so schien es jedenfalls, ermutigend zuwinkte.

„Was ist den das?“ fragte Till etwas dümmlich, da er das was er sah nicht so recht begreifen konnte.

„Nach Werbung sieht das jedenfalls nicht aus!“ kommentierte Dirk trocken das geschehen.

„Nicht, nein Martin, bleib stehen!“ schrie Niels entsetzt und hämmerte an die Glastür. Doch dieser reagierte überhaupt nicht. Lächelnd schlurfte er weiter auf die eklige Hand zu.

 

*

 

„So ist es gut Martin.“ hauchte die Falsche Berta aus dem Fernsehgerät. „Weiter, komm gleich hast du es geschafft!“

„Hast es geschafft!“ wiederholte das Publikum flüsternd im Chor.

Martin lächelte verzückt und hatte die Hälfte der fast fünf Meter, die zwischen dem Sofa und Bertas lockender Hand lag, schlurfend hinter sich gebracht.

Das plötzliche zufallen der Terrassentüre und  das wilde klopfen seiner Freunde an deren Scheibe bekam er kaum noch mit. Dies waren nur unbedeutende, weit entfernte Geräusche, die er nicht mehr einordnen konnte.

„Du wirst deine Ratten retten.“ raunte Bertas Stimme verschwörerisch.

„Ich werde sie retten.“ antwortete Martin mechanisch wie ein Roboter.

 

Plötzlich huschte ein kleiner, rotbrauner Schatten über das Sofa und von dort aus auf den Tisch. Mit einem mächtigen Sprung sprang er dann weiter auf Martins rechte Schulter. Ein weiterer, schwarzer Schatten folgte dem ersten, doch blieb dieser dann abwartend auf dem Wohnzimmertisch sitzen.

Das klopfen von draußen verstummte schlagartig und Bertas Hand begann etwas zu flackern. Martin selbst bekam auch hiervon nichts mit und erst als eine feine zarte, fast piepsige Stimme direkt neben seinem Ohr zu sprechen begann, kam er schlagartig zu sich.

Es war tatsächlich jene Ratte, die Martin damals mit seinen Freunden in ANDERSWO auf dem „Turm des Wissens“ in einem versteinerten zustand aufgefunden hatte. Mit Hilfe des blauen Kristalls war es ihnen gelungen, diesen Zauber zu brechen. Das die Ratte, die er später Marvin genannt hatte, sprechen konnte wusste er nicht. Doch sie tat es. Hier und jetzt, auf Martins Schulter sitzend sagte sie: „So höre Berta, hier ist meine Antwort! Ich bin Samusch von ANDERSWO!“

Kaum waren diese Worte gefallen, zog sich der Monströse Arm von Berta blitzend und zischend in den Fernseher zurück. Dabei kreischte das unbekannte Wesen, das sich sicher nur Bertas aussehen zugelegt  haben mochte, weil es wusste, das Martin seine Tante nicht leiden konnte: „Du widerliche Ratte! Das wirst du mir büßen müssen! Ihr alle werdet meiner Rache nicht entkommen, niemals!“

„....niemals!“ lamentierte das Publikum einstimmig.

„Ich werde mir meinen NEKLASS wieder hohlen, bevor ihr ihn finden könnt. Und dann werde ich ihn vernichten! Oh ja, das werde ich. Spielzeuge, die versagen müssen einfach immer vernichtet werden!“

„....vernichtet werden!“ skandierte das Publikum Hass erfüllt.

Was nun folgte war ein garstiges Gelächter, das sich mit dem der Zuschauer vermischte und sich schließlich in einem Rauschen verabschiedete.

Das Bild auf dem Bildschirm viel in sich zusammen und dann herrschte für einen Augenblick totenstille in dem Wohnzimmer, bevor Martin jetzt laut und deutlich die Stimmen seines Freundes Nils hörte: „Mach uns endlich die Türe auf Martin!“

Dabei unterstrich er seine Forderung, in dem er erneut heftig gegen das Tür glas klopfte.

Endlich reagierte er und öffnete die Terrassentüre. Sofort umringten ihn seine Freunde und  bombardierten ihn mit Fragen, die er aber so nicht beantworten konnte. Martin merkte, wie seine Beine sich langsam in Gummi verwandelten. Gleichzeitig wurde es ihm schwindelig und schwarz vor Augen, bevor er dann langsam in sich zusammen sackte. Das letzte was er noch hören konnte war Kesses Stimme, die schrie: „Fangt ihn auf, ich glaube er wird Ohnmächtig!“

 

Zum Glück dauerte seine Ohnmacht nur wenige Minuten an. Als er wieder zu sich kam, verließen sie gemeinsam das Haus und gingen dann schweigend zu dem Hindenburg-Spielplatz hinüber.

