SAMSUDARA
(ANDERSWO II)
von Moritz
W. Haus
(©2003/2008)
Kapitel 1
NEKLASS
„....NEKLASS!“
Dieses
Wort zuckte wie ein Peitschenhieb durch den Kopf des Steingiganten, der schon
lange nicht mehr wusste, wer oder was er überhaupt war.
Sein
entsetzliches Geschrei, ausgelöst durch die blauen Lichtstrahlen, die sein
einzelnes Auge getroffen hatten, verstummte sofort.
Fast
gleichzeitig fühlte er, wie etwas in ihm zu schlagen begann. Etwas tief in
seiner Brust, erst langsam und stockend und dann immer gleichmäßiger.
Bis zu
diesem Augenblick war er nur ein willenloses Opfer eines grausamen Zaubers
gewesen.
Er war
kalt, leblos und aus Stein.
Gerade war
er wieder im Begriff gewesen etwas zu zerstören, ja sogar zu töten. Doch dann
dröhnte ihm dieser Name entgegen. Ausgerufen von seinen Opfern, die ihn
eingekreist hatten.
Wann hatte
er diesen Namen, seinen Namen das letzte Mal gehört? Er wusste es nicht mehr.
Nur lange, sehr lange musste es her sein.
Jetzt
stieg in ihm ein fürchterlicher Schmerz auf, ausgehend von dem klopfenden etwas
in seiner Brust, so das er unweigerlich seinen Schmerz
in den dunklen Himmel von ANDERSWO hinaus brüllte.
Er spürte,
wie etwas Böses aus seinem Körper heraus getrieben wurde. Etwas sehr böses, das
sich aber verbissen wehrte.
Nur undeutlich
sah er durch sein verbliebenes Auge die schemenhaften Umrisse seiner Gegner,
die zu wachsen schienen.
Doch das
taten sie nicht. Er war es der schrumpfte. Doch das wurde ihm jetzt nicht
bewusst. Seine Schreie gingen nun in ein klägliches jammern über und das letzte
was er von seiner Umgebung mitbekam war ein sanftes leuchten. Dann entglitt
sein Bewusstsein in eine unendlich tiefe und friedliche Stille...
...Stille,
nichts als Stille und dann ein entferntes, leises Wispern.
„Neklass, Neklass, - Wache auf. Es
ist soweit.“
Nur
langsam kehrte Neklass in die Wirklichkeit zurück.
Wieder
vernahm er die leise, sanfte Stimme. Diesmal etwas lauter.
„Kannst du
dich an ANDERSWO erinnern?“
„ANDERSWO.“
flüsterte er mit einer hellen Jungenstimme, die sehr befremdlich auf ihn
wirkte.
„Und an
das, was du dort getan hast? Kannst du dich daran erinnern?“
Neklass dachte nach aber da war nichts.
Absolut nichts.
Langsam
spürte er jetzt seinen Körper wieder. Einen Körper der sich irgendwie fremd
anfühlte und dennoch so vertraut.
Er fühlte,
wie er aus einer angenehmen Schwerelosigkeit heraus glitt und dann mit dem
Rücken auf etwas weichem landete. Vorsichtig versuchte er seine Augen zu
öffnen, doch er schaffte es nicht.
Da die
unbekannte Stimme schwieg, flüsterte Neklass jetzt:
„Wo bin ich und wer bist du?“
„Ich bin
das summende Orakel von ANDERSWO und du bist an einem Ort, an dem du vor
SAMSUDARA und ihren Schergen sicher bist. Wenigstens im Augenblick. Ich habe
dich hierher gebracht um dich zu schützen!“
Neklass versuchte erneut seine Augen zu
öffnen doch mehr als ein klägliches Blinzeln brachte er nicht zustande.
„Zu
schützen? Wer ist diese SAMSUDARA und was will sie von mir?“ fragte er dann
unsicher in die Dunkelheit hinein, die ihm scheinbar umgab.
„Du wirst
es erfahren, früher als es dir möglicherweise lieb sein kann. Doch jetzt höre
mir gut zu, Neklass von ANDERSWO!“
„Warte,
bitte..., wo bin ich hier?“ unterbrach Neklass das
Orakel mit matter Stimme.
