Kapitel 2

TRÄUME

 

Unruhig warf sich Dennis in seinem Bett hin und her. Schweiß ergoss sich aus all seinen Poren und aus seinem Mund drangen unverständliche Worte in einem befremdlichen Singsang...

 

...“Da bist du ja Dennis. Wer hätte gedacht, das wir uns so schnell wiedersehen werden.“

Von weit entfernt drangen diese Worte in sein Bewusstsein ein und obwohl ihm der Schweiß in Strömen über seinen Körper floss, ließ der Klang dieser Stimme ihm einen eisigen Schauer des Ekels über seinen Rücken kriechen. Glaubte er doch, den Verursacher dieser Worte zu kennen. Vorsichtig öffnete der Junge seine grünen Augen und schaute sich irritiert um.

Überall sah er Sand. Goldgelben Sand wohin er auch schaute. Dünenartig weitete sich dieses Szenario bis zum Horizont aus und über allem stand eine flirrend heiße Luft, was erklärte warum er so schwitzte. Unbewusst richtete er sich weiter aus seiner Rückenlage auf und jetzt erkannte er, das er nur mit seiner Schlafanzughose bekleidet war. Auf seinem nackten Oberkörper klebte eine feine Sandschicht. In ihm zuckte nur kurz der Gedanke auf, das er sich inmitten eines Traumes befand. Doch die unbekannte Stimme meldete sich erneut in unmittelbarer Nähe und raubte ihn diese Hoffnung sofort.

„Nein mein Junge, kein Traum. Dies ist Wirklichkeit. Hier und jetzt bist du bei mir und ich habe dich geholt. Ja so ist das!“

Gehetzt blickte sich Dennis um, sah aber niemanden.

„Was ist mit dir, du weißt doch wer ich bin?“

„Du bist dieser Zwerg, dieser ekelhafte...“

Dennis unterbrach sich selbst doch die Fremde Stimme, die ständig ihre Tonlage wechselte beendete seinen Satz.

„....Zwerg. Genau so ist es. Ich muss dir sagen, das ihr Menschlein irgendwie ebenso ekelhaft für mich ausseht. Allein schon diese widerliche glatte Haut die ihr habt, Pfui Teufel!“

Dabei unterstrich der noch immer unsichtbare Zwerg seine letzte Äußerung damit, in dem er kräftig ausspuckte. Zum Glück blieb Dennis dieser Anblick erspart und obwohl in seinen Bewusstsein die Erinnerung an ihrer letzten Zusammenkunft schlagartig zurück gekehrt war, fragte er nur um Zeit zu gewinnen: „Was willst du von mir?“

„Was ich will, weißt du sehr genau. Du musst dein Versprechen einlösen das du mir auf „ANDERSWO“ gegeben hast!“

„ANDERSWO“ Murmelte Dennis mit trockenen Lippen mehr zu sich selbst als zu seinem unsichtbaren Gegenüber. Wie in einen Film sah er noch einmal jenen Traum, den er in dem Haus der Künstler geträumt hatte. Er sah sich, wie er seinen Freunden davon erzählte...

 

*

 

... „Ich war ein Vogel und flog durch einen dunklen finsteren Wald. Doch die Bäume standen immer dichter und so musste ich schließlich landen. Da sah ich direkt vor mir einen frischen Brotkrummen und da ich Hunger verspürte, pickte ich danach um es zu verspeisen. Doch kaum in meinem Schnabel, verwandelte sich das Brot in einen Stein. Ich konnte ihn nicht mehr ausspucken und schluckte ihn herunter. So hüpfte ich etwas weiter und fand wieder einen Brotkrummen. Doch auch dieser wurde zu Stein und so ging es immer weiter, bis plötzlich vor mir unverhofft ein Feuer auf tauchte.

Um dieses Feuer herum sprang das grässlichste Wesen, was ich jemals in meinen Träumen gesehen habe!

Dieser Zwerg sah tatsächlich so aus, wie Niels uns ihn damals beschrieben hat. Ich wollte weg fliegen, doch die Steine in meinem Bauch waren einfach zu schwer um meinen Vogelkörper in die Luft zu bekommen.

Der Zwerg hatte mich ohnehin schon erwartet, denn jetzt sprach er zu mir. Er sagte: „Nun Dennis, ich habe dich bereits erwartet, schön das du etwas Zeit für mich gefunden hast!“

Ich war wie gelähmt, merkte ich doch, das ich jetzt in meinen Traum tatsächlich Dennis war und nicht mehr ein Vogel. Der Zwerg sagte dann: „Ich muss schon sagen, das du wirklich gemeine Freunde hast. Da ist man nett zu ihnen, will mit ihnen verstecken spielen und dann bestehlen sie mich einfach! Du weißt von wem ich hier rede?“

Natürlich wusste ich, das er nur Niels damit meinen konnte und irgendwie hatte ich nur einen Wunsch. Ich wollte weg von diesem Giftzwerg, wollte aufwachen aus diesem Traum, von dem ich wusste, das es nur ein Traum sein konnte. Irgendwie verschwamm dann alles um mich herum, doch der Zwerg holte mich wieder zurück und fauchte mich an: „Ich bin noch nicht ganz fertig mit dir! Es ist eigentlich recht unhöflich zu gehen, ohne sich wenigstens zu verabschieden. Eigentlich wollte ich dir nur helfen und es wäre nett, wenn du dir wenigstens meinen Vorschlag noch anhörst, bevor du und deine Freunde euch sinnlos ins Verderben stürzt! Und das werdet ihr bestimmt ohne meine Hilfe!