Dort suchten sie sich unter einer mächtigen Eiche  ein schattiges Plätzchen und dann wiederholte Martin seine Erlebnisse, beginnend mit seiner Rückkehr aus ANDERSWO, bis hin zu dieser verrückten TV-Show, von denen die anderen ja nur das Ende mitbekommen hatten.

Als er fertig war, schwiegen alle eine Weile, bevor endlich Dirk die stille unterbrach: „Hab ich das also richtig Verstanden. Du und Niels seid damals  zusammen aus ANDERSWO direkt im  Garten von deiner Tante Berta aufgewacht und dort habt ihr beiden dann die fremde Rate neben Florizwo in der Gürteltasche entdeckt?“

„So ist es!“ antwortete Niels und Martin nickte zustimmend.

„Und dort habt ihr dem Tier dann den Namen „Marvin“ gegeben?“

„Jetzt nickten beide und Niels erklärte: „Damals wussten wir nicht warum, aber jetzt weiß ich es. Das Fell hat die gleiche Rotbraune Farbe, wie Prinz Marvins Haare. Und dann sind da noch diese blauen Augen. So etwas habe ich bei einer Ratte noch gesehen!“

Martin öffnete nun seine neue Gürteltasche, die wesentlich größer war als seine alte die er damals besaß. Zwei Tiere brauchten einfach mehr Platz, wie er fand.

Sofort steckten beide Tiere neugierig ihre Köpfe heraus.

„Seht ihr?“ fragte er dann lächelnd in die Runde hinein.

Alle sahen jetzt, was sie damals in ANDERSWO, bedingt durch die dort herrschende Dunkelheit nicht so recht erkennen konnten. Das Tier hatte tatsächlich hellblau strahlende Augen.

Dirk war noch nicht fertig und deshalb fragte er etwas ungläubig: „Und heute, wohin in deinem Wohnzimmer, da hat sie wirklich zu dir gesprochen?“

„Ihr habt es nicht gehört?“ fragte Martin überrascht.

„Wie sollten wir denn. Bei dem dicken Isolierglas in euern Fenstern haben wir so gut wie nichts gehört, dafür aber reichlich gesehen!“ stellte Kesse fest.

„Sie hat also gesprochen,“ nahm Dirk wieder den Faden auf, „was noch mal genau hat sie gesagt?“

Martin legte seine Stirn in Falten und wiederholte  nun wortgetreu das, was er gehört hatte: „So höre Berta, hier ist meine Antwort! Ich bin Samusch von ANDERSWO!“

„Und vorher? Hast du sie da jemals sprechen hören?“ fragte er weiter.

„Nein.“ musste Martin zugeben.

Dirk beugte sich jetzt langsam vor und streichelte vorsichtig über das rotbraune Fell der Ratte, die sich inzwischen auf Martins Schulter geklettert war.

„Soso, du bist also Samusch von ANDERSWO und kannst unsere Sprache sprechen?“ erkundigte sich Dirk. Dabei sprach er so, als hätte er es mit einem kleinen Baby zu tun, das noch nicht sprechen konnte.

„So ist es! Ich bin Samusch von ANDERSWO und Hüter der tausend Bilder!“ antwortete die Blauäugige Ratte mit einem sehr hellen Stimmchen. Ein leichtes piepsen war dabei nicht zu überhören.

Dirk schnappte überrascht nach Luft, hatte er doch nicht wirklich mit einer Antwort gerechnet. Kesse kicherte albern vor sich hin und Martin sagte leicht verärgert: „Damit wäre das also geklärt, oder Dirk?“

Dieser nickte nur stumm und fragte dann Samusch: „Hüter der was warst du?“

„Der Tausend Bilder. Schon vergessen wo ihr mich gefunden habt?“

Da niemand Samusch darauf antwortete fuhr die Ratte etwas beleidigt fort: „Ich wohnte im „Turm des WISSENS“ und ehrlich gesagt würde ich auch gerne dorthin wieder zurück kehren.“

„Meinst du die vielen Bilder an der Wand des Turmes?“ mischte sich jetzt auch Dennis in das Gespräch ein.

„Genau diese Bilder meinte ich!“ bestätigte Samusch. „Sie erzählen eine lange Geschichte, eine sehr, sehr lange Geschichte. Es ist die Geschichte von ANDERSWO und seinen Schwesterwelten. Ich bin der Hüter dieser Bilder, - wenigstens war ich es. Doch dann kam der Steinige Ritter und verwandelte mich zu einem leblosen Stein. Den Rest kennt ihr ja!“

„Ja klar, dann sind wir gekommen und haben dich von dem Steinzauber erlöst!“ sagte Dennis

„So ist es!“

„Aber warum hast du bis heute nicht ein einziges Wort mit mir gesprochen? Gibt es dafür einen Grund?“ erkundigte sich Martin neugierig bei Samusch.