„Du bist
sehr Ungeduldig! Aber Ungeduld kann sehr gefährlich sein. Erst recht an solch
einem Ort wie dieser hier einer ist!“
„Aber,
aber...“ stotterte Neklass, „sagtest du nicht, ich
bin hier in Sicherheit?“
„Das sagte
ich aber du solltest wissen, das ich dir bestimmte
Erinnerungen genommen habe. Böse Erinnerungen. Nur so kannst du der
Herausforderung die dich erwartet entgegen treten. Doch das, was du jetzt
vergessen zu haben glaubst; was jetzt im dunklen verborgen zu liegen scheint,
wird wieder zurück kehren in deine Gedankenwelt!“
Das Orakel
machte eine Pause und sagte dann: „Du bist jetzt hier in „SOWIESO“, einer Welt,
die schon die furchtbare Rache der SAMSUDARA zu spüren bekommen hat. Deshalb
bist du hier auch vor ihr sicher, weil sie dich hier nicht vermuten wird. Doch
vor SAMSUDARAS Rache, einem sehr bösen und heimtückischen Zauberfluch, den sie
hier auf SOWIESO zurück gelassen hat, bist du leider nicht geschützt. Deshalb
ist es hier trotzdem sehr gefährlich für dich!“
„Was ist
es? Vor was muss ich mich in acht nehmen und warum kann ich meine Augen nicht
öffnen, meinen Körper nicht bewegen!“ wollte Neklass
schreien, doch seine allgemeine Schwäche ließen einmal mehr nur ein flüstern
über seine trockenen Lippen kommen.
Das Orakel
veränderte seine Tonlage als es ärgerlich antwortete: „Beherrsche dich und übe
dich in Geduld, sonst ist alles verloren noch bevor du auf deine Retter treffen
wirst!“
„Retter?
Ich dachte du...“
„Ich
brachte dich nur hierher. Gerettet haben dich andere und jetzt schweige bis ich
fertig bin mit dem, was ich dir noch zu sagen habe. Also höre genau zu, Neklass von ANDERSWO!“
Das
summende Orakel machte eine längere Pause, bevor es endlich weiter sprach.
„Du wirst
deinen Rettern den Weg weisen, einen langen und gefährlichen Weg, der euch
direkt ins Zentrum von Samsudaras Reich führen wird.
Ihr müsst
sie aufhalten und vernichten, bevor sie die Zeitenuhr endgültig zum Stillstand
bringen kann. Sage mir Neklass, kannst du dich noch
an diese Zeitenuhr erinnern?“
Während
das Orakel gesprochen hatte, waren schemenhafte Erinnerungsfetzen durch Neklass Gedankenwelt gezuckt, zu kurz um sie zu erfassen
oder gar zu begreifen, aber dennoch lange genug um zu wissen, das er diese
Zeitenuhr schon einmal gesehen hatte.
Doch wo
und wann das gewesen war, daran konnte der Junge sich nicht mehr Erinnern.
Deshalb sagte er leise: „Ich glaube, das ich sie kenne, aber ich weiß nicht
mehr wo sich diese Zeitenuhr befindet und was sie bezweckt. Kannst du mir es
nicht sagen?“
„Nun das
könnte ich sicherlich, doch wie ich dir bereits schon sagte, wirst du dich erst
daran Erinnern, wenn die Zeit dafür reif ist.
Würdest du es jetzt schon wissen, würde eine Rettung der sieben Welten
unweigerlich zum Scheitern verurteilt sein. Es wäre deshalb besser, wenn du mir
einfach vertraust.“
Neklass hatte keine andere Wahl und deshalb fragte
er: „Wo finde ich diese Retter? Sind sie hier auf SOWIESO?“
„Nein,
aber einer von ihnen wird sich hierher Träumen und sich in Samsudaras
Fluch verirren.
Das kann
dir auch passieren, wenn du nicht aufpasst. Du musst deshalb unbedingt allen
Verlockungen Wiederstehen, die dir hier begegnen werden und das Mädchen finden!
Du musst
sie unbedingt aus diesem Traum heraus holen, bevor sie sich darin für immer und
ewig verlieren kann. Das ist deine erste Aufgabe hier!“
„Mädchen?
Träumen? Ich verstehe nicht ganz!“
„Keine
Sorge, das wirst du schon noch. Du hast sie schon einmal in ANDERSWO gesehen,
zwar nur kurz, doch du wirst sie erkennen. Öffne jetzt deine Augen und sieh
her!“
Vorsichtig
hob Neklass seine Augenlieder an und sah überrascht
auf einen dunkelblauen Himmel, der sich unendlich in allen Richtungen ergoss.
Langsam
richtete er sich auf und sah sich neugierig weiter um.