Der Zwerg sang dann das Lied, was er damals Niels schon einmal vor gesungen hatte. >Ach wie gut, das niemand weiß, wie der steinige Ritter heißt>

Dann sagte er mir: „Ich weiß, das ihr es noch nicht wisst, aber ich weiß es schon! Ich werde dir seinen Namen verraten, wenn du mir etwas versprichst!“...

 

*

 

Dennis war in sich zusammen gesunken. Angesicht dieser Erinnerungen die so frisch wirkten, als habe er sie erst vor Stunden erlebt. Unsanft holte ihn der Zwerg in die Wirklichkeit zurück, sofern man davon überhaupt sprechen konnte.

„Erinnerst du dich an dein versprechen? Das du mir helfen wirst, wann immer ich dich darum Bitte?“

„Ja aber...“

„Aber was. Hier gibt es kein aber! Versprochen ist versprochen. Du wirst mir helfen! Ob es dir nun passt oder nicht!“ fauchte der unsichtbare Monsterzwerg in unmittelbarer Nähe von Dennis rechtem Ohr. Dabei kroch ihm ein widerlicher Geruch in die Nase, so das der Junge würgen musste.

„Ich habe Durst.“ stammelte Dennis.

„Durst habe ich auch, vor allem aber Durst auf Rache! Ja auf RACHE...“

Das letzte Wort heulte der Zwerg so jämmerlich in die heiße Wüstenwelt hinein, das Dennis beinahe sein Blut in den Adern gefror. Wenn er es gekonnt hätte, hätte er sich jetzt in die Hosen gemacht, so wie es Niels damals passiert war, als dieser seine Erlebnisse in dem Wald von „Christans Ruh“ erlebte. Aber er konnte  es nicht. Er hatte das Gefühl innerlich ausgetrocknet zu sein und jede weitere Sekunde, die er hier in dieser unwirklichen Wüstenwelt verbringen musste, würde ihn unweigerlich einem qualvollen Ende näher bringen.

Unbeholfen krächzte er: „Rache? Warum, bitte gib mir etwas zutrinken...“

„Hier hast du etwas zu trinken! Teile es dir aber gut ein, denn Wasser ist hier in der letzten Zeit zur Mangelware geworden, wenn du verstehst was ich meine.“

Noch während der Zwerg sprach erschien aus dem nichts heraus zu Dennis Füßen eine Art Ledersack, der an seinem spitzen Ende mit einem Korken verschlossen war. Rasch griff er danach und riss gierig den Korken herunter, der sich mit einem lauten plop in den heißen Wüstensand verabschiedete. Hastig sog er das kühle nass in seine ausgedörrte Kehle und spürte sofort Erleichterung in sich aufsteigen. Er würde nicht hier verdursten, schon deshalb nicht, weil dieser Zwerg, dessen Namen er noch nicht kannte ihn brauchte. Ihn brauchte für seine Rache, gegen wem auch immer. Nachdem er sich etwas besser fühlte fragte er sein unsichtbares Gegenüber: „Kannst du mir nicht verraten, wie dein Name ist? Und vor allem, an wem möchtest du dich Rächen und warum? Hat das alles etwas mit „ANDERSWO“ zu tun, ich meine...“

Der Zwerg stoppte seine Fragen in dem er sagte: „Halt, nicht so hastig! Alles zu seiner Zeit. Erst will ich dein Wort, dein versprechen das du mir helfen wirst!“

„Habe ich den eine andere Wahl?“

„Eigentlich nicht, es sei denn, du möchtest nicht älter als 12 Jahre alt werden und mit der Gewissheit sterben, das alles, so wie du es kanntest für immer und ewig vernichtet wird. Verstehst du, einfach alles! Deine Welt, so wie du sie kennst, wird aufhören zu existieren. Deine Freunde, Dirk, Kesse und wie sie alle heißen, alles wird ausgelöscht. Verstehst du das mein kleines Menschenkind?“

Dennis zuckte nur hilflos mit seinen Schultern, fühlte er sich doch irgendwie tatsächlich klein, ja mehr als nur klein, verlassen von jeder Menschenseele und der Gnade eines fremden Wesens ausgeliefert, was sich ihm aus welchen Gründen auch immer nicht zeigen wollte. Und obwohl er froh darüber war, den Anblick des hässlichen Zwerges nicht ertragen zu müssen siegte seine Neugier und deshalb fragte er in die Richtung, in dem er grade den unsichtbaren Zwerg vermutete: „Gibt es einen Grund, warum ich dich nicht sehen darf und weshalb verrätst du mir nicht endlich deinen Namen?“

Die Antwort kam nur zögerlich, ja fast vorsichtig wie es schien.