„Oh ja, den gibt es. Ich weiß, das euch viele Fragen auf der Zunge liegen, doch ist dies hier nicht der richtige Ort, noch die passende Zeit um sie alle zu Beantworten. Deshalb...“

Dennis war aufgesprungen und unterbrach das sprechende Nagetier etwas unsanft: „War das eben „SIE“ in Martins Haus? Wer ist „SIE“ und kennst du einen hässlichen Zwerg, der sich Gerlack nennt und...!“

Weiter kam Dennis nicht mehr, denn mit einem gewaltigen Sprung hob Samusch von Martins Schulter ab und landete Ziel sicher auf Dennis Kopf. Von dort sprang er auf dessen linken Schulter und unterbrach ihn nun seinerseits unsanft: „Ihr werdet Antworten bekommen, aber nicht jetzt. Noch seid ihr nicht komplett Dennis, also habe Geduld!“

Während sich Dennis nun langsam wieder hin setzte stellte Martin fest: „Samusch hat recht. Sara fehlt noch in unserer Mitte. Wir sollten sie schnellstens finden!“

„Oh ja, das solltet ihr. Sie und noch jemand anderen.“  ertönte erneut Samusch`s Stimmchen. Dann sprang er von Dennis herunter, lief zu Martin hinüber und verschwand  in dessen Gürteltasche. Noch einmal steckte Samusch  sein Köpfchen heraus und sagte dann sehr ernst: „Geht jetzt und findet Sara! Findet sie, bevor „SIE“ Sara finden kann!“

„Heißt das, das Sara nicht mehr hier auf unserer Welt oder Zeit ist?“ entfuhr es Till überrascht.

„Findet es heraus!“

Bei diesen letzten Worten kroch Samusch  ganz in die Gürteltasche hinein und deutete damit an, das für ihn das Gespräch beendet war.

„Das werden wir.“ murmelte Martin gedankenverloren und zog dabei langsam den Reißverschluss seiner Gürteltasche zu.

„Dennis erhob sich und sagte dann: „Wenigstens haben wir jetzt einen Anhaltspunkt wie es weiter geht. Wir müssen rauf nach Selnau fahren und schauen, wo Sara sich aufhält! Dazu müssten wir uns erst einmal trennen und unsere Fahrräder holen. Ich würde Vorschlagen, das wir uns dann alle wieder bei mir Zuhause auf den Hof treffen. Von da aus könnten wir dann leicht über die Feldwege hoch nach Selnau fahren. Was meint ihr dazu?“

„Guter Vorschlag Dennis.“ sagte Till und erhob sich nun ebenfalls. „Eine Änderung hätte ich aber doch noch. Wie ihr ja wisst, habe ich ein Moped und könnte damit wesentlich schneller in Selnau sein als ihr. Ihr wisst ja, der steile Berg. Einen Teil der Strecke werdet ihr eure Fahrräder auf jeden Fall schieben müssen, was natürlich Zeit kostet. Wenn sich Sara also tatsächlich in Gefahr befindet, wäre ich als erster bei ihr zuhause und könnte ihr helfen!“

„Wenn sie überhaupt zuhause ist, aber gute Idee Brüderchen!“ meinte Kesse. „Wenn du Sara findest und alles in Ordnung mit ihr ist, kommst du mit ihr zum Selnauer Sportplatz und wenn nicht, treffen wir uns trotzdem dort und sehen dann weiter!“

Alle nickten sich zustimmend zu und dann trennten sich ihre Wege. Jeder einzelne war mit seinen Gedanken in den letzten Ereignissen vertieft, die sie alle in nur so kurzer Zeit wieder zusammen geführt  hatten. Einzig Sara fehlte noch. Konnte sie sich inzwischen wieder an ANDERSWO erinnern? Und wer war der andere, von dem Samusch gesprochen hatte?

Während Till schon nach 10 Minuten mit seinem Moped Richtung Selnau losknatterte, konnte der Rest der Gruppe ihm erst 30 Minuten später folgen. Ohne das es abgesprochen worden war, hatte jeder von ihnen noch schnell  etwas Verpflegung zusammengepackt und in Rucksäcken verstaut. Einzig Dirk schien mal wieder etwas aus der Reihe zu tanzen. Er traf als letzter in Dennis Hinterhof ein. Neben den schon aus ihren ersten Abenteuern her bekannten, überschweren Rucksack, hatte er diesmal  noch einen zweiten auf seinem Gepäckträger geschnürt. Auch dieser war bis zum bersten mit Dingen angefüllt, von denen Dirk glaubte, das diese bei ihren bevorstehenden Abenteuern recht nützlich sein könnten.

Angeführt von Dennis setzte sich die kleine Radkolonne endlich in Bewegung.

 

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© by Moritz W. Haus 2002/2009

 

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