Links
glitt jetzt eine rot pulsierende, frei schwebende Kugel in sein Blickfeld und
darunter erkannte er einen braunen Rucksack, auf dessen Vorderseite sich einige
unterschiedlich große Taschen befanden.
„Das hier,“ begann aus der leuchtenden Kugel heraus die Stimme des
Orakels zu sprechen, „ist der Rucksack der Symbole. Erkennst du ihn wieder?“
Neklass überlegte, fand aber keine Erinnerungen
über einen Rucksack. Deshalb schüttelte er nur seinen Kopf.
„Das ist
auch gut so. Nehme ihn und verteidige ihn Notfalls mit deinem Leben.
Niemals
darf der Inhalt in die Hände von Samsudara fallen.
Denn wenn dies geschehen würde hätte sie es leichter ihre finsteren Pläne in
die Tat umzusetzen. Schon einmal hätte sie es fast geschafft, doch die sieben
Retter konnten dies in letzter Minute verhindern!“
„Was
befindet sich denn in dem Rucksack?“ erkundigte sich Neklass
vorsichtig.
„Darin
befinden sich 6 Portalsymbole. Der Rucksack selbst ist ein weiteres Symbol. Er
ist das Symbol dieser Welt, auf der du dich jetzt gerade befindest.“
„Aber ich
verstehe das alles nicht. Ich...“
„Halt!“
unterbrach ihn das Orakel etwas Ungeduldig. „Keine Fragen mehr. Stehe auf und
suche das Mädchen. Viel Glück, Neklass von ANDERSWO!“
Bei diesen
Worten begann die rote Kugel zu flackern und verschwand dann einfach im nichts.
Zurück
blieben ein brauner Lederrucksack und ein etwas ratloser verängstigter Junge,
der nicht viel älter war, als das Mädchen, das er suchen sollte.
Mühsam
stand er auf und schulterte dann den geheimnisvollen Rucksack.
Dabei
überkam ihn eine innere Ruhe und Sicherheit, die er sich nicht erklären konnte.
Es war ein
beruhigendes Gefühl, das seinen Körper durch strömte und deshalb sah er sich
jetzt etwas genauer in seiner Umgebung um.
Viel gab
es nicht zusehen. Abgesehen von ein paar mageren Sträuchern und Büschen umgab
ihn eine weite Grasebene, die nur hier und da von einigen Baumgruppen
unterbrochen wurde.
Über all
dem lag eine brütende Hitze, die dem Jungen schon bei den ersten Bewegungen den
Schweiß aus den Poren trieb.
Ein Blick
in den Himmel über ihm, überzeugte Neklass davon,
dass es weit und breit keine Sonne zu sehen gab, die diese wärme hätte
rechtfertigen können. Aber wie war das möglich?
Er blickte
an sich herab und sah nun, dass er eine kurze ausgefranste Hose trug, deren
Farbe nicht mehr eindeutig bestimmbar war. Ebenso wie sein offenes, mit Löchern
und Flicken überzogenes Hemd, was er trug, waren die Farben beider
Kleidungsstücke zu einem fast einheitlichen grün grau verblasst.
An seinen
Füßen trug er bräunliche Sandalen, die auch schon mal bessere Tage gesehen
haben mussten. Wann und wo hatte er sich diese Kleidung angezogen? Er konnte
sich nicht mehr daran erinnern.
Langsam
drehte er sich jetzt im Kreis, weil er hoffte wenigstens so einen Weg zu
entdecken oder irgendeinen Anhaltspunkt zu finden, den er hätte folgen können.
Doch weit
und breit sah er nur das fast Knie hohe braune Gras,
das bewegungslos darauf zu warten schien, von ihm durchschritten zu werden.
Viele
Fragen schwirrten jetzt durch seinen Kopf. Fragen die Antworten brauchten.
Wie sollte
er in dieser Einöde nur das unbekannte Mädchen finden?
Lebten
hier überhaupt Menschen die er um Wasser und Nahrung bitten konnte und wenn ja,
konnte er diesen Menschen dann überhaupt trauen?
Fest stand
nur eins. Hier konnte er nicht bleiben. Deshalb betrachtete er noch einmal seine
Umgebung und fixierte dann die größte Baumgruppe die er entdecken konnte.
Mit festem
Schritt marschierte er auf diese doch recht weit entfernten Bäume zu, ohne
jedoch zu ahnen, das dort etwas auf Beute lauerte.
Etwas, was
sehr hungrig war und schon längst seine Witterung aufgenommen hatte.
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