Also, nun ja, ich meine ja. Ja es gibt einen Grund, doch dazu später mehr. Und was meinen Namen angeht, so kannst du mich Gerlack nennen. Das ist ein Name so gut wie jeder andere. Ist das so OK für dich du glatthäutiger Dennis, du?“

Dennis schnappte rasselnd nach Luft, glaubte er doch in den letzten Worten von Gerlack etwas böses heraus zu hören.

„Steh auf Dennis und sieh dich um!“

Nur wiederwillig folgte Dennis Gerlacks Anweisung und kam wankend auf seinen wackeligen Beinen zum stehen. Dabei wurde ihm erst jetzt das monotone Geräusch bewusst, was gleichzeitig von überall her zukommen schien.

„Das was du hier siehst ist meine Heimat. Ich meine sie war es. Doch jetzt sie ist es nicht mehr. Alles was du jetzt siehst scheint eine unendliche Sandwüste sein. Doch kannst du dir Vorstellen, das dies hier einmal eine feuchte, sumpfige Landschaft mit unendlichen Wäldern und Seen war? Sag Dennis, kannst du es dir Vorstellen?“

Dennis konnte es nicht. Das einzige was er sicher zu glauben wusste, war die Tatsache, dass dieses glibberige Zwergen Monster tatsächlich nicht in einer trockenen Wüste leben konnte wie er sie hier vor fand. Weil ihn durch die Hitze Schwindelig wurde, ließ sich der Junge langsam wieder auf seinen Knien herunter und schüttelte langsam den Kopf. „Nein Gerlack, ich kann es mir nicht vorstellen. Was ist hier nur passiert und was ist das für ein merkwürdiges Geräusch?“ fragte er dann verunsichert.

Hier ist nicht nur etwas passiert. Nein es passiert immer noch und nicht nur hier. Auch in „ANDERSWO“ , „SONSTWO“ und „NIERGENDWO“ passiert es. Überall wird es passieren!“ Dennis hatte den verhassten Unterton in Gerlacks Stimme nicht überhört. Er fragte sich, was  er mit all dem zu tun haben mochte. Wobei sollte er Gerlack nur helfen. War es nicht schon alles zu spät und wo waren seine Artgenossen. Waren sie schon alle tot? Vertrocknet und für immer begraben unter den heißen Sandmassen. Diese und andere Fragen durchzogen seinen Kopf wie eine aufziehende Gewitterfront. Die Erinnerungen an „ANDERSWO“ zuckten wie Blitze durch seine Gedankenwelt und bevor er sein Bewusstsein endgültig verlieren konnte, hämmerte ein einzelner Gedanke wie explodierender Popkornmais durch seinen Kopf: „Wo ist die Sonne? Wenn es so heiß ist..., wo ist die Sonne...wo ist sie GERLACK!“

 

*

 

Dirk schlief tief und fest, doch als Dennis zu schreien begann saß er augenblicklich kerzengrade auf seiner Gästematratze, auf der er immer schlief wenn er bei seinem Freund übernachtete. Gleich mehrere Wahrnehmungen ließen in für einen kurzen Moment seine Atmung vergessen.

Er hörte Dennis Geschreie nach einer Sonne;  Er sah in dem dunklen Raum das dunkel rote Leuchten von Dennis Ball, der unter dessen Bett lag und zudem wusste er sofort, das es wieder Angefangen haben musste. Wusste alles was er vergessen hatte, wusste das Dennis Hilfe brauchte.

Endlich schnappte er nach Luft und sprang auf, sprang zu Dennis Bett hinüber und hatte nur eine Sekunde später den Schalter von der kleinen Leselampe am Nachtschränkchen gedrückt. Obwohl nur eine schwache Birne das dunkle Zimmer erleuchtete war Dirk kurz geblendet und dann sah er Dennis. Zwar schrie er nicht mehr, doch schnaufte er heftig ein und aus und zuckte unkontrolliert mit seinen Gliedmaßen herum. Die Decke hatte er Vollendens vom Bett herunter gestrampelt und sein Kopfkissen lag am Fußende. Beherzt packte Dirk seinen Freund an dessen Schultern und rief ängstlicher Stimme: „Dennis, Dennis mach schon, wach auf, bitte!“

Noch während er Dennis an seinen Schultern rüttelte, bemerkte Dirk die unnatürliche Körperwärme die von ihm ausging. Er dachte daran, das er möglicherweise nur einen Fiberanfall haben mochte doch da spürte er noch etwas. Etwas was ganz und gar nicht zu hohen Fiber passen mochte. Er hatte Dennis losgelassen und sah verdutzt auf seine Handflächen. Deutlich konnte er den feinen, goldgelben Sand sehen, der nun bedingt durch Dennis Schweiß daran klebte. Jetzt blickte er wieder auf seinen Freund und erkannte nun, das dessen ganzer Oberkörper mit einer feinen Sandschicht bedeckt war.

In diesen Augenblick öffnete Dennis seine grünen Augen und sah ihn dankbar an. Leise und mit trockener Stimme flüsterte er: „ANDERSWO, erinnerst du dich wieder?“ Dirk nickte nur stumm.

Dann fragte er besorgt: „Wo warst du, geht es dir gut?“

„Ich habe Durst, großen Durst. Holst du mir etwas zu trinken bitte?“

Wieder nickte Dirk und schlich sich dann leise in die Küche. Er angelte sich eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank und verharrte auf dem Rückweg kurz vor dem Schlafzimmer von Dennis Eltern. Alles war ruhig und so kehrte er leise ins Kinderzimmer zurück. Dennis trank gierig fast die halbe Flasche leer und erzählte dann seinem Freund, was er erlebt hatte.

Fasziniert lauschte Dirk seinen Schilderungen ohne ihn zu unterbrechen und fragte dann: „Aber wobei sollst du ihn, wie hieß der Zwerg noch gleich, helfen?“

Gerlack heißt er und ehrlich gesagt, ich will es gar nicht erst wissen. Er wollte es mir sicher grade sagen, doch dann kehrte ich unverhofft hierher zurück!“

„Oh man, weißt du was das bedeutet?“

Dennis schüttelte unsicher seinen Kopf, an dem wirr seine immer noch nass geschwitzten braunen Haar klebten. Auch daran hing einiges von dem Sand dieser unbekannten Wüstenei, in der Dennis sich während seines Traumes aufgehalten haben musste.

„Das bedeutet, das er noch nicht fertig war mit dir, das er dich wieder holen wird und...“

„Das reicht Dirk, ich will dort nicht mehr hin, niemals!“

Angesichts dieser Vorstellung riss Dennis seine Augen Entsetzt auf und begann leicht zu zittern. Eine zeit lang sprach niemand ein Wort, bis Dirk endlich energisch sagte: „Du musst da ja auch nicht alleine hin. Ich werde dich begleiten!“

Dennis, der grade aus der Flasche trank, verschluckte sich heftig und spuckte nach Luft ringend ein Teil des Mineralwassers auf sein ohnehin schon mit Schweiß durchnässtes Bettlaken.

„Was sagtest du grade?“

„Ich komme mit dir!“ wiederholte Dirk ernst und stand auf. Dann fing er an sich in Dennis Zimmer umzuschauen. Endlich hatte er gefunden was er suchte und hielt es dann seinem Freund unter die Nase. Skeptisch blickte dieser auf das fast 3 Meter langes Seil in Dirks Händen. „Das wird unsere Nabelschnur, na ja, sagen wir mal Armschnur. Na los, reich mir mal deinen rechten Arm!“

Weil Dennis einfach nicht wusste, was er darauf sagen sollte, hielt er seinen Arm ausgestreckt und sah zu, wie Dirk das eine Ende des Seils kunstvoll um sein Handgelenk verknotete.

„Jetzt du!“ sagte Dirk und hielt nun seinerseits seinen linken Arm ausgestreckt seinem Freund entgegen.

Dennis glaubte zwar nicht so recht, das dies funktionieren würde aber er klammerte sich an diese kleine Hoffnung und verknotete deshalb das andere Ende an Dirks Armgelenk.

„Und was jetzt?“ wollte Dennis wissen.

„Na was schon, Licht aus und einfach schlafen. Der Traumzug wird uns schon erwischen und danach werden wir schlauer sein!“

„Was macht dich da nur so sicher?“

Dirk, der sich bereits auf seine Matratze gelegt hatte, richtete sich nochmals auf, zeigte dann unter Dennis Bett und deutete auf dessen roten Plastikball. Dieser leuchtete immer noch in einem pulsierenden Rot.

Dennis beugte sich herunter und sah nun ebenfalls auf seinen Ball. „Du willst doch nicht etwa sagen, das unser Orakel wieder Kontakt mit dir hat! Ich meine du hast den Ohrring nicht mehr und...“

„Schon klar Dennis, noch habe ich ihn nicht. Aber denke doch einmal nach, damals auf ANDERSWO. Unser Auftrag Prinz Marvin zu finden und schließlich den Steinritter von seinem Fluch zu befreien ist uns ja gelungen. Aber dann, das gigantische Auge am Himmel. Zu wem gehörte es? Und hast du etwa gesehen in was sich unsere Steinschlagmumie verwandelt hat?“

Dennis schüttelte den Kopf.

„Niemand von uns hat es gesehen, weil uns das Orakel schnellstens von ANDERSWO in unsere Welt zurück gebracht hat!“

„Um uns zu schützen?“ stellte Dennis unsicher eine Gegenfrage.

„Gut möglich, aber sicher nicht vor Gerlack, wie scheußlich dieser Zwerg auch auf uns wirken mag. War nicht er es, der uns den Namen vom Steinritter verraten hat?“

„Ja schon, aber nicht einfach nur so wie du ja weißt. Er rang mir ein Versprechen als Gegenleistung ab. Und das spricht nicht grade führ ihn!“ entgegnete Dennis etwas gereizt.

„Aber auch nicht unbedingt gegen ihn, oder?“

Beide schwiegen jetzt und schließlich löschte Dennis das Licht. Ein Blick auf seinen mit grünen Zahlen leuchtenden Radiowecker verriet ihn, das es erst 1:47 Uhr war. Verbunden mit einem Seil und einer seit Kindergartenzeiten anhaltender tiefen Freundschaft harten beide Jungen auf das was sie dort in der Wüsten Welt erwarten würde. Beide wussten, das Dennis noch einmal dorthin zurück kehren musste, hofften aber, das er es dieses mal nicht alleine sein würde.

Der Schlaf übermannte sie schließlich und Dennis begann erneut zu schwitzen...

 

...und erwachte dann nur wenig später wieder in der heißen Wüstenwelt.

Sofort griff er nach seinem Handgelenk, spürte den Knoten des Seils und lies dann seinen Blick, immer noch liegend, daran entlang Laufen. Am anderen Ende sollte sich eigentlich Dirk befinden, doch zu seinem Entsetzen fehlte von seinem Freund jede Spur. Das  Seilende schwebte einfach gute 30 cm über den Wüstensand frei in der Luft. Die Schlaufe, in der sich Dirks Handgelenk befinden sollte, war leer.

Langsam richtete sich Dennis auf und begann vorsichtig daran zu ziehen. Das Seil strafte sich und gerade, als er einen leichten Wiederstand zu verspüren glaubte, fauchte von schräg hinter ihn Gerlack mit gemeiner Stimme: „Was wird den das mein glatthäutiger Dennis!“

Geschockt fuhr der Junge herum, konnte aber wie beim ersten mal niemanden sehen.

„Weißt du, das du mich vorher zu fragen hast, bevor du mit deinen Freunden in meinem Sandkasten spielen darfst?“

„Aber das konnte ich nicht, du warst auf einmal weg und ich wieder zuhause in meinem Bett und außerdem...“

„Schon gut Dennis, schon gut.“ unterbrach ihn der Zwerg barsch. „Du hast ja recht. Vor einem halben Jahr wurden wir leider unterbrochen und ich musste dich zurück schicken. Hätte „SIE“ dich hier entdeckt, wärst du sicher verloren gewesen.“

Dennis traute seinen Ohren kaum. „Was sagtest du grade Gerlack? Vor einem halben Jahr; Das kann nicht sein. Ich war höchstens zwei Stunden weg. Und wen meinst du eigentlich, wenn du von „SIE“ sprichst?“

Statt einer Antwort fragte Gerlack: „Wolltest du nicht deinen Freund hier bei dich haben? Dann sie her. Dort ist er!“

Sofort drehte sich der Junge herum. Tatsächlich lag Dirk keine drei Meter von ihm entfernt im Sand und schien zu schlafen. Der Arm, an dem das Seil verknotet war, stand leicht angewinkelt in die Höhe, was erklärte, das bis vor wenigen Sekunden die leere Schlaufe in der unerträglich warmen Luft schweben konnte.

Ohne sich weiter um den Zwerg zu kümmern, krabbelte Dennis zu Dirk hinüber und schüttelte ihn sanft an dessen Schulter.

„Hey Dirk, wach schon auf!“

Jetzt kam Bewegung in den schlafenden Jungen und dann schlug er seine Augen auf. Langsam richtete er sich auf und sah sich um. Dann flüsterte er: „Wo ist unser Zwerg, ist er hier?“

„Klar bin ich hier Dirk!“ säuselte Gerlack in unmittelbarer Nähe, noch bevor ihm Dennis eine Antwort geben konnte. „Steh auf und sieh dich ruhig um in meiner Welt. Ist es nicht Öde hier. Sage mir Dirk, Freund vom glatthäutigen Dennis, möchtest du bis ans Ende aller Zeiten hier her verbannt sein?“ Dirk schüttelte seinen Kopf und schwieg. Nicht nur weil ihm nichts dazu einfiel, sondern auch deshalb, weil er das von Dennis bereits beschriebene  merkwürdiges Geräusch vernahm, das von überall gleichzeitig her zu kommen schien.

Jetzt ergriff Dennis mutig das Wort. Dabei hörte sich seine Stimme jetzt viel sicherer an, war er doch  nicht mehr alleine mit dieser unheimlichen Zwergen Gestallt, die sich immer noch vor ihm verborgen hielt.

„Wollen wir nicht endlich mal zur Sache kommen? Ich meine um so länger ich mit dir rede, desto  mehr Fragen stellen sich mir. Wobei soll ich dir eigentlich helfen? Wen meintest du, als du vorhin von „SIE“ gesprochen hast und was ist das für ein unheimliches Geräusch? Wind ist das sicher nicht. Wenigsten spüre ich keinen. Und dann noch eins. Wo ist die Sonne dieser Welt? Ich sehe keine und dennoch sollte es grade hier eine geben. Es ist hell und verdammt heiß hier, findest du nicht auch Gerlack?“

Statt einer Antwort schnaubte dieser nur kurz auf und schwieg.

Unsicher sahen sich die Freunde an und schließlich fragte Dirk in die Richtung aus der Gerlack zuletzt gesprochen hatte: „Was ist jetzt. Bekommen wir endlich eine Antwort auf unsere Fragen?“

„Na schön, ihr zwei glatthäutigen Menschbübchen. Ich werde es euch sagen. Doch zuvor nehmt dieses hier an euch!“

Bei diesen Worten erschien aus dem nichts heraus ein kleiner brauner Lederbeutel, der sich langsam schwebend zu Dennis Füßen herab ließ. Dieser bückte sich rasch um danach zu greifen, doch Gerlack hinderte ihn daran in dem er zischte: „Vorsicht mein Freund. Du darfst diesen Beutel jetzt auf gar keinen Fall öffnen. Erst wenn die Zeit gekommen ist dürft ihr dies tun!“ Gerlack machte eine kurze Pause und sagte dann: „Der Inhalt wird euch sicher einige Antworten auf eure Fragen zu dieser Welt hier geben. - Nun ja vielleicht auch nicht.“ An dieser Stelle kicherte der Zwerg etwas hämisch vor sich hin, bevor er weiter sprach.

„Deine Aufgabe Dennis ist es, „SIE“ zu finden und „SIE“ zu vernichten!“

„Aber wie werden wir wissen, wann die Zeit gekommen ist um deinen Beutel zu öffnen?“ unterbrach ihn Dennis ratlos. Gerlack aber fauchte wütend: „Schweige gefälligst, bis ich fertig bin!“

Dennis schluckte und schwieg.

Ihr alle werdet wieder zusammen finden und NEKLASS wird euch führen, dorthin wo alles begann. An einem Ort den ihr schon kennt und zu einer Zeit, die sehr lange vor dieser hier liegen wird!“

Gerlack machte erneut eine kurze Pause und fragte dann: „Habt ihr das alles Verstanden?“

Dennis sah kurz zu seinem Freund hinüber und sagte dann mit leicht zusammen gekniffenen Augen in die Richtung gewannt, in der er Gerlack gerade vermutete: „Willst du damit sagen, das wir uns jetzt gerade in der Zukunft befinden? Das dies hier das ist, was es sein wird, wenn wir es nicht schaffen diese „SIE“ zu finden und zu vernichten?“

Statt einer Antwort begann der unsichtbare Zwerg schaurig zu lachen. Und während er lachte wurde es den Jungen schwindelig. Sie sackten in sich zusammen und entglitten der Wüstenwelt von Gerlack in einen tiefen Schlaf, aus dem sie erst Stunden später wieder erwachten.

 

*

 

Als erstes erwachte Dirk. Etwas verwirrt und orientierungslos sah er sich in dem halbdunklen Zimmer um. Durch die halb geschlossenen Rollläden drangen die ersten Sonnenstrahlen des Spätsommers und irgendwo kläffte ein Hund durch die ansonsten nur durch leises Vogelgezwitscher unterbrochene Morgenstille.

Langsam drehte er sich gähnend auf die andere Seite, als er das Seil bemerkte, das sich irgendwie um seinen Oberkörper gewickelt hatte. Als er dann an dem jetzt gestrafften Seil zog, hörte er Dennis gähnend grunzen: „Man lass mich schlafen Dirk.“

Dieser dachte gar nicht daran. Schlagartig wurde ihm bewusst, das er mit Dennis zusammen in der vergangenen Nacht einen Ausflug in eine absurde Traumwelt  gemacht  hatte. Deshalb entledigte er sich des Seiles und zog dann geräuschvoll den Rollladen am Fenster nach oben. Dabei sagte er: „Ich weiß nicht wie es dir geht mein lieber Freund, aber ich für meinen Teil brauche jetzt erst einmal eine kalte Dusche!“ Er lief zu Dennis Bett hinüber und sah auf ihn hinunter. Zusammengerollt lag er da, das andere Seilende immer noch um sein Handgelenk gebunden. Seine Haare standen ihm zu Berge und überall auf seinem Körper waren Spuren von Gold gelben Sand zusehen.

„Los komm schon in die Gänge oder willst du, das uns so deine Eltern sehen. Möchtest du ihnen etwa sagen, das wir mitten in der Nacht auf dem Spielplatz gewesen sind und uns dort einen Eimer mit Sand geholt haben um dann hier in deinem Zimmer eine Sandburg zu bauen?“

Das wirkte. Rasch richtete sich Dennis auf und sah sich um. Zwar hatte Dirk mal wieder übertrieben, aber angesichts der Menge des Sandes der sich überall auf seinem Bett, Dirks Matratze und schließlich an ihnen selbst befand, mussten sie erst einmal Ordnung schaffen. Und zwar schnell. Ein Blick auf seine Uhr trieb ihn dann zur Eile an. Deshalb sagte er: „OK, gehe du zuerst Duschen. Ich räume inzwischen etwas auf hier!“

Dirk nahm aus seinem Rucksack frische Kleidung und drehte sich an der Tür noch einmal zu Dennis herum. „Wo ist der Beutel von Gerlack?“

Dennis suchte das ganze Bett ab und fand ihn schließlich am Fußende unter seiner Decke.

„Hier ist er!“ rief er erleichtert doch angesichts des Geheimnisses was sich im Inneren des Beutels verborgen hielt, fröstelte es ihm leicht. Dirk erging es nicht viel besser.

„Gut, aber wir öffnen ihn nachher gemeinsam. Wer weis was für ein Unheil dort drinnen steckt.“ mahnte Dirk und trollte sich dann ins Badezimmer.

Dennis war froh, das sein Freund wenigsten dieses mal darauf verzichtet hatte nicht in seiner übermächtigen Fantasy ein wüstes Spektakel zu umschreiben, was möglicher weise alles passieren könnte, wenn er es wagen sollte den Beutel ohne ihn zu öffnen.

 

Vorsichtig legte Dennis Gerlacks Lederbeutel auf seinem Schreibtisch ab und begann dann die Spannbetttücher abzuziehen. Dabei warf er flüchtig einen Blick unter das Bett. Dort lag sein Ball  einfach nur da, ohne zu leuchten. War das nun gut oder schlecht?  Er wusste es nicht. Seine Gedanken glitten dann zu den anderen aus ihrer Gruppe ab. Er dachte an Niels, der als einziger von ihnen Gerlack nicht in einem Traum, sondern wahrhaftig in seiner vollen Wiederwertigkeit erlebt hatte. Nur damals kannte Niels natürlich noch nicht den Namen des Zwerges. Da war Martin, der mit seiner Ratte Florizwo entscheidend dazu beigetragen hatte, Prinz Marvin zu finden. Weiter dachte er an Sara, die sich nur schwer in ihre Gemeinschaft eingefügt hatte und schließlich noch an Till, der mit seiner Schwester Kesse ihre Truppe abrundete. Sie alle waren in ANDERSWO gewesen, hatten Prinz Marvin gefunden und ihn befreit. Letztendlich konnten sie gemeinsam den steinigen Ritter NEKLASS von seinem Fluch befreien. Doch dann wahr plötzlich dieses gigantische und bedrohliche Auge über ihnen im Himmel von ANDERSWO erschienen. Dennis glaubte zu wissen, das sie es nur Niels zu verdanken hatten, das nichts schlimmeres passiert war. Er hatte mit seiner Steinschleuder und dem geheimnisvollen Kristall das feurige Riesenauge vertrieben.

Und dann?

Dennis schüttelte seinen Kopf. An dieser Stelle hörte die Erinnerung an ihren Abenteuern auf. Er fragte sich, ob irgend jemand von ihnen das Ende von NEKLASS Verwandlung mitbekommen hatte. Wer war er? Wer hatte ihn in dieses Steinmonster verwandelt und warum sollte ausgerechnet NEKLASS sie führen?

Auch hierauf konnte er sich keinen Reim drauf machen.

Seine Gedanken kehrten zu Kesse zurück und blieben bei ihr hängen. Konnte sie sich jetzt auch wieder an ANDERSWO erinnern? Daran, das er sie mochte, ja möglicherweise in sie verliebt war?

Damals hatte Kesse ihn direkt darauf angesprochen aber er hatte...

 

Dirk riss ihn aus seinen Gedanken, als dieser aus dem Bad zurück kehrte.

„So, du bist dran. Aber beeile dich. Ich glaube deine Eltern werden grade wach!“

Dennis spurtete los und während er den Flur entlang, am Schlafzimmer seiner Eltern vorbei, in Richtung Badezimmer hastete, glaubte er für einen kurzen Augenblick Kesse schreien zuhören. Sie schrie seinen Namen...

 

 

*

 

...“DENNIS!!“

Kesse fuhr aus ihrem Alptraum heraus und sah sich gehetzt in ihrem Zimmer um. Dabei klatschten ihre langen blonden Haare, die jetzt von ihrem Schweiß durchnässt waren, in ihr Gesicht.

Langsam dämmerte ihr, das sie gerade nur schrecklich geträumt hatte doch gleichzeitig wurde ihr bewusst, das dies nicht nur einfach ein Traum war, den man mal hin und wieder träumte. Nein, das war er wahrhaftig nicht. Dieser Traum brachte ihr die Erinnerung an ANDERSWO zurück und nicht nur das.

Kesse saß zusammengesunken in ihrem Bett und zuckte zusammen, als die Türe unverhofft aufgerissen wurde. Die geschlossenen Vorhänge vor ihrem Zimmerfenster ließen genügend Licht der Morgensonne in den Raum hinein fallen, so das sie sofort ihren Vater erkannte. Dieser blieb nun leicht wankend im Türrahmen stehen und sagte. „Lisa, warum schreist du hier so rum!“

An der Art wie ihr Vater mit ihr sprach, erkannte Kesse, das dieser mal wieder betrunken war. Ohne ihm zu antworten, stand sie auf und zog die Vorhänge zurück.

Hinter ihr taumelte nun ihr Vater weiter ins Zimmer hinein, stolperte, verlor das Gleichgewicht und viel dann halb auf Kesses Bett.

„Raus hier Papa, du, du ekelst mich an!“ schrie Kesse ihren Vater angewidert an.

„Aber Lisa, mein Sonnenschein, ich wollte dir nur helfen.“ brabbelte ihr Vater in der Typischen lala Sprache, wie sie nur betrunkene perfekt beherrschten. Dabei sah er sie mit Blut unterlaufenden Augen an. In Kesses Nase stieg nun der Geruch von Alkohol, kalten Zigarettenrauch und erbrochenen. Sie würgte und schrie dann erneut: „Raus hier, ich hasse dich, wenn du so bist wie du jetzt bist! Verschwinde endlich!“ Dabei rannen Tränen der Wut über ihre Wangen.

Durch die immer noch geöffnete Tür trat jetzt Kesses Bruder Till in das Zimmer ein. Sofort erkannte er die Situation und sagte dann: „Papa, bitte gehe und leg dich schlafen!“

 

Aber dies war nur ein frommer Wunsch von Till, wusste er doch, das sein Vater in diesen Zustand unberechenbar war. Oft genug hatten die Geschwister in den letzten Wochen diese Unberechenbarkeit am eigenem Leibe zu spüren bekommen. Ganz besonders schlimm war es an jenem Tag, als Till den geöffneten Brief vom Schulamt auf dem Küchentisch entdeckt hatte. Neugierig wie er wahr, hatte er ihn gelesen und erkannt, das sein Vater dabei wahr, seine Arbeit als Hausmeister an ihrer Schule zu verlieren, wenn er nichts gegen seine Trunksucht unternahm. Er hatte den Brief nicht ganz zu Ende lesen können, da sein Vater unbemerkt in die Küche ein getreten war. Als dieser erkannte, das Till den Brief in seinen Händen hielt, rastete er zum ersten mal richtig aus. Hatte er zuvor seine Kinder nur mit derben ausdrücken beschimpft oder mit Gegenständen nach ihnen geworfen, wenn er betrunken wahr, so hatte er dieses mal zugeschlagen. Mit blutender Nase hatte Till sich dann aus dem Haus geflüchtet und war dann zu dem einzigen Ort gegangen, an dem sein Vater schon lange nicht mehr hin kam. Dem Friedhof. Heulend hatte er lange am Grab seiner Mutter gesessen.

 

Jetzt sah es wieder nach Schlägen aus, denn ihr Betrunkener Vater kam erstaunlich schnell wieder auf seine Beine. „Warte du Bengel, ich werde dir zeigen, wie du mit mir...“

Weiter kam er nicht mehr, den Till gab ihm einen kräftigen Stoß in die Rippen, so das er rückwärts taumelte und erneut auf Kesses Bett stürzte.

Kesse schnappte sich ihre Anziehsachen und folgte dann ihren Bruder in dessen Zimmer, der dann rasch hinter sich die Türe verschloss.

Kesse heulte jetzt und schniefte: Wenn ich wieder in ANDERSWO bin werde ich niemals mehr zurück kehren, niemals mehr!“

Till nahm seine Schwester in die Arme und sagte dann leise: „ANDERSWO, also doch. Und ich dachte, das alles nur ein Traum war.“

Kesse sah ihren Bruder mit verheulten Augen an: „Ja, du warst auch da und wie es aussieht werden wir dorthin zurück kehren müssen, wir alle.“

„Alles ist besser als das hier!“

„Ich glaube nicht. Ich hatte einen Traum und in diesen...“ schluchzte Kesse immer noch doch ein Poltern an der Tür unterbrach sie. Wie wild hämmerte ihr Vater dagegen und schrie wütend: „Macht sofort auf ihr undankbaren Gören, ihr Taugenichtse...!“

„Los, wir verschwinden durch das Fenster!“ entschied Till.

Rasch wechselten beide ihre Kleidung, den sie trugen noch ihre Schlafklamotten.

Der Flachbau, in dem sie wohnten, hatte nur ein Erdgeschoss und so war es ein leichtes für sie, aus dem Fenster zu steigen. So ließen sie ihren tobenden Vater zurück und rannten hinüber zu dem verlassenen Schulgelände. Niemand hielt sich jetzt dort auf, denn es war Samstag und somit keine Schule. Erst an der sogenannten Raucherhütte hielten sie an.

Etwas außer Atem fragte Till dann: „Dein Traum, was passierte da?“

„Es ist furchtbar, es ist...“ Kesse stockte, holte tief Luft und versuchte es dann noch einmal. Aber irgendwie fand sie den Anfang nicht mehr. Es war, als würde ein großer Radiergummi die Erinnerungen an diesen Traum aus ihrem Gedächtnis streichen. Ratlos sah sie ihren Bruder an.

„Was ist? Ist es so schrecklich?“

„Ich weiß es nicht mehr. Die Erinnerungen verschwinden einfach...“

„Die Erinnerungen an ANDERSWO?“ unterbrach sie Till besorgt.

„Nein.“ sagte Kesse gedehnt, „Aber ich habe diesen Alptraum vergessen. Ich weiß nur noch, das irgend etwas mit Dennis passierte, etwas schlimmes. Aber was genau es war und wo, ich weiß es einfach nicht mehr.“

Beide schwiegen eine Weile und dann fragte Till: „Und was jetzt?“

Kesse sah ihn überrascht an. „Das ist doch ganz einfach. Wir werden Dennis einen kleinen Besuch abstatten. Nach Hause können wir ja vorläufig nicht. Ich bin gespannt was er dazu sagt, wenn ich so neben bei einmal ANDERSWO erwähne!“

Till nickte und sagte, während er aufstand: „Ich glaube, das er sicher schon Bescheid weiß. Damals fing ja auch alles mit seinem Ball an, warum auch nicht dieses mal!“

Schweigend machten sich die Geschwister auf dem Weg zu Dennis.

 